Kindsentführung
Ein Vater kämpft für seine entführte Tochter: «Dieses Jahr muss Ada zurückkommen»

Ümit Dinler kämpft seit Jahren für die Rückkehr seiner Tochter Ada in die Schweiz. Ihre Mutter hat sie 2016 in die Türkei mitgenommen – trotz behördlichem Verbot.

Barbara Stotz Würgler
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Ümit Dinler hofft darauf, seine Tochter wieder einmal sehen zu dürfen.

Ümit Dinler hofft darauf, seine Tochter wieder einmal sehen zu dürfen.

Francisco Carrascosa

Ümit Dinler steht im Kinderzimmer seiner kleinen 3½-Zimmer-Wohnung im Zentrum von Bachenbülach. Er hat nichts verändert, seit Ada im Frühling 2016 zuletzt hier war. An der Wand hängt ein Foto, welches das Mädchen im Alter von drei Jahren zeigt, wie es dem Meer entlang spaziert. «Dieses Jahr muss sie zurückkommen», hat er zuvor beim Gespräch im Wohnzimmer gesagt. Es ist mehr ein Wunsch als ein Befehl, das weiss der 54-Jährige nur zu gut.

Was Ümit Dinler in den letzten viereinhalb Jahren durchgemacht hat, ist kein gewöhnlicher Streit unter Ex-Partnern und Eltern. Es ist ein erbitterter Krieg, geführt von seiner von ihm geschiedenen Ehefrau Fatma (Name geändert) gegen ihn. Was ihn jedoch optimistisch stimmt, ist die Nachricht, dass nun auch das oberste türkische Gericht die Rückführung von Ada angeordnet hat. Zuvor hatten dies schon zwei weitere Instanzen getan – doch die Mutter rekurrierte jedes Mal dagegen.

Wie sie auch gegen alles, was im Zusammenhang mit dem Scheidungsverfahren in der Schweiz stand, prozessierte. An Ümit Dinlers Seite fiebert auch seine Tochter aus erster Ehe mit, Nida, 27 Jahre, Halbschwester von Ada. Und seine Anwältin Daniela Fischer, die ihm seit Jahren beisteht. Sie sagt: «Der Fall von Herrn Dinler ist in mehrfacher Hinsicht einzigartig.»

Seltenheit: Der Vater erhielt das alleinige Sorgerecht

Damit meint sie nicht nur die lange Dauer des Rückführungsverfahrens. Ausnahmecharakter hat, dass sämtliche Schweizer Gerichte ihrem Mandanten das alleinige Sorgerecht und die Obhut für seine Tochter zugesprochen haben. «So etwas ist in der Schweiz einzigartig», fährt die erfahrene Fachanwältin für Familienrecht fort.

Zwar steht das schriftlich begründete Urteil des Bundesgerichts noch aus. Doch es entschied Anfang Dezember 2020 über die vorsorglichen Massnahmen im Sinne des Vaters. Schon das Bezirksgericht Bülach stellte 2019 Ada unter die alleinige elterliche Sorge und Obhut von Ümit Dinler. Das Obergericht bestätigte das Urteil der Vorinstanz im Juli 2020.

«Ada wurde durch das Vorgehen der Beklagten im Trennungskonflikt der Parteien im Sinne einer Machtdemonstration instrumentalisiert. Ihr wurde der Vater weitgehend entzogen, und es besteht die erhebliche Gefahr einer Entfremdung zwischen Vater und Kind», argumentierte das Gericht in seinem insgesamt 124 Seiten langen Urteil. Damit werde das Kindeswohl gefährdet.

Ins Gewicht fiel, dass der Vater wesentlich bindungstoleranter ist und in Aussicht stellte, das der Mutter zustehende Besuchsrecht nicht zu torpedieren. Die Mutter setzte sich mit der Entführung von Ada nicht nur über die Gesetze hinweg. Sie riss auch das alleinige Sorgerecht an sich.

Das Mädchen will mit beiden Eltern leben

Bei der Befragung durch den Schweizer Kindesvertreter hat das Mädchen den Wunsch geäussert, mit beiden Elternteilen zu leben. Diesem können Vater und Mutter definitiv nicht entsprechen. Die Mutter geht sogar so weit, dass sie sämtliche Versuche von Ümit Dinler, den Kontakt zu seiner Tochter zu pflegen, unterbindet. Sein Besuchsrecht musste er jedes Mal wieder gerichtlich durchsetzen.

Jedoch durfte Dinler bei den seltenen Besuchen in der Türkei keine unbeschwerte Vater-Tochter-Zeit geniessen: Die Treffen wurden von Sicherheitspersonal und Sozialarbeitern überwacht.

