Die Sprachstilistin
Sterben und Trauer: Wenn die Worte fehlen

Der Tod hinterlässt uns oft sprachlos. Und wenn wir doch etwas sagen, wird der Schmerz, vor dem wir uns fürchten, sprachlich in Watte gepackt. Umso wichtiger sind Beerdigungen.

Odilia Hiller
Odilia Hiller
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Der Tod – ein Rätsel, das viele Emotionen auslöst.

Der Tod – ein Rätsel, das viele Emotionen auslöst.

Bild: Bruno Kissling/Oltner Tagblatt

Für immer gegangen. Die Augen für immer geschlossen. Hat uns verlassen. Der Tod verleitet zu einer ganzen Reihe von Euphemismen. Sie sollen das Bedrohliche, Unaussprechliche, das im Sterben liegt, erträglicher machen.

Der Schmerz, vor dem wir uns fürchten, wird sprachlich in Watte gepackt in der Hoffnung, es linderte die Qual. Weil wir uns und andere schonen wollen.

Die letzte Reise angetreten

In diesen Tagen musste auch ich zur fassungslosen, aber zutreffenden Floskel greifen: «Mir fehlen die Worte», habe ich einem Bekannten geschrieben, dessen Sohn unter tragischen Umständen ums Leben gekommen ist. Viel zu jung von uns gegangen. Die letzte Reise angetreten. Für immer eingeschlafen. Ruhe sanft. In stiller Trauer.

Mit einer berührenden Trauerfeier hat die Familie mit Angehörigen, Freundinnen und Freunden sowie Bekannten vom jungen Mann ­Abschied genommen. Noch nie habe ich an einer Beerdigung so viele Tränen fliessen, noch selten so viele Menschen auf einmal überwältigt verstummen sehen.

Das Unfassbare in Worte fassen

Wie die Familie es dennoch geschafft hat, das Unfassbare in Worte zu fassen, hat mich tief beeindruckt. Der Bruder des Verstorbenen erzählte der gelähmten Trauergemeinde in ehrlichen Worten, schonungslos, aber liebevoll, wer der Verstorbene war, was ihn bewegte und was ihn ausmachte.

Diese Geschichte war weit mehr als das Verlesen eines Lebenslaufs. Es war der Versuch, mit Worten festzuhalten, was unwiderruflich verschwunden ist: die Energie und Lebenskraft eines jungen Mannes, der in den vergangenen Jahren mit vielen Problemen zu kämpfen hatte, aber vor allem auf der Suche nach Glück war.

Zusammenstehen, zusammen fühlen

Tod, Trauer und Schmerz sind in unserer Gesellschaft etwas zutiefst Privates. Immer öfter wird im kleinsten Kreis Abschied genommen. Covid-19 zwang in den vergangenen zwei Jahren viele Familien dazu, den Kreis noch kleiner zu halten als gewünscht. Der Tod ist in der Öffentlichkeit und den Medien zwar allgegenwärtig, bleibt dabei aber auch seltsam inhaltslos – oft nicht mehr als eine Statistik. Das Thema lassen wir nur an uns heran, wenn es nicht anders geht.

Tun wir es doch, wählen wir meist eine verhüllende, beschönigende Sprache. Die erste «grosse» Beerdigung nach Aufhebung der Schutzmassnahmen hat mir gezeigt: Wo die Worte fehlen, sollte man wenigstens zusammenstehen. Der Erzählung eines Lebens gemeinsam zuhören. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es der Familie keine Hilfe war, zu sehen, wie Hunderte mit ihnen fühlen und den Schmerz teilen.

Von den Toten reden

Apropos Schmerz: Weltweit sind bald sechs Millionen Personen am (und mit dem) Coronavirus verstorben, davon gut 13'000 in der Schweiz. Auch von ihnen wird noch viel zu wenig gesprochen. Ja, es sind private Schicksale. Wie aber ist es möglich, dass wir uns monatelang wortreich über Masken, Impfungen und Zertifikate ereifern, kaum aber über all die Toten sprechen? Da fehlen noch viele Worte, von uns allen.

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