Analyse
Die neue Ära der UBS: Warum es eine Vielzahl guter Gründe gibt, pessimistisch zu sein

Eine Analyse zur Stabsübergabe in der Teppichetage bei der Schweizer Grossbank UBS.

Daniel Zulauf
Daniel Zulauf
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Colm Kelleher.

Colm Kelleher.

Keystone / UBS

Im Verwaltungsrat der UBS hat mit Colm Kelleher ein neuer Präsident das Zepter übernommen. Bei der Abschiedsgeneralversammlung vom 6. April stellte Axel Weber seinen Nachfolger sicher nicht zu Unrecht als Mann von «grosser Kompetenz in der Finanzbranche» vor.

Der gebürtige Ire blickt auf eine mehr als 30-jährige Karriere bei der amerikanischen Grossbank Morgan Stanley zurück. Bis zu seinem Rücktritt vor drei Jahren übte der 65-Jährige in dem alteingesessenen Wall-Street-Haus einen ganzen Strauss von wichtigen Führungsaufgaben aus. Zuletzt war er Chef der Investment Bank.

Zwar verpasste Kelleher den finalen Sprung an die Konzernspitze. Im Wettbewerb um die Nachfolge von CEO John Mack musste er sich gegen den internen Rivalen und Wealth-Management-Chef James Gorman geschlagen geben.

Doch für den UBS-Verwaltungsrat ist es gewiss keine Schmach, wenn ihr Präsident bei der nach Marktkapitalisierung viertgrössten US-Bank bloss die zweite Geige spielte. Immerhin sind noch keine 15 Jahre vergangen, als das grösste Schweizer Finanzinstitut haarscharf am Abgrund vorbeischrammte.

Allerdings hat die UBS die Zeit seit der grossen Finanzkrise für einen Neuanfang genutzt. Still und leise hat sich das Institut im europäischen Kreditgewerbe wieder an die Spitze hervorgearbeitet.

Gemessen an der Marktkapitalisierung liegt die UBS inzwischen wieder knapp vor der französischen BNP Paribas und sogar relativ deutlich vor dem spanischen Banco Santander. Vor ihr steht nur noch die nach wie vor in Grossbritannien domizilierte HSBC, die manch ein Beobachter aber vielleicht eher als asiatische Bank bezeichnen würde.

Die UBS-Aktionäre sind nicht ohne Grund voll der Zuversicht. Die Kapitalausstattung ihrer Bank ist so solide wie bei keinem anderen Mitbewerber in Europa, und mit dem Niederländer Ralph Hamers hat sie einen CEO, der die vielleicht grösste strategische Herausforderung für alle klassischen Banken – die Digitalisierung der Kundenschnittstellen – zielstrebig in Angriff genommen hat.

Doch so hoffnungsvoll wie die neue Ära Kelleher gerade begonnen hat, so gut sind ihre Aktionäre beraten, nicht in Überschwang zu verfallen. Nicht nur die spezielle Geschichte der UBS legt den Gedanken nahe, dass die nächste Finanzkrise bereits um die Ecke lauern könnte. Es gibt eine Vielzahl guter Gründe, pessimistisch zu sein.

Die Instabilität der geopolitischen Lage ist ein Grossrisiko für international aufgestellte Banken wie die UBS. Diese müssen nach dem Verlust des einst aussichtsreichen russischen Marktes nun auch in China um ihre Wachstumschancen fürchten.

Zudem wird die fulminante Rückkehr der Inflation in Verbindung mit der hohen öffentlichen und privaten Verschuldung auch in den westlichen Märkten zunehmend zur Bedrohung für die Konjunktur und das Geschäft der Banken. Gerade die UBS müsste vor diesem Hintergrund alles Interesse daran haben, die Risikovorsorge weiter zu stärken.

Doch für die bestkapitalisierte Bank Europas ist noch mehr Risikovorsorge auch nach der Nahtoderfahrung aus der Finanzkrise alles andere als ein Selbstläufer. Die Aktionäre pochen nach einem Jahrzehnt der Diät auf ihrem Anteil am Wiederaufstieg der Bank. Die UBS-Führung verspricht ihnen kaum ganz freiwillig eine progressive Dividendenentwicklung und legt mit Aktienrückkäufen in Milliardenhöhe nach.

Kelleher weiss, dass er diesem Druck nicht widerstandslos nachgeben darf. Doch für den Ausgleich der Interessen zwischen den Aktionären, den Gläubigern und nicht zuletzt der hiesigen Volkswirtschaft und ihren Steuerzahlenden ist der UBS-Verwaltungsrat nicht allein zuständig.

Nötig ist auch ein gesellschaftlicher Konsens darüber, wie viel Risiko die Schweiz mit ihren Grossbanken zu nehmen bereit ist und wo die Behörden regulatorische Grenzen setzen sollen. Ein solcher Konsens ist umso wichtiger für das Land, als die Grossbanken in den vergangenen Dekaden trotz etlicher Pleiten und Pannen auch viel zum Wohlstand des Landes beigetragen haben.

Leider haben Politik und Behörden diesbezüglich noch keine sichtbar kohärente Strategie entwickelt. Der noch immer stark polarisierte Schweizer Diskurs zum Umgang mit den Grossbanken könnte dereinst zum grössten Problem in der Ära Kelleher werden.

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