Abfallentsorgung
Die älteste KVA der Schweiz stellt die Kehrichtverbrennung ein

Auf dem Areal der Kehrichtverbrennungsanlage (KVA) Josefstrasse in Zürich sollen eine Energiezentrale, ein Hallenbad, ein Park und mehr entstehen. Weil der Platz knapp ist, werden die Neubauprojekte wohl gestapelt.

Matthias Scharrer
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Die KVA Josefstrasse in Zürich verbrannte in den letzten zehn Jahren grösstenteils Müll aus Süddeutschland.

Die KVA Josefstrasse in Zürich verbrannte in den letzten zehn Jahren grösstenteils Müll aus Süddeutschland.

Matthias Scharrer

Ende März ist Schluss mit der Kehrichtverbrennung mitten im Zürcher Kreis 5: Dann wird in der KVA Josefstrasse die letzte Tonne Abfall verbrannt, wie Entsorgung und Recycling Zürich (ERZ) am Mittwoch mitteilte.

Schon seit zehn Jahren ist die älteste Kehrichtverbrennungsanlage der Schweiz aufgrund von Überkapazitäten fürs Verbrennen des Zürcher Mülls eigentlich überflüssig. Sie wird daher in der kantonalen Abfallplanung seit 2011 nicht mehr berücksichtigt.

Seither dient sie dazu, aus abgefackeltem süddeutschem Abfall Fernwärme für Zürich-West zu gewinnen. Weil der boomende Stadtteil nun an das Fernwärmenetz der KVA Hagenholz in Zürich-Nord angeschlossen wird, erübrigt sich dies.

Zürich-West kann aufatmen: Wenigstens der Abfallgestank fällt künftig weg. Ebenso braucht es die jährlich 5000 Lastwagenfahrten aus Süddeutschland zur Müllanlieferung ab April nicht mehr, wie ein ERZ-Sprecher auf Anfrage sagt.

Zunächst mehr Öl und Gas für Fernwärme

Die KVA Josefstrasse wird teilweise abgerissen, wobei der fürs Quartier prägende Kamin, auf dem auch Turmfalken leben, erhalten bleibt.

Am 90 Meter hohen KVA-Kamin befindet sich ein Turmfalken-Horst.

Am 90 Meter hohen KVA-Kamin befindet sich ein Turmfalken-Horst.

zvg

Neu entsteht die Energiezentrale Josefstrasse, die die Versorgung des Fernwärmegebiets Zürich-West sicherstellen soll. Pikant: Obwohl sich die Stadt Zürich der Abkehr von CO2-ausstossenden fossilen Energieträgern verpflichtet hat, werden jetzt zwei Gaskessel für die neue Energiezentrale installiert, wie ERZ weiter mitteilt.

Blick in den Tunnel, der die Fernwärmenetze Zürich-Nord und Zürich-West verbindet.

Blick in den Tunnel, der die Fernwärmenetze Zürich-Nord und Zürich-West verbindet.

zvg

Bis Ende 2021 werde die neue Energiezentrale ausschliesslich fossil betrieben, ehe ab 2022 das Heisswasser für die Fernwärme aus der KVA Hagenholz nach Zürich-West fliesst. Doch auch danach sorgt Erdgas dafür, dass es in Energieverbrauchs-Spitzenzeiten im Einzugsgebiet des Fernwärmenetzes Zürich-West nicht kalt wird.

In den ersten Jahren nimmt der Öl- und Gasanteil an der Fernwärme sogar von 20 auf 30 Prozent zu. Dies zeigen ERZ-Dokumente, die dieser Zeitung vorliegen. Erst nach dem Bau einer dritten Verbrennungslinie im Hagenholz soll er dann bis 2030 wieder auf den aktuellen Stand von 20 Prozent sinken. Ein Jahrzehnt später, wenn auch die Erneuerung des Holzheizkraftwerks Aubrugg vollzogen ist, würde die Zürcher Fernwärme gemäss den ERZ-Plänen dann CO2-neutral – mit 90 Prozent Energie aus Abfall- und Holzverbrennung sowie zehn Prozent Biogas.

Seit 1928 nutzt Zürich die Abwärme aus der Kehrichtverbrennung

Die KVA Josefstrasse spielt damit einmal mehr in ihrer über 100-jährigen Geschichte eine Pionierrolle beim Umgang mit Abfall und Energie. Bis zu ihrer Gründung im Jahr 1904, damals noch am Stadtrand von Zürich, war es allgemein üblich, Abfall auf Deponien statt in einer KVA zu entsorgen. 1928 begann dann die Stadt Zürich damit, Abwärme aus dem Werk Josefstrasse als Energiequelle zu nutzen und an Haushalte sowie Betriebe im Stadtzentrum zu liefern, wie es in der ERZ-Mitteilung weiter heisst.

Bei ihrer Gründung im Jahr 1904 war die am Bahnviadukt gelegene KVA Josefstrasse noch von Wiesen umgeben.

Bei ihrer Gründung im Jahr 1904 war die am Bahnviadukt gelegene KVA Josefstrasse noch von Wiesen umgeben.

zvg

In Zukunft soll das Areal, auf dem jetzt noch süddeutscher Müll verbrannt wird, nicht nur der Energieversorgung dienen. Nach dem Teilabbruch der Kehrichtverbrennungsanlage plant die Stadt Zürich auf dem Josefareal, zu dem auch die frühere Zentralwäscherei gehört, ein Hallenbad, einen Quartierpark, ein Pflegezentrum mit Alterswohnungen sowie einen Werkhof-Ausbau.

2028 könnte das neue Hallenbad stehen

«Das wird nicht alles nebeneinander Platz haben», sagt eine Sprecherin des federführenden Stadtzürcher Amts für Städtebau. Ein Teil der künftigen Nutzungen werde daher wohl übereinander gestapelt. Mit Dialogveranstaltungen für die Öffentlichkeit wolle die Stadt die Bedürfnisse aus dem Quartier möglichst gut einbeziehen. Wenn alles rund laufe, könne die Bevölkerung 2028 im neuen Hallenbad schwimmen gehen.