Entflohener Häftling

Zürichs Justizvorsteherin Fehr: «Wir lagen mit der Einschätzung falsch»

Am Montag informierte die Zürcher Justiz über den Fall des flüchtigen Häftlings, der in das Tötungsdelikt im Zürcher Seefeld involviert sein soll. Justizdirektorin Jacqueline Fehr musste sich kritischen Fragen stellen.

Eine Urlaubssperre für Gefangene sei nicht angezeigt - es handle sich um einen absoluten Einzelfall, sagte die Zürcher Justizdirektorin Jacqueline Fehr (SP) am Montagnachmittag vor den Medien. Zusammen mit Verantwortlichen des Amtes für Justizvollzugs informierte sie über den Fall des nicht mehr in die Strafanstalt Pöschwies zurückgekehrten Häftlings

Dem 23-Jährigen war nach anderthalb Jahren hinter Gittern der erste unbegleitete Hafturlaub gewährt worden: Am 23. Juni habe er sich von 9 bis 19 Uhr korrekt an das ausgearbeitete Urlaubsprogramm gehalten, sagte Thomas Manhart, der Leiter des Zürcher Amtes für Justizvollzug.

Doch dann flüchtete der Mann, der wegen einer Vielzahl von Delikten zu einer Freiheitsstrafe von fünfeinhalb Jahren verurteilt worden war. "Er kehrte nicht wie vereinbart um 21 Uhr in die Justizvollzugsanstalt Pöschwies zurück, ab 22 Uhr war er bei der Polizei zur Fahndung ausgeschrieben", sagte Manhart.

Tötungsdelikt im Zürcher Seefeld: Das sagt Regierungsrätin Fehr

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Zürich - 4.7.16 - Am vergangenen Donnerstag kam es im Zürcher Seefeld zu einem Tötungsdelikt. Einder der beiden Tatverdächtigen ist flüchtig. Er war eine Woche vor der Tat nicht mehr aus seinem Hafturlaub zurückgekehrt. Die Zürcher Justizdirektorin Jacqueline Fehr erklärt, warum es in diesem Fall zu einer Fehleinchätzung kam.

Eine Woche später kam es im Zürcher Seefeld zu einem Tötungsdelikt. Ein 43-jähriger Mann aus Zürich erlag seinen Stichverletzungen.

Wie Staatsanwalt Adrian Kägi ausführte, konnte in unmittelbarer Nähe ein 25-jähriger Schweizer verhaftet werden. Der Mann, der "beim Anblick der Polizei beim Bahnhof Tiefenbrunnen über die Geleise flüchten wollte", gilt als dringend tatverdächtig.

Dasselbe gilt für den 23-jährigen Schweizer, der eine Woche zuvor nicht in die Pöschwies zurückgekehrt war. Die Auswertung von Spuren brachte ihn mit dem Delikt in Verbindung, wie Kägi ausführte. Am Samstag, 2. Juli, wurde er dann öffentlich zur Fahndung ausgeschrieben - laut Polizei gilt er als gefährlich und dürfte auch bewaffnet sein.

Tötungsdelikt im Zürcher Seefeld: Tatverdächtiger war nicht auffällig

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Zürich - 4.7.16 - Am vergangenen Donnerstag kam es im Zürcher Seefeld zu einem Tötungsdelikt. Einer der beiden Tatverdächtigen ist flüchtig. Er war eine Woche vor der Tat nicht mehr aus seinem Hafturlaub zurückgekehrt. Thomas Manhart, Chef des Justizvollzugs des Kantons Zürich sagt, der Tatverdächtige habe sich nicht auffällig verhalten. Ausserdem führe kein Weg an einem stufenweisen Strafvollzug vorbei.

Im Vollzug deutete nichts auf Gefahr hin

Die SVP hatte am Montagmorgen im Kantonsrat die Justizdirektion kritisiert: Sie sprach von "Verhätschelungspolitik" und monierte, dass die Bevölkerung erst eine Woche nach der Flucht gewarnt worden sei.

"Bei der Nichtrückkehr in die Pöschwies gingen wir nicht von einer Gefährlichkeit aus", sagte Regierungsrätin Jacqueline Fehr. Bei der Gewährung des unbegleiteten Urlaubes hätten, da die zuvor begleiteten Ausflüge korrekt abliefen, keine Anzeichen vorgelegen, die auf eine Fluchtgefahr hingedeuteten, sagte auch Thomas Manhart.

Der 23-Jährige habe sämtliche Urlaubsvoraussetzungen erfüllt. Er weise unter anderem ein familiäres Umfeld auf, habe sich in der Haft weit gehend kooperativ gezeigt. "Insgesamt", sagte Manhart, "war der Vollzugsverlauf positiv." Diese Lagebeurteilung habe sich erst mit dem Verdacht des Tötungsdeliktes "entscheidend verändert".

Seit Jahren keine "Nichtrückkehr"

Die Justizdirektion plant deshalb auch keine grundsätzlichen Veränderungen: So sei etwa eine Urlaubssperre nicht angezeigt, sagte Justizdirektorin Fehr. "Es gibt keine Hinweise auf systemische Fehler."

Es handle sich um einen absoluten Ausnahmefall. Dieser werde aber genau untersucht. So soll insbesondere abgeklärt werden, ob allen Stellen die notwendigen Informationen zu richtigen Zeit zur Verfügung standen.

Pro Jahr werden laut Manhart rund 500 Urlaube oder Ausgänge aus dem geschlossenen Vollzug gewährt. 98,5 Prozent davon werden "absolut korrekt absolviert". Bei den übrigen 1,5 Prozent handle es sich um Fälle, in denen Gefangene einige Minuten oder Stunden verspätet zurückkehren. "Eine Nichtrückkehr fand in den letzten Jahren nicht statt."

"Derartige Urlaube von verurteilten Straftätern stellen immer ein gewisses Risiko dar", räumte Jacqueline Fehr ein. Es sei aber ein Risiko, "das wir zu tragen haben".

Denn andernfalls müssten Verurteilte bis zum Ende ihrer Strafe eingesperrt werden, um dann von einem Tag auf den anderen und völlig unvorbereitet in die Freiheit entlassen zu werden. "Das wäre das grösste Risiko", sagte Fehr. Das wäre das Gefährlichste, was man machen könne, ergänzte Manhart.

Keine Angaben zum Tötungsdelikt

In welcher Beziehung der in Untersuchungshaft sitzende 25-Jährige und der noch immer auf der Flucht befindliche 23-Jährige zueinander stehen und ob diese das 43-jährige Opfer kannten oder nicht, darüber will Staatsanwalt Kägi aus ermittlungstaktischen Gründen keine Angaben machen.

Auch bezüglich Hintergrund der Tat, Tatablauf und Motiv gibt es noch keine Informationen.

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