Lieblingsorte und Entdeckungen

Ein Ferientag in der Region hat durchaus seine Reize – zum Beispiel mit dem Velo unterwegs in Zürich.

Matthias Scharrer
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Wenn die Morgensonne den Nebel durchdringt: Die Zürcher Allmend ist ein Ort des Übergangs zwischen Stadt und Land. Der ZKB-Erlebnisgarten bei der Landiwiese am See. Graffiti beim Kibag-Betonwerk nahe der Roten Fabrik. Beim Platzspitz fliessen Sihl und Limmat zusammen.
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Wenn die Morgensonne den Nebel durchdringt: Die Zürcher Allmend ist ein Ort des Übergangs zwischen Stadt und Land. Der ZKB-Erlebnisgarten bei der Landiwiese am See. Graffiti beim Kibag-Betonwerk nahe der Roten Fabrik. Beim Platzspitz fliessen Sihl und Limmat zusammen.
Wenn die Morgensonne den Nebel durchdringt: Die Zürcher Allmend ist ein Ort des Übergangs zwischen Stadt und Land. Der ZKB-Erlebnisgarten bei der Landiwiese am See. Graffiti beim Kibag-Betonwerk nahe der Roten Fabrik. Beim Platzspitz fliessen Sihl und Limmat zusammen.
Wenn die Morgensonne den Nebel durchdringt: Die Zürcher Allmend ist ein Ort des Übergangs zwischen Stadt und Land. Der ZKB-Erlebnisgarten bei der Landiwiese am See. Graffiti beim Kibag-Betonwerk nahe der Roten Fabrik. Beim Platzspitz fliessen Sihl und Limmat zusammen.

Wenn die Morgensonne den Nebel durchdringt: Die Zürcher Allmend ist ein Ort des Übergangs zwischen Stadt und Land. Der ZKB-Erlebnisgarten bei der Landiwiese am See. Graffiti beim Kibag-Betonwerk nahe der Roten Fabrik. Beim Platzspitz fliessen Sihl und Limmat zusammen.

Bilder: Matthias Scharrer

Einer meiner Lieblingsorte in Zürich ist die Allmend Brunau. Um sie zu erreichen, folgt man vom Hauptbahnhof, wo es Mietvelos gibt, der Sihl nach flussaufwärts oder nimmt die Sihltalbahn bis zur Station Saalsporthalle. Ich bevorzuge das Velo. Damit kommt man am besten durch die Stadt und riskiert keine zu nahen Begegnungen mit dem Coronavirus. Das Einkaufszentrum Sihlcity, den Skater- und Bikepark daneben und die Fussballplätze lasse ich links liegen und komme in eine andere Welt.

Sonnenstrahlen durchdringen den Morgennebel, glitzern auf der weiten, noch nassen Wiese, die mit Bäumen und Büschen durchsetzt ist. Jogger und Hündeler laufen dem Fluss entlang. Ein Graureiher schreitet durchs Gras. Das Grundrauschen der Autobahn hinter dem Erdwall am Rand der Ebene stört das Idyll kaum. Vogelzwitschern und -krächzen setzt akustische Kontrapunkte.

Auf den Sitzbänken bei der Feuerstelle hinter dem Fussgängersteg, der über die Allmend führt, wärme ich mich mit Tee aus der Thermoskanne kurz auf. Doch bald mahnen kalte Füsse zum Aufbruch. Die Städtereise geht weiter.

Drei Möglichkeiten gäbe es nun: steil hinauf zum Üetliberg, um vielleicht über dem Nebelmeer ein paar Sonnenstrahlen zu geniessen; weiter stadtauswärts dem Fluss entlang ins Sihltal; oder über den Fussgängersteg in Richtung Stadt und See. Ich entscheide mich für die urbane Variante. Nach dem Steg geht es via Mutschellenstrasse weiter durch Wollishofer Wohnquartiere, vorbei an der Jugendherberge und schliesslich beim Morgental runter an den Zürichsee.

Gleich hinter dem Kulturzentrum Rote Fabrik führt der Cassiopeia-Steg aufs Wasser, das im Nebel verschwindet. Ein paar Spaziergänger, Ruderer und Enten sind unterwegs. Ich mache kehrt und folge dem Seeuferweg in Richtung Stadtzentrum.

Marilyn lächelt über die Passanten hinweg

Beim Areal des Kibag-Betonwerks lässt sich farbenfrohe Street Art entdecken. Hier dürfen Sprayer legal Wände verzieren. Auch die am Boden rankenden Sträucher haben etwas vom Blau eines FCZ-Schriftzugs abbekommen. Sogar eine gesprayte Marilyn Monroe lächelt vom Ladekran über die Passanten hinweg.

Die Freiluft-Galerie bleibt abwechslungsreich: Ein paar Schritte weiter liegen bei der Werft die Passagierschiffe der Zürichsee Schifffahrt vor Anker – von den schnörkelhaft verzierten, über hundertjährigen Dampfern «Stadt Zürich» und «Stadt Rapperswil» bis hin zur modern verglasten «Panta Rhei».

Als nächster Zwischenstopp bietet sich der ZKB-Erlebnisgarten bei der Landiwiese an. Die Holzpavillons, die die Zürcher Kantonalbank zu ihrem 150-Jahre-Jubiläum aufgestellt hat, sind mit bequemen Liegestühlen ausgestattet. Dazwischen hat die ZKB sorgfältig bepflanzte Erdhügel auf den Kiesboden drapiert. In einem der halb­offenen Pavillons stehen zwei Ping-Pong-Tische für überdachten Freiluft-Sport bereit.

Da soll noch einer sagen, man könne in Corona-Zeiten kaum etwas unternehmen. Rausgehen, um Augen und Ohren zu öffnen, kann schon viel bewirken. Die vertraute Umgebung lässt sich auf andere Art entdecken, wenn man sie einen Tag lang als Reisender erlebt. Es muss ja nicht immer der Weihnachtsmarkt sein, der dieses Jahr halt nicht stattfindet.

Irgendwann macht sich allerdings Hunger bemerkbar. Und mit der Gastronomie ist es so eine Sache dieser Tage. Wegen Corona geschlossen, heisst es nun nahezu überall. Zur Not tuts auch ein Imbiss bei einem Bahnhofsladen. Als dieser Text entstand, genoss ich noch ein Raclette mit Glühwein im Zelt der Weihnachts-Pyramide beim Bahnhof Stadelhofen.

Draussen vor dem Zelt ist das Stadtleben an jenem Dezembertag noch nicht zum Erliegen gekommen: Trams quietschen, der Stadelhoferplatz ist belebt; nur die Atemschutzmasken vor vielen Gesichtern, der Plakataufruf zum Maskentragen und der Scan-Code für die Registrierung der Weihnachts-­Pyramiden-Gäste vergegenwärtigen die besondere Lage. Doch es scheint, als hätten sich die Leute daran gewöhnt.

Auf den Spuren von James Joyce

Nach dem Essen durchstreife ich ein paar Läden in der Nähe, auf der Suche nach Weihnachtsgeschenken. In einem Buchladen blättere ich in Büchern über Zürich, seine Glücksorte und Orte, die man gesehen haben müsse. Wohin soll es jetzt gehen? Durch die ruhigen, etwas abgelegenen Gassen der Altstadt? Hinauf zum Lindenhof, wo schon die alten Römer eine Zollstation betrieben? Zu James Joyces angeblichem Lieblingsbaum beim Zusammenfluss von Limmat und Sihl am Platzspitz? Oder doch ins Boomquartier Zürich-West, wo der gläserne Prime Tower alle anderen Häuser der Stadt überragt?

Es zieht mich wieder ans Wasser. Ich radle durch den Platzspitz. Auf den Baum am Ende der Halbinsel sind Handynummern gekritzelt. Über die Schwelle des Platzspitz-Wehrs rauscht die Limmat hinab. Auf der Sihl lassen sich Möwen treiben. Ob der Baum zur Zürcher Zeit des irischen Literaten Joyce vor gut hundert Jahren wirklich schon hier stand? Er müsste damals ziemlich jung gewesen sein, der Baum.

Egal, es ist ein friedlicher Ort in einer struben Zeit. Ein Ort, an dem sich die Zeit vergessen lässt.

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