Vom System vernachlässigt, von der Gesellschaft abgehängt, von der eigenen Familie verstossen – Menschen ohne Perspektive oder Hoffnung soll besser geholfen werden. Dazu hat sich in Oberengstringen Anfang 2017 eine fünfköpfige Gruppe zusammengeschlossen, die es sich zum Ziel gesetzt hat, alle Menschen, die auf Hilfe angewiesen sind, zu unterstützen. «In der Gemeinde gibt es einige Menschen, die Probleme haben und sozial wenig bis keinen Anschluss mehr finden», sagt Edith Davitti, ehemalige Oberengstringer Gemeinderätin und Präsidentin der Projektgruppe.

Um diese Menschen wieder besser zu integrieren und um ihnen ein gewisses Mass an Halt zu bieten, startet am 11. November um 11 Uhr ihr Hilfswerk, das sich «Haus für alle» nennt. Und das soll es dann auch sein: «Unser Ziel ist es, dass jede notbedürftige Person, egal wie alt oder von wo sie ist, einen Platz bei uns hat, an dem sie sich wohl fühlt und ihr geholfen wird», sagt Mitgründer Marcel Muther.

Als momentaner Hafen für Kontaktfreudige dient der Gruppe der ehemalige Kindergarten Risi, der von der Gemeinde für diese kurze Probezeit für den symbolischen Mietpreis von einem Franken zur Verfügung gestellt wird. Die Schlüssel für diese Räumlichkeiten wurden gestern von Remo Albrecht, Liegenschaftenverwalter der Gemeinde Oberengstringen, und Werner Baltisberger, Mitglied der Schulpflege, an Davitti und einige Mitglieder des Projektteams in einer kleinen Zeremonie übergeben. Allerdings ist dies nicht von Dauer, denn die Liegenschaft wird im Frühling abgerissen und muss Terrassenwohnungen weichen. «Somit sind wir gezwungen, uns schon bald nach etwas Neuem umzuschauen», sagt Davitti. Bis eine geeignete und bezahlbare Unterkunft gefunden werde, könne noch einige Zeit verstreichen.

Von Nachhilfe zur Seelsorge

Vorerst sei es aber wichtig, dass die Menschen, die Unterstützung benötigten, diese auch bekämen. Dazu plant das «Haus für alle» ein grosses Angebot an verschiedensten Dienstleistungen. «Vom Kaffee- über die Lese- und Schreibecke bis zur Werkbank oder einem kleinen Nähatelier soll bei uns jeder das finden, was er mag», sagt Davitti. Denn manchmal reiche es schon, wenn Menschen, die verzweifelt seien, einen gemütlich angenehmen Rückzugsort haben, sagt sie.

Beim gemeinsamen Gespräch könnten dort viele Probleme angegangen und entschärft werden. Für Muther ist es wichtig, dass man darüber spreche. Er vergleicht dies mit der Notfallseelsorge der Kirche, die ebenfalls mit diesem «First-Aid-Gedanken» Probleme der Menschen zu lösen versuche. «Eine nachhaltige und langfristige Unterstützung ist, wie eben auch bei der Notfallseelsorge, mit unseren aktuellen Ressourcen jedoch eher schwierig. Daher konzentrieren wir uns hauptsächlich auf die sofortige Hilfe.»

Auch Sprachbarrieren will die Gruppe beseitigen, indem sie Deutschkurse für Asylsuchende und allenfalls Nachhilfestunden für Schüler organisiert. Dazu plane die Gruppe mit verschiedensten Personen und Stellen Kooperationen einzugehen, um entsprechende Unterstützung anzubieten, sagt Davitti. Denn momentan hat die Gruppe noch das Problem, dass weder Lehrkräfte noch Pädagogen mit an Bord sind, die diese Dienstleistungen dann auch qualifiziert anbieten könnten. Gemäss Muther arbeite man aber intensiv an verschiedenen Möglichkeiten.

Flüchtlinge helfen beim Einzug

Damit das «Haus für alle» über genügend Einrichtung und Ausstattung verfüge, hätten die Mitglieder der Projektgruppe vieles aus der eigenen Tasche finanziert, sagt Muther. Auch Privatpersonen aus der Gemeinde hätten mit Schenkungen dazu beigetragen, dass die Räumlichkeiten angenehm möbliert werden konnten. «Für das Einräumen all dieser Gegenstände erhalten wir Unterstützung von zehn Asylsuchenden, die sich spontan gemeldet haben, als wir ihnen das Projekt vorstellten.» Alleine hätten sie dies wohl nicht geschafft, meint Davitti.

Während die Unterstützung von privater Seite gross ist, halten sich Gemeinde und Kirche jedoch zurück. Von Gemeindeseite begrüsse man es sehr, dass sich Privatpersonen aus Eigeninitiative gemeinnützig engagieren, sagt Philip Baumann, Leiter Sozialdienste. «Wir sind über das Projekt informiert. Abgesehen von der zur Verfügung gestellten Liegenschaft beteiligen oder unterstützen jedoch weder die Sozial- noch die Asyldienste die Projektgruppe.» Ähnlich klingt es auch bei den Kirchgemeinden. Die reformierte Kirche wisse von dem neuen Hilfswerk, sagt Sozialdiakon Peter Lissa. Allerdings wolle und könne man offiziell keine Unterstützung anbieten. Auch Pfarrer Wily Mayunda von der katholischen Kirche Oberengstringen verneint eine Unterstützung. «Wir wissen davon. Seitens der Projektgruppe gibt es unseres Wissens aber nichts Konkretes, das uns vorliegt.» Und dies überrascht, da einige Mitglieder der Projektgruppe «Haus für alle» selber regelmässige Kirchgänger sind oder sich, wie Muther, als sehr religiös bezeichnen und von sich sagt, dass er «die Sprache Gottes spricht» und es «Gottes Gebot» sei, anderen Menschen zu helfen.

Dass die Religion allgemein für Probleme sorgen wird, denkt Davitti jedoch nicht. «Unser Hilfswerk ist absolut neutral und steht allen Menschen und jeder Religion offen.»