Zürich
Die Stadt verliert einen populären Konzertsaal: Die Tonhalle verschwindet aus dem Kreis 5

Die Tonhalle zieht zurück an ihren Stammsitz am Bürkliplatz. Versuche, das Provisorium als Konzertsaal zu retten, sind gescheitert.

Michel Wenzler
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Schlicht, aber beliebt: Die Tonhalle Maag begeisterte Publikum wie Musiker.

Schlicht, aber beliebt: Die Tonhalle Maag begeisterte Publikum wie Musiker.

Keystone

Es gibt Provisorien, die möchte man so schnell wie möglich wieder weghaben – und doch bleiben sie zum Leidwesen vieler Menschen länger als erhofft. Und es gibt Provisorien, die hat man innert kürzester Zeit lieb gewonnen – und man wünschte sich, sie würden länger bestehen. Die Tonhalle Maag fällt für viele Kulturbegeisterte in letztere Kategorie. Im Herbst 2017 wurde der temporäre Saal als Holzbox im Industriege­bäude Maag neben dem Prime Tower errichtet. Der Bau beim Bahnhof Hardbrücke war als Ersatz gedacht, bis die Tonhalle beim Bürkliplatz renoviert sein würde.

Schnell wurde klar, dass die 10 Millionen Franken teure Holzkonstruktion mitnichten eine Verlegenheitslösung war: Der Saal avancierte zum Publikumsliebling, Musiker lobten die Akustik. Bald kam der Wunsch auf, dass die Tonhalle Maag weiterhin existieren soll. Der frühere Stadtrat und heutige Tonhalle-Präsident Martin Vollenwyder strengte diesbezüglich Gespräche an. Die Stadt Zürich gab sogar eine Nutzungsstudie in Auftrag. Deren Fazit lautete: In Zürich hätte es durchaus Platz für einen zweiten grossen Konzertsaal nebst der bisherigen Tonhalle am See.

Gescheitert ist dies nun aber am Geld. Um die Tonhalle Maag in der heutigen Form zu erhalten, hätte es einen Betreiber gebraucht, der die laufenden Kosten hätte stemmen können. Diese Suche war erfolglos. Trotz der finanziellen Unterstützung, welche die Stadt Zürich in Aussicht stellte, habe man keine Trägerschaft gefunden, teilte die Tonhalle-Gesellschaft Zürich AG am Mittwoch mit.

Sie selbst will nebst der Halle am Bürkliplatz keinen zweiten grossen Saal in der Stadt betreiben. Dazu sieht sie sich finanziell nicht in der Lage. Deshalb übernimmt nun die Maag Music& Arts AG. Sie ist seit bald zwanzig Jahren auf dem Areal eingemietet und hat die Räumlichkeiten vorübergehend der Tonhalle überlassen. Nun kommt die Halle zurück in ihre Obhut.

Mehr Licht, weniger Ton

Die Maag Music & Arts AG hat ein neues Betriebskonzept entwickelt und nach eigenen Angaben zwanzig Varianten geprüft. Schliesslich entschied sie sich, den Konzertsaal in ein Lichtmuseum umzuwandeln. Die Holzbox bleibt zwar grösstenteils ­bestehen, doch werden die seitlichen Balkone und der Chorbalkon abmontiert. Künftig werden Werke von Künstlern auf Wände, Decken und Böden projiziert. Musik und Klang stehen zwar nicht mehr im Zentrum, sie werden aber weiterhin eine Rolle spielen, da die teils animierten Werke vertont werden. Immersive Kunst nennt sich diese Kunstform. Sie soll nach dem Vorbild des Atelier des Lumières in Paris auch in Zürich einen festen Ort erhalten.

Für die Maag Music & Arts AG ist dies nicht komplett Neuland. Mit Lichtproduktionen wie «Hodler, Klee – Illuminated Art» und «Van Gogh Alive» habe das Unternehmen in den vergangenen zwei Jahren bereits Erfahrungen mit dieser Art von Transformationskunst sammeln können, sagen die Verantwortlichen. Künftig will der Kulturbetrieb gemeinsam mit dem Zürcher Multimedia-Künstlerkollektiv Projektil zwei bis drei Eigenproduktionen zeigen. Im September, nachdem die Tonhalle zurück an ihren Stammsitz gezogen ist, geht es los.

Wie lange aber wird die Lichthalle Maag, wie der Saal neu heisst, beim Bahnhof Hardbrücke Bestand haben? Die Gebäude auf dem Areal gehören den Swiss Prime Site Immobilien, die das Gelände in naher Zukunft neu überbauen und für Wohnungen umnutzen will. Dabei werde die Kultur weiterhin ein Teil des Angebots sein, heisst es in der Medienmitteilung.

«Mit guter Arbeit und starken Konzepten kann das gelingen»

Was das konkret bedeutet, ist unklar. «Es gibt erste Ab­sichten für Gespräche», sagt Darko Soolfrank von der Maag Music & Arts AG auf Anfrage. Im Klartext bedeutet dies wohl: Das Unternehmen wird die Eigentümerin davon überzeugen müssen, dass es auf dem Areal einen Kulturbetrieb braucht. «Mit guter Arbeit und starken Konzepten kann das gelingen», sagt Soolfrank. «Wir müssen viel Publikum ­anziehen – das ist das stärkste Argument.»

In den Jahren vor der Coronapandemie ist dies jeweils gut gelungen. Gemäss Soolfrank brachte der Kulturbetrieb jährlich rund 350000 Personen auf das Areal, also nicht ganz so viele, wie die Stadt Zürich Einwohner zählt. Auf dem Maag-Areal sei dadurch eine Wertschöpfung von rund 30 Millionen Franken pro Jahr erzielt worden, da nebst den Kulturveranstaltern auch Restaurants und Läden profitierten.