Fischerei

«Noch keine einzige Seeforelle ge­fangen»: Das Verschwinden des Fisches schlägt sich in der Küche nieder

2019 war quantitativ ein gutes Jahr für die Berufsfischer, auch wenn der Einbruch bei den Seeforellen schmerzt.

2019 war quantitativ ein gutes Jahr für die Berufsfischer, auch wenn der Einbruch bei den Seeforellen schmerzt.

Der Konkordatsbericht der Fischereikommission für den Zürichsee, Linthkanal und Walensee weist nicht nur ein Minus in der Fangstatistik aus. Die Seeforelle verschwindet mehr und mehr, was sich in Restaurants ebenfalls bemerkbar macht.

Als ob man weisse Trüffel aus dem Wasser zöge. So muss sich ein Fischer fühlen, wenn er heute eine Seeforelle ins Boot holt. Das Beste aus Zürichsee und Obersee macht sich extrem rar. 2019 wurden nur 959 Kilogramm des Edelfisches gefangen. Das sind weniger als 3 Kilo pro Tag. Schon ein ausgewachsenes Exemplar kann dieses Gewicht bei weitem übertreffen. Damit setzt sich der Rückgang dramatisch fort. Noch 2011 wurden mit über 4 Tonnen fast fünfmal so viele Seeforellen gefangen, 2018 waren es immerhin noch über 1,3 Tonnen. Die neuesten Zahlen sind das zweitschlechteste Fangresultat der letzten 20 Jahre.

Der Konkordatsbericht der Fischereikommission für den Zürichsee, Linthkanal und Walensee weist noch ein zweites Minus in der Fangstatistik aus. Der Ertrag an Felchen, dem Brotfisch der Petrijünger, ging von 113 auf 96 Tonnen zurück. Aber das sind immer noch beachtliche Mengen im Vergleich zu 2016 und 2017. Dafür hat der Egli mächtig zugelegt, 46 Tonnen bedeuten das beste Fangresultat seit 15 Jahren. Auch Albeli und Hecht gingen gegenüber dem Vorjahr in viel grösserer Zahl ins Netz und an den Haken. Insgesamt wurden 2019 im Zürichsee und Obersee 224 Tonnen Speisefische gefangen, zwar 15 Tonnen weniger als zuvor, aber dennoch ein «gutes Niveau», wie es im Konkordatsbericht der beteiligten kantonalen Fischereiverwaltungen heisst.

Sportfischer fangen mehr Seeforellen als Berufsfischer

Die Seeforellen scheinen vor allem den Berufsfischern vom Zürichsee und Obersee ein Schnippchen zu schlagen. 2019 verfingen sich nur noch 413 Kilo in deren Maschen. Im Jahr zuvorwaren es mit 925 Kilo so viele, wie im aktuellen Berichtsjahr gesamthaft gefangen wurden. Anders bei den Sportfischern, die mit Angelhaken auf die Jagd gehen: Sie holten zuletzt 546 Kilo Seeforelle ins Boot, das sind sogar ein Viertel mehr als 2018.

Der Männedörfler Berufsfischer Sämi Weidmann lacht nur höhnisch bei der Seeforellenbilanz: «Im ganzen Jahr habe ich sechs Forellen gefangen – das ist nichts, absolut nichts.» In anderen Jahren hätte er schon an einem einzigen guten Fangtag so viele aus dem Wasser gezogen. Seinen Versuch, der Seeforelle in deren wichtigsten Fangmonaten Juli und August mit speziellen Netzen nachzugehen, habe er nach zweieinhalb Wochen erfolglos abgebrochen. Wenn sich eine Seeforelle bei ihm ins Netz verirrte, dann als Beifang beim Fischen nach Felchen und Egli.

Auch von seinen Berufskollegen hörte er nichts anderes. Beim Egli spricht Weidmann von einem «Superjahr», auch Albeli hätte es genug gehabt. «Grundsätzlich war es ein gutes Fangjahr», zieht er eine positive Bilanz für 2019. Ebenfalls erfreulich sei bisher 2020 verlaufen, vor allem Egli, Felchen und Albeli gingen weiterhin gut ins Netz.

Das Verschwinden der Seeforelle schlägt sich in der Küche nieder. Cäsar Meyer, Chef in der auch wegen der heimischen Fischküche mit 15 Gault-Millau-Punkten ausgezeichneten «Sonne» in Stäfa, spricht Klartext: «Letztes Jahr bekamen wir drei Seeforellen, das reichte gerade einmal jeweils für einen Vorspeisengang an drei Wochenenden.» Mehr gab die Delikatesse in seinem Haus nicht zu tun. Das bedauert er, weil die Seeforelle alle Eigenschaften besitzt, um daraus die vielfältigsten kulinarischen Genüsse zu zaubern. Der lachsartige Fisch mit schöner Farbe lasse sich schon bei tiefen Temperaturen zubereiten, was die Kreativität jedes ambitionierten Kochs beflügle.

«Schade, sehr schade», sagt Meyer, «jede Fischart, die in der Küche fehlt, macht das Angebot ein Stück weniger attraktiv.» Er setzt nun vermehrt auf Egli und Albeli, denn Seeforellen aus anderen Gewässern sind für ihn tabu. «Unser Konzept für die Fischküche heisst, dass alles aus dem Zürichsee kommt, solange es den Zürichsee gibt.»

Das Fischereikonkordat möchte der Seeforellenmisere auf den Grund gehen. Darum wird eine Untersuchung gestartet, um die bisherige Strategie zur Bewirtschaftung genau unter die Lupe zu nehmen. In die Fischzucht­anstalt Stäfa werden immer im Dezember Seeforellen und andere Fischarten zum Abstreifen von Rogen und Samen gebracht. Die befruchteten Eier werden dort bis nach dem Schlüpfen der ­Brütlinge betreut und danach an Stellen ausgesetzt, die für das selbst­ständige Aufwachsen der Jungtiere ­geeignet sind. 2019 wurden rund 65'0000 ausgebrütete Forellen aus­gesetzt.

Die Verantwortlichen für die ­Fischerei in den drei Anliegerkantonen erhoffen sich mit der Forschung ­Aufschlüsse über den Besatzerfolg in den Zürichseebächen sowie über die genetische Vielfalt. Die Erkennt­nisse sollen dazu beitragen, die ­Bewirtschaftung der Seeforellen zu ­verbessern. Für die Berufsfischer und Freunde der gehobenen Seefischküche ist das ein dringendes Projekt. Das zeigt die Zwischenbilanz von Samuel Weidmann für 2020: Er und sein Vater Kurt haben im ersten Halbjahr «noch keine einzige Seeforelle ge­fangen».

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