Kolumne
Was mein 20-jähriges Ich von mir halten würde

Kurz vor ihrem 33. Geburtstag räsoniert unsere Kolumnistin übers Älterwerden. Der Auslöser: Die Kinder am Halloweenabend vor der Wohnungstür.

Joëlle Weil*
Joëlle Weil*
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Wollen Süsses, sonst gibts Saures: Kinder an Halloween.

Wollen Süsses, sonst gibts Saures: Kinder an Halloween.

Mel Yates / Stone

Haben wir Halloween gut überstanden? Meine Schwester erzählte von Kindern, die mit «Süsses oder Saures» an ihre Tür geklopft haben. Ich wurde zum Glück verschont. Nicht, weil ich Kinder nicht mag. Eher deshalb, weil ich nichts anzubieten gehabt hätte.

In zwei Wochen werde ich 33 Jahre alt. Jung, würden viele von Ihnen jetzt sagen. Aber fragen Sie mal ein Kind. Auf dem Spielplatz fragte mich ein Mädchen, ob ich die Mutter oder die Grossmutter meines Sohnes sei. Abends gabs darauf eine Vitamin-C-Gesichtsmaske. Ich hab sie 5 Minuten länger, als es die Packung vorschreibt, einwirken lassen. In den Augen eines Kindes bin ich alt. Und hätte eins von ihnen am Sonntagabend an meine Tür geklopft, wären meine Gegenargumente dünn ausgefallen.

Stellen wir uns das Szenario vor: «Süsses oder Saures!». Ich öffne die Tür: Hallo, liebe Kinder. Schaut ihr schön gruselig aus. Leider hab ich nichts Süsses zuhause. Wisst ihr: Wenn ich Süsses daheim hab, esse ich es. Und mein ­Stoffwechsel und meine Haut machen das in der Menge nicht mehr mit. Aber, hey! Ich hab da was ganz Tolles für euch: Wer will gern ein feines Eisenpräparat? Soja-Joghurt ungesüsst? Reiswaffeln mit Basilikum-Geschmack? Du da hinten! Du schaust aus, als könnte dir eine Flasche Merlot schmecken!

Ich beobachte mich selbst von aussen und erkenne, wie ich mich zum Spiesser entwickle. Heute hielt ich tatsächlich Gesundheitsschuhe in den Händen. Ich hab sie «Gesundheitssneakers» genannt. Es sind Gesundheitsschuhe, das kann man nicht schönreden. Die Innensohle war ganz weich. Und ich verbringe die Tage auf der Website von Tchibo, um einen wadenlangen Regenmantel zu finden. Je älter ich werde, desto länger muss der Regenmantel sein. Mit 20 reichte die Lederjacke. Mit 24 musste der Regenmantel bis zur Hüfte reichen, damit man die ganzen Jeans sieht. Mit 27 wollte ich mich trocken auf ein Bänkli setzen können. Jetzt will ich den Weltuntergang trocken überstehen. Vielleicht fällt man, wenn man alt ist, deshalb so oft hin, weil der Regenmantel dann den Boden streifen muss.

Die Tatsache, dass ich es gerade zum ersten Mal erlebe, dass Mode aus meiner Jugend (während ich «meiner Jugend» tippe, sind mir zwei weisse Haare gewachsen) wieder im Trend liegt, macht mich auch nicht gerade jünger. Meine 15-jährige Nachbarin nennt das «Vintage».

Als ich in meinen Zwanzigern war, war ich mir sicher, dass ich bis zu meinem Lebensende am Wochenende tanzen möchte. Dass ich für immer lieber am Hotel spare und dafür ausgiebig shoppen gehen werde. Dass Pizza für immer das geilste Essen sein wird. In meinen Dreissigern weiss ich, dass ich am Wochenende gern Kaffee mit Freunden trinke. Dass ich nie und nimmer beim Hotel spare, auch wenn ich für ein schönes zu Fuss in die Ferien muss, und dass ich alles mit Trüffel am geilsten finde.

Mein 20-jähriges Ich fänd mich wohl spiessig. Aber ich sag dir was, du 20-jähriges Ich: Mit Ü30 gibt’s zwar nicht mehr nur «Süsses», sondern auch «Saures». Und das Tolle daran ist, dass man Saures plötzlich auch gut findet. Nächstes Jahr hoffe ich an Halloween auf Kinder, denen ich dann Delikatess-Oliven in die Taschen werfe und weise «Eines Tages werdet ihr es verstehen» nachrufen kann.

*Die Autorin ist freie Journalistin in Tel Aviv.

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