Tochter soll den Kontakt zur Mutter weiterhin pflegen können

Der 54-Jährige spricht mit ruhiger Stimme über die Ungewissheit und die Sorge um die Tochter. Phasen der Verzweiflung, der Schlaflosigkeit und des Unverständnisses, weshalb es nicht vorwärtsgeht, haben sich über die letzten Jahre abgewechselt: «Niemand denkt an meine Gefühle oder daran, wie es dem Kind geht», sagt er. Dennoch wird er nie laut.

Über seine Ex-Frau verliert er kein schlechtes Wort. Ihn kümmert einzig, dass Ada zurückkommt. Dass sie dabei den Kontakt zu ihrer Mutter weiterhin pflegen kann, ist für ihn selbstverständlich.

Ümit Dinler, Schweizer Bürger, heiratete am 16. April 2010 in Bülach die 17 Jahre jüngere Türkin Fatma. Er hatte sie in Zürich in einem Restaurant kennen gelernt, wo sie im Service arbeitete. Am 24. Juni 2011 kam Tochter Ada zur Welt. Die Mutter, so erinnert sich Ümit Dinler, sei mit Adas Temperament und ihrer Aktivität stark herausgefordert gewesen.

Das Kleinkind besuchte, obwohl die Mutter nicht berufstätig war, an fünf Wochentagen eine Kindertagesstätte – finanziert von der Wohngemeinde. Ümit Dinler, der zu hundert Prozent als Metallbauschlosser arbeitet, engagierte sich zu Hause, wo es nur ging. «Mein Mandant hat die Betreuung seiner Tochter immer sehr stark wahrgenommen», erklärt Daniela Fischer.

Kesb lehnte Gesuch der Mutter ab

Die Spannungen zwischen den Eheleuten nahmen zu. 2014 trennte sich das Paar. Wie in der Schweiz üblich, teilten sich Vater und Mutter die elterliche Sorge, die Obhut erhielt die Mutter. Im April 2016 gelangte Fatma mit dem Wunsch, Ada vom 9. Mai bis 19. Juni 2016 in der Türkei von Verwandten betreuen zu lassen, an die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) Bülach-Nord. Diese lehnte das Gesuch ab und verbot ihr ausdrücklich, sich mit dem Kind ins Ausland zu begeben.

Nichtsdestotrotz nahm die heute 36-Jährige die gemeinsame Tochter am 28. April 2016, kurz vor deren fünftem Geburtstag und kurz vor der Einschulung in ihrer Wohngemeinde, in die Türkei mit. Am 24. Mai 2016, nachdem er realisiert hatte, dass seine Ex-Frau definitiv nicht mehr zurückkehren würde mit dem Kind, reichte der Vater beim Bundesamt für Justiz einen Antrag auf Rückführung der Tochter von der Türkei in die Schweiz ein.

Einfluss der Schweiz ist begrenzt

Eigentlich haben die Schweiz und die Türkei das Haager Kindesentführungsabkommen ratifiziert. Dieses hat zum Ziel, entführte Kinder schnell und unbürokratisch in ihre Heimat zurückzuführen. Dennoch lebt Ada bis auf den heutigen Tag noch in der Stadt Bursa, einer Grossstadt mit drei Millionen Einwohnern im Nordwesten des Landes.

Auf Anfrage erklärt die Medienstelle des Bundesamts für Justiz, dass sie zu konkreten Fällen keine Auskunft erteile. Zum Verfahren an und für sich teilt die stellvertretende Informationschefin Sonja Margelist mit: «Das Haager Übereinkommen verfolgt das Ziel, die sofortige Rückgabe des widerrechtlich verbrachten oder zurückgehaltenen Kindes sicherzustellen.»

Leider sei es Tatsache, dass in vielen Vertragsstaaten die Verfahren sehr lange dauerten und Entscheide zudem über mehrere Instanzen weitergezogen werden könnten. «Die Schweiz hat auf die Ausgestaltung des Verfahrens im Ausland aber keinen Einfluss, und es sind keine Sanktionen im Übereinkommen vorgesehen», so Margelist weiter.

Trotz viel Pech ein neues Glück gefunden

Die letzten Jahre haben Ümit Dinler nahe an den psychischen und finanziellen Ruin gebracht. Doch Aufgeben war für ihn nie eine Option. Und es entwickelte sich auch Schönes: Er lernte eine neue Frau kennen und lieben.

Ende Januar gaben sie sich auf dem Standesamt in Bülach das Jawort. Nun hofft er, dass die Glückssträhne weitergeht und dass die Rückkehr von Ada bald Realität wird. Bis dahin wird er jedoch noch einige weitere Nächte ohne viel Schlaf aushalten müssen.