Gastkommentar
Wo kämen wir denn hin, wenn noch mehr Menschen glücklich wären?

Wir leben in einer verrückten Zeit. Früher wars viel einfacher. Da war man einfach hässig und keiner hatte was einzuwenden.

Joëlle Weil
Joëlle Weil
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DPA / Keystone

Ja, ich weiss . . . Es ist alles so kompliziert geworden:innen. Nichts darf man mehr sagen und wenn man doch was sagt, ist es falsch, verletzend, gemein, sexistisch, rassistisch, verschwörerisch. Wir leben in einer verrückten Zeit. Früher wars viel besser. Da konnte man einfach hart schiessen und die Augen vor der Schusslinie verschliessen. Da stand jemand? Er:Sie stand falsch, ganz einfach. Zur falschen Zeit am falschen Ort. Heute ist das ganz anders. Da muss man Rücksicht nehmen, den toten Winkel beachten. Es fühlt sich an wie Gehen auf Eierschalen, gepaart mit Kieselsteinchen und wir gehen barfuss ohne Hornhaut.

Früher wars viel einfacher

Was geht mich das eigentlich an, möchte man fragen. Gopferdeckel nocheinmal, das wird man doch wohl noch fragen dürfen! Weder bin ich die Frau im Büro, noch der Schwarze der Nati, noch der hörige Geimpfte. Ich kann schliesslich nicht immer an alle denken! Und jetzt noch diese Pride, mit all den schwulen und lesbischen und transsexuellen und bisexuellen und wasweissichsexuellen. Da blickt doch keiner mehr durch. Und in diesem heidenlosen Durcheinander werden wir alle jetzt in diese Pride miteinbezogen, werden diesem Lärm ausgesetzt und dieser nackten Haut. Letzteres soll gefälligst auf Plakaten, im Fernseher, im Internet bleiben. Oder in der Badi. Auf alle Fälle dort, wo sie hingehört. Ist doch nicht auszuhalten, diese freie Liebe.

Früher wars viel einfacher. Da war man einfach hässig und keiner hatte was einzuwenden. Und wems nicht gepasst hat, der musste sich einfach die Ohren zuhalten, während man auf den Tisch gehauen hat. Wofür hat man diese elenden Hände denn sonst? Diese Weltverbesserer reichen sie einander. Pah! Das elende Pack. Sollen sie damit ruhig stolz ihren Ärmel hochhalten, um allen das weisse Pflästerchen der Hörigkeit zu zeigen. Mit diesen Händen haben wir früher der Sekretärin auf den Po geklapst. Heute könnte es auch ein Sekretär sein. Das will doch keiner.

Wo kämen wir denn hin, wenn noch mehr Menschen glücklich wären?

Wir wüssten ja gar nicht mehr wohin mit unserer Zeit, wenn wir uns nicht mehr über die anderen beklagen. Das kann keiner verlangen. Hat mir schliesslich keiner vorzuschreiben, wen ich mögen muss. Nicht mögen ist die Waffe des freien Mannes:der freien Frau. Das gehört ins Grundgesetz verankert! Känsel Költschär! Verdammt nochmal. Wie in einer Diktatur leben wir hier bald, wenn man nur noch schweigen und mögen darf. Wenn die sich entscheiden, sich impfen zu lassen, schwarz zu sein, vegan, schwul, wasweissichsexuell oder Frau zu sein, dann sollen die mich damit verschonen. Ich kann nichts dafür, dass die anders sind, als ich und so sensibel auf ihre Identität reagieren.

Mich hat ja keiner gefragt, ob ich mit all denen zusammenleben will. Dennoch find ich es wahnsinnig wichtig, dass ich mich zu deren Angelegenheiten äussern kann. Zum Glück werde ich wenigstens da gefragt. Es ist für mich von äusserster Relevanz, dass diejenigen, die mich weder interessieren und noch in meinem Leben eine Rolle spielen, nicht heiraten dürfen. Da können die noch so oft mit Regenbogenfarben auf der Strasse tanzen. Wo kämen wir denn hin, wenn noch mehr Menschen glücklich wären? Noch mehr dieser Gutmenschen? Wie viele von denen kann eine Welt eigentlich ertragen?

Wir müssen dem ein Ende setzen. Das Volk gehört auf eine Sensibilitäts-Diät gesetzt. Dieses «alle ihr Glück gönnen» und dieses verdammte «alle sollen sich wohl und verstanden fühlen». Sind wir die Heilsarmee? Jetzt ist es an der Zeit, viel zu viel davon in die Aufregung über den Gender:Doppelpunkt zu investieren, anstatt zu lernen, ihn uns anzueignen. Dieser Schokokuss schmeckt ja auch nicht mehr, wie er einst geschmeckt hat. Der bittere Abgang fehlt. Und diese Lügenpresse sollen wir eh fortlaufend kritisieren. Gopferdeckel nocheinmal! Trauen tu ich der schon längst nicht mehr. Die erzählt eh nur Blödsinn.

Joëlle Weil ist freie Journalistin und lebt in Tel Aviv.