Leicht zerzaust blickt Kater Filou aus seiner Ecke. Sehen kann er mit seinen 19 Jahren nicht mehr so gut. Der grau-getigerte Kater sieht mitgenommen aus. Ein leises Miauen ertönt, als er die Tierpflegerin sieht. «Er will essen», sagt Claudia Hitz. Sie ist Präsidentin der Stiftung Katzenheim Schnurrli, die den Katzengnadenhof in Sternenberg führt. Dort lebt Filou mit 64 Katzen-Mitbewohnern seit rund sieben Jahren.

Von Sternenberg hat man eine gute Aussicht auf das Zürcher Oberland. Der Weg bis zum Katzengnadenhof ist steil und voller Kurven. Die Häuser-Anzahl sinkt mit jedem gefahrenen Kilometer. Es riecht immer mehr nach Bauernhof. Nach Heu und Mist. Ein buntes Banner weist den Weg zum «Katzengnadenhof» – ein hölzernes, grosses Bauernhaus mit viel Land. Hier oben ist es ein paar Grad kälter als in der Stadt. «In Sternenberg ist es oft kalt und windig», sagt Hitz. Die Katzen interessiert es nicht. Sie liegen im Freien oder jagen sich gegenseitig durch den ganzen Hof.

Wildpinkler und Freigänger

Katzengnadenhof klingt nach etwas Traurigem. Auch die Definition im Duden hinterlässt einen faden Beigeschmack: «Hof, auf dem alte Nutztiere das Gnadenbrot bekommen». Im Katzengnadenhof Schnurrli ist Trauer jedoch fehl am Platz. Der über 1000 Quadratmeter grosse Hof ist ein Traum für alle Katzen: es gibt genug Rückzugsorte, Schlafmöglichkeiten und Spielsachen – innen wie auch aussen.

Auf den Hof kommen Katzen aus der ganzen Schweiz, die nicht mehr vermittelbar sind. «Viele sind unsauber. Sie pinkeln einfach überallhin», sagt Hitz. Auch der orangefarbene Chico ist ein Wildpinkler. Bemerkt er einen neuen Besucher, springt er von seinem Bett runter und umgarnt ihn. In seinen grünen Augen sind kleine braune Striche zu sehen. «Das ist das Alter. Je älter eine Katze wird, desto mehr können Verfärbungen in den Augen auftreten», erklärt Hitz.

Chico ist dreizehn Jahre alt und seit acht Jahren in Sternenberg. Er wurde bereits drei Mal vermittelt, kam jedoch jedes Mal wegen seiner Abneigung gegen Katzenklos zurück. Es gibt aber auch Katzen, die unvermittelbar sind, weil sie scheu sind. Viele von ihnen sind verwilderte Katzen und den Umgang mit Menschen nicht gewohnt. Im Katzengnadenhof in Sternenberg gibt es alles, was das Herz begehrt. Kleine, grosse, weisse, schwarze, zutrauliche, aber auch Freigänger-Katzen. «Und jede Katze ist wie ein Familienmitglied», sagt Hitz.

Die Stiftung Katzenheim Schnurrli gibt es bereits seit 1978. Damals hiess sie noch Stiftung Kleintierheim Refugium. «Fräulein Haaf schenkte uns ihr Haus in Schwamendingen, als sie verstarb. Mit ihr hat alles begonnen», sagt die Stiftungs-Präsidentin. Sie habe ein grosses Herz für Katzen gehabt und zu Lebzeiten für viele Tiere gesorgt. Der Katzengnadenhof als solcher existiert seit 1991. «Als Platz schien Sternenberg, der höchstgelegene Ort im Kanton Zürich, perfekt», sagt Hitz. Der Gnadenhof sei jedoch kein öffentliches Tierheim. Im Gegensatz zum Katzentierheim in Zürich-Schwamendingen, das seit zwei Jahren geschlossen ist. «Es muss abgerissen werden, weil es in keinem guten Zustand mehr war», erklärt sie. Die Planung des Neubaus sei bereits fortgeschritten.

«Schnurrli» wird ausschliesslich durch Spenden finanziert. «Wir sind auf Katzenliebhaber angewiesen», sagt Hitz. «Ohne die vielen ehrenamtlichen Streichler und Helfer könnten wir das nicht schaffen.» Im Katzengnadenhof arbeiten vier festangestellte Tierpfleger. Katzen seien ihre grosse Liebe, sind sich alle einig. Jennifer Germann, Leiterin des Katzengnadenhofs, bringt ihren Golden-Retriever Jessy mit zur Arbeit. So macht es auch Melanie Wohlgensinger, die stellvertretende Leiterin, die immer ihre kleine Hündin Luna mit dabei hat. Die Katzen scheint es nicht zu stören. Ganz im Gegenteil: Der getigerte Pepper schaut dem Hund interessiert zu, während er an ihm vorbeistolziert.

Der 13-jährige Kater wurde vor fünf Jahren abgegeben – er sei zu aggressiv. Von Aggressivität ist wenig zu spüren, er läuft den Tierpflegerinnen durch den ganzen Hof hinterher. Bis zum Zaun zum Nebenlager – da ist Endstation für die Katzen. Denn dort lagern die Pflegerinnen das Futter. Hauptsächlich Spezialfutter, da viele der Gnadenhofbewohner schon älter sind und spezielle Bedürfnisse haben. «Vieles ist von Spendern. Dafür sind wir natürlich mehr als dankbar – wir brauchen alle Katzenliebhaber», sagt Hitz. Alleine die