Zürich

Der Zahn der Zeit nagt an der Stadt: Was die Freiluftausstellung Gasträume 2020 zu bieten hat

Die Freiluftausstellung Gasträume 2020 lädt ein zu einem nachdenklichen Streifzug durch Zürich.

Und dann liegt da dieser riesige Zahn mitten auf einer Wiese. Ein Backenzahn aus Marmor. Gross genug, um als Rückenlehne zu dienen, aber irgendwie nicht ganz in der passenden Form dafür. Doch Kunst dient nicht und Kunst passt nicht. Sie irritiert und öffnet dadurch den Blick. Vom Marmorzahn schweift er über die Wiese am Zürcher Basteiplatz, den kaum einer kennt. Der Platz liegt beim Schanzengraben, Ecke Bärengasse, also an der Grenze zwischen der alten und der neueren Stadt.

Der Beitrag des deutschen Bildhauers Michael Sailstorfer kann damit sinnbildlich stehen für die Räume, die die städtische Arbeitsgruppe Kunst im öffentlichen Raum mit der achten Ausgabe der Freiluftausstellung Gasträume bespielt. Sie reichen von Zürichs mittelalterlichem Stadtkern am Münsterhof bis zu den bauboomenden westlichen Ausläufern der Stadt. Und die Ausstellung regt an zum Nachdenken über einen vielleicht epochalen Wandel, den die Stadt gerade durchmacht.

Ein Mahnmal auf dem Paradeplatz

Ein paar Gehminuten vom Riesenzahn entfernt steht das wohl auffälligste Werk der aktuellen Gasträume-Ausgabe: ein weisser Olivenbaum, prominent platziert auf dem Paradeplatz. Er wirkt wie ein Mahnmal des Klimawandels, blattlos und dürr auf der asphaltierten Hitzeinsel inmitten der Stadt. Ugo Rondinone hat das Werk geschaffen, als Aluminium-Abguss eines 2000 Jahre alten Baumes aus Süditalien.

Szenenwechsel: Steinfelsplatz, Zürich-­West. Über die Hardbrücke rauscht der Verkehr. An der Josefstrasse stauen sich stinkende Müllabfuhrwagen vor der Kehrichtverbrennungsanlage. Auf dem unscheinbaren Platz dazwischen scheint jemand Bettwäsche über ein Verkehrsschild zum Trocknen gehängt zu haben. Doch sie flattert nicht im Wind; ihr Schöpfer Aldo Mozzini hat sie mit Lack versteift. Nun steht der kreuzförmige Leintuch-­Ständer da wie eine erstarrte Vogelscheuche, kaum beachtet von den ­Passanten. Dass hier einst die Stein­felsfabrik Waschmittel herstellte, verschwindet allmählich aus dem kollektiven Gedächtnis der Stadt. Das Leintuch wird so zum Erinnerungsfetzen.

Der Schiffbauplatz gegenüber strotzt nur so vor Erinnerungsstücken an die Industriekultur. Zur Schiffsschraube vor der seit zwei Jahrzehnten zum Theater umfunktionierten Schiffbauhalle haben sich Hafenpoller und eine Art krabbenzangenförmige Baggerschaufel in Rosarot gesellt. Der Platz wird so zum Übergangsort von einer Epoche zur nächsten. Und nach dem Corona-Lockdown, der das kulturelle Leben der Stadt schwächte, schleicht sich die Frage ein: Geht jetzt auch eine Epoche zu Ende? Sind wir an einem Übergang – und wenn ja: zu was?

Illumination am Fusse des Prime Towers

«Illumination», die sternförmige Skulptur von Jorge Machhi auf dem Maagplatz am Fusse des gläsernen Prime Towers, lässt eine Ahnung aufkommen, worum es in der kommenden Epoche gehen könnte: Durchleuchten ist hier das Thema. Taschenlampen halten oder bilden die Strahlen eines Sterns und scheinen in dessen Zentrum zu leuchten. Das Innere eines abstrakten Körpers gerät so ins Scheinwerferlicht und bleibt doch für Aussenstehende unsichtbar. Man kann das als Corona-­Metapher sehen.

Ganz andere, schon fast versöhnlich stimmende Gedanken weckt Daniel V. Kellers Sandskulptur «Mo-Men-Tum» auf dem Vulkanplatz beim Bahnhof Altstetten: Die Stadt ist ein Sandkasten; ihre Bestandteile zerfallen, lassen sich aber immer wieder neu formen und aufbauen. Und ihre Bewohnerinnen und Bewohner hinterlassen für kurze Zeit ihre Spuren darin. «Love» hat jemand in den Sand geschrieben. Der Zahn der Zeit nagt schon daran.

Gasträume 2020

Die Ausstellung dauert bis 20. September und ist auf diverse Plätze in Zürich verteilt. Nähere Angaben unter: www.stadt-zuerich.ch/gastraeume

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