Gastkommentar
Der technische Fortschritt: Wäre die Pandemie ohne Digitalisierung zu bewältigen gewesen?

Ein Besuch im FIFA-Museum regt zu philosophischen Betrachtungen an. Man glaubte 1930, Fussball «nur» am Radio funktioniere nicht. Also druckte man einen Plan des Spielfeldes und teilte es in nummerierte Quadrate auf, damit der Radiohörer sich den Weg des Balles vorstellen konnte. Aber die Technik funktionierte ohne Hilfe. Heute sehen wir das etwas skeptischer. Aber wäre die Pandemie ohne Digitalisierung zu bewältigen gewesen?

Bernard Thurnheer
Bernard Thurnheer
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Fussball-WM 1930 in Uruguay: Eine Szene aus dem Spiel Chile - Frankreich (1:0).

Fussball-WM 1930 in Uruguay: Eine Szene aus dem Spiel Chile - Frankreich (1:0).

Wikipedia

Die Indianer verständigten sich einst mit Rauchzeichen. Dies war wohl die erste technische Entwicklung auf dem Gebiet der Kommunikation, die bisher ausschliesslich von der Sprache von Mensch zu Mensch gelebt hatte. Es folgten der Buchdruck, das Morsen, das Telefon, das Radio, das Fernsehen, der Computer. Im Bereich der (Nachrichten-) Übermittlung wird der technische Fortschritt besonders augenfällig. Waren diese einzelnen Erfindungen den Ideen einzelner Genies zu verdanken oder musste sich das Geschehen in so oder so vorgezeichneten Bahnen entwickeln? Diese interessante Frage habe ich mir neulich nach dem Besuch des FIFA-Museums in Zürich gestellt.

«15 - 22 - 51 - 83 - 77 - 96 - Tor!» – so geht Fussball am Radio

Bei der ersten Fussball-Weltmeisterschaft 1930 in Uruguay, existierte das Fernsehen noch nicht, wohl aber das Radio. Fussballspiele waren aber an diesem Medium noch nie übertragen worden, anlässlich der WM sollte nun die Premiere erfolgen. Wie aber sollte das genau gehen? Die Südamerikaner liessen Zehntausende von Papierbögen drucken, auf denen das Centenario-Stadion von Montevideo aus der Vogelperspektive gezeichnet war. Das Spielfeld wurde in hundert Quadrate eingeteilt und jedes erhielt eine Nummer. So konnte der Radioreporter jederzeit genau angeben, wo sich der Ball befand: 15 - 22 - 51 - 83 - 77 - 96 - Tor! Die Zuhörer sassen zu Hause mit dem Empfangsgerät neben und dem Stadionplan vor sich. So war es jedenfalls vorgesehen. Ob sich das an der WM von 1930 genau so abgespielt hat, entzieht sich meiner Kenntnis, jedenfalls kann man einen solchen Stadionplan im FIFA-Museum bestaunen. Die Fussball-Radio-Reportage nahm dann aber einen ganz anderen Verlauf.

Über ein Jahrhundert lang wurde jeder technische Fortschritt bejubelt und sogar mit dem Fortschritt der Menschheit als Ganzes gleichgesetzt. Erst in den letzten 20 Jahren kamen skeptische Stimmen auf, die auf die Kehrseiten des Fortschrittes hinweisen. Die Umweltzerstörung ist das eine grosse Handicap, der Verlust der Privatsphäre das andere. Sangen auch Sie noch «Die Gedanken sind frei» in der Schule? Das können Sie heute im Zeitalter der Digitalisierung vergessen.

Ja, diese Digitalisierung, die meist als Symbol für die künstliche Intelligenz verwendet wird, wird heute als die Wurzel allen Übels, als der Bösewicht schlechthin, angesehen. Das ist allerdings genauso übertrieben wie die frühere blinde Fortschrittsgläubigkeit.

Die Digitalisierung entschied den Wettlauf gegen die Zeit

Als in China ein für die ganze Menschheit bedrohliches Virus ausbrach, wurde dieses sofort entdeckt, dank der Digitalisierung. Bald schon wusste die ganze Welt davon, dank der Digitalisierung. Die besonderen Eigenschaften des Virus, seine Struktur und Wirkungsweise, mussten untersucht und aus dem Nichts ein möglichst wirkungsvoller Impfstoff erfunden werden. Ohne Digitalisierung wäre dieser Wettlauf mit der Zeit nie zu gewinnen gewesen. Nur dank der Digitalisierung konnte die geeignete chemische Zusammensetzung des Impfstoffes eruiert, nur dank ihr diese Substanz hergestellt werden, nur dank ihr in solch grossen Mengen in solch kurzer Zeit. Ohne Digitalisierung wäre selbst die Verteilung der Impfdosen auf die ganze Welt zum fast unlösbaren Problem geworden.

Ich weiss, das Wort «Corona» können wir nicht mehr hören, so sehr hängt es uns zum Hals heraus. Wie es aber der Menschheit gelungen ist, dieser höchst gefährlichen Pandemie innert Kürze mit grosser Effizienz entgegenzutreten, ist fantastisch!

Natürlich klappt die Bekämpfung von Covid-19 nicht überall auf der Welt gleich gut, natürlich bleiben dadurch die Umwelt- und Privatsphärenprobleme bestehen, aber dies hat wenig mit dem technischen Fortschritt zu tun. Die Technik ist wertneutral. Es ist der Mensch, der entscheidet, ob sie zum Guten oder zum Schlechten verwendet wird.