Zürich

Kontaktlos und virenfrei mit der Kreditkarte: Fast niemand will mehr Bargeld

Niemand will durch Bargeld mit dem Corona-Virus angesteckt werden. Deshalb ist zurzeit das kontaktlose Bezahlen via App oder Kreditkarte hoch im Kurs.

Niemand will durch Bargeld mit dem Corona-Virus angesteckt werden. Deshalb ist zurzeit das kontaktlose Bezahlen via App oder Kreditkarte hoch im Kurs.

Viele Läden bitten ihre Kunden derzeit, mit der Karte statt mit Bargeld zu zahlen. Damit stossen sie auf Verständnis. Für Unmut sorgen aber jene, die Bargeld komplett verweigern.

Am Boden vor der Kasse des Supermarkts sind gelbe Klebestreifen angebracht – sie markieren den Abstand, den die Kunden in der Warteschlange einhalten sollen. Die Stimmung ist gedrückt, die Angst greifbar. Die Kundin zuvorderst an der Kasse weist den Mann hinter ihr zurecht, obwohl er sich kaum bewegt hat. «Halten Sie die zwei Meter Abstand ein, das hier ist gefährlich!»

Danach lässt sie sich in gebrochenem Deutsch auf eine Diskussion mit der Kassiererin ein, weil diese mit dem Scanner zu viele Orangen oder die falsche Sorte erfasst hat. Die Kassiererin versteht nicht, was sie meint, sie wird ungeduldig. «Wir klären das später, lassen sie mich zuerst die anderen Kunden bedienen», sagt sie und fordert die Frau auf, zur Seite zu stehen.

Die Angestellte ist nervös. Sie trägt Handschuhe, aber keinen Mundschutz und man merkt ihr an, dass sie sich unwohl fühlt. Die Mitarbeiterin scheint froh zu sein, dass der nächste Kunde seine Sachen rasch aufs Förderband legt, kontaktlos mit der Kreditkarte bezahlt, sogleich verschwindet und nicht mit Bargeld bezahlt hat.

Viele Kunden zücken derzeit in den Läden lieber ihre Kreditkarte als Geldscheine. Und auch die Angestellten in den Lebensmittelgeschäften bevorzugen es, wenn sie kein Wechselgeld herausgeben müssen und so womöglich von jemandem mit dem Corona-Virus angesteckt werden, weil sie mit ihm in Kontakt kommen. Die Self-Checkout-­Kassen in den grossen Supermärkten sind derzeit besonders beliebt. Und kleinere Läden weisen an den Kassen die Kunden mit Schildern darauf hin, möglichst kontaktlos per Karte zu bezahlen.

«So werden viele ältere ­Leute ausgeschlossen»

Manche gehen sogar noch weiter: So hat sich eine Bäckerei in einer Vorortsgemeinde von Zürich vorübergehend geweigert, überhaupt Bargeld anzunehmen – aus Angst, dass sich jemand anstecken könnte. Dies löste aber auch Protest aus. Mehrere Kunden hätten den Laden wieder verlassen, berichtet ein Mann, der sich über das Verhalten der Bäckerei enerviert. «So werden jetzt viele ältere Leute ausgeschlossen, die nicht wissen, wie man mit einer Karte bezahlt», kritisiert er.

Zwar haben der Bundesrat und auch die Seniorenorganisation Pro Senectute ältere Menschen mit Nachdruck dazu aufgerufen, nicht mehr einkaufen zu gehen, sondern die Besorgungen von jemand anderem erledigen zu lassen. Die Notwendigkeit, auch mit Bargeld bezahlen zu können, wird damit aber nicht zwingend hinfällig. Denn oft leisten Kinder und Jugendliche Nachbarschaftshilfe und gehen für andere Leute einkaufen. In der Regel haben auch sie keine Möglichkeit, mit einer Karte zu zahlen.

Akzeptanz für Karten stark gestiegen

Thomas Hess, Geschäftsleiter des KMU- und Gewerbeverbands des Kantons Zürich, sagt deshalb: «Es braucht beide Zahlungsmittel – Bargeld und Karte. Bargeld auszuschliessen, finden wir nicht opportun.» Jemand, der mit einem Fünfliber zahlen wolle, solle dies weiterhin tun können. In praktisch allen Geschäften sei dies auch weiterhin möglich, sagt er.

Hess hat aber durchaus Verständnis dafür, dass Läden derzeit ihre Kunden bitten, wenn möglich per Karte zu zahlen. Eine ähnliche Haltung vertritt der Konsumentenschutz. In der gegenwärtigen Krise sei es sinnvoll, möglichst auf kontaktloses Bezahlen zu setzen, sagt Geschäftsleiterin Sara Stalder. Sie nimmt derzeit einen Umschwung in der Bevölkerungsmeinung wahr. Während der Corona-Krise sei die Akzeptanz des bargeldlosen Bezahlens stark gestiegen. Im Normalfall sei sie hingegen deutlich geringer. Viele Konsumenten würden es dann bevorzugen, mit Bargeld zu zahlen. «Darunter sind nicht nur ältere Leute – es zieht sich quer durch alle Bevölkerungsgruppen.»

Welche Rechte haben aber Leute, die selbst jetzt lieber mit Bargeld bezahlen möchten? Im Prinzip bestehe zwar eine Annahmepflicht von Noten und Münzen, sagt die Konsumentenschützerin. Es handle sich aber um ein sogenanntes dispositives Recht, das heisst, ein Geschäft könne auch ein alternatives Zahlungsmittel anbieten. «Es gibt somit keine Handhabe, die Bargeldbezahlung durchzusetzen.» Allerdings seien in der gegenwärtigen Lage einvernehmliche Lösungen ohnehin viel sinnvoller. «Gerade kleinere Geschäfte kennen ihre Kundschaft oft persönlich. Sie könnten das, was Kundinnen und Kunden einkaufen, in ein Buch eintragen und in Rechnung stellen. Man muss jetzt einfach kreativ sein.»

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