Gastkommentar
Vorhang auf für die Künste

Über die Unentbehrlichkeit von Kultur fürs souveräne Meistern von Krisen. Sachkompetenz mag eine Krise mehr schlecht als recht managen. Kultur bringt uns in Form, in Menschenform.

Ludwig Hasler
Ludwig Hasler
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Nichts könnte falscher sein als das: Die Bühnen und Zuschauerreihen sind leer und die Gesellschaft hat nicht kollabiert, also ist Kultur nicht systemrelevant.

Nichts könnte falscher sein als das: Die Bühnen und Zuschauerreihen sind leer und die Gesellschaft hat nicht kollabiert, also ist Kultur nicht systemrelevant.

Benjamin Manser

«Aufstehen für die Kunst» heisst eine Initiative aus Bayern. Gegen die rigiden Einschränkungen des Kulturbetriebs geht sie juristisch vor. Sie kritisiert die Geringschätzung der Kultur durch Politik, wenn Regierungen die Künste lediglich als Unterhaltung oder Erbauung einstufen, als etwas Schönes, doch existenziell Entbehrliches.

Was wäre sie denn, «die Kultur», da, wo sie mehr als Unterhaltung und Erbauung betreibt, was sie ja auch tut? Darüber sprach ich mit ein paar Leuten aus Politik und Wirtschaft. Ergebnis: Kultur gilt als eine Art höhere Konsumbranche, sympathisch, doch nicht systemrelevant, was man leicht daran erkenne: Unsere Gesellschaft kollabiere keineswegs, obwohl die Bühnen seit Monaten zugesperrt sind.

Kann man so sehen. Kollabiert sind wir nicht. Doch wie sind wir drauf, wie meistern wir den Corona-Schlamassel? Soso lala. Warum nicht prima? Fehlt es an Sachkompetenz? Es wimmelt von Sachkompetenzen. Trotzdem liefen und laufen manche Dinge schleppend, die psychische Widerstandskraft wirkt eher asthmatisch, kommunikativ viel Wischiwaschi, die Haltung kam nie in einer souveränen Phase an, zu ängstlich blieb ihre Grundmelodie.

Das macht keine Fachkompetenz wett. Es liegt an unserer kulturellen Verfassung. Unschlagbar wäre eine Mischung aus Lebensfreude, intellektueller Vifheit, Mut, Fantasie, Appetit auf Zukunft. Woher sollte das kommen? Studieren lässt es sich nicht. Politisch anordnen auch nicht. Politik ist immer nur so gut wie das, was in unseren Köpfen bereits spukt: Meinungen, fixe Ansichten, ideologische Abneigungen, nebulöse Erwartungen, fromme Absichten. Damit managen wir die Pandemie.

Das sogenannte Gesundheitswesen wird auch nach Corona ein Dauerkrisenfall bleiben. Alle werden aus ihrem Blickwinkel (Prämien, Chefärzte, Regionalspital) weiter lamentieren: Politik kriegt es nichts auf die Reihe! Kein Wunder, da ist auch kein politisches Problem. Ein kulturelles schon. Eine existenzielle Grundverwirrung. Wir wissen nicht mehr, was ein Mensch ist, ein Mensch in seiner Endlichkeit. Am liebsten möchten alle ewig leben – oder wenigstens mit 130 gesund einschlafen und beim Aufwachen feststellen, dass sie tot sind und nie mehr das bescheuerte Zwetschgen-Yoghurt löffeln müssen. Wir erwarten unaufhörlichen Reparatur-Service durch Medizin – zu Tiefpreisen. Vergänglichkeit lehnen wir ab – erst die Glatze, dann die Impotenz, am Ende das Schicksal, den Tod. Wie sollten wir das «Gesundheitswesen» so in den Griff bekommen?

Durch Kultur. Kultur als Trainingscamp für menschliche Kondition. Wir sind Sinnenwesen. Argumentation ist gut, Anschauung ist besser. Animation! Inspiration! Verführung! Charme, Elend und die Würde endlicher Existenz wollen uns vor Augen geführt werden, unsere Ohren erfüllen, unseren Sinnen einleuchten. Das schaffen, wenn überhaupt, nur Künste.

Kultur ist kein «höherer» Konsum. Ich sauge Gustav Mahlers Musik nicht kulinarisch ein. Mich interessiert: Was macht sie mit mir? Verwandelt sie mich? Bilder von Yves Klein und Gerhard Richter und Ives Netzhammer sind mir kein Augenschmaus. Mich interessiert: Verändern sie mein Leben? Steigern sie es? Kunst ist keine Dienstleistung. Eher eine Lebensleistung. Die Leistung, uns in Form zu bringen, in Menschenform. Der Menschenexistenz neue Spielformen zu entdecken – reichere, nuanciertere, ernstere, lustigere, raffiniertere. Die Leistung, gesellschaftliche Standards in der Möglichkeitsform zu variieren. Die Welt als Möglichkeit – das ist Spiel und höchster Ernst. Da liegt der Geburtstort jeder menschlichen Autonomie, der Zentralnerv jeder inneren Freiheit – und das Geheimnis einer vitalen Gesellschaft. Nur das Spiel mit Möglichkeitsformen schützt vor dem Todfeind jeder Lebendigkeit: dem Spiessertum mit seinen kompostierten Blickrichtungen.

Vorhang auf für die Künste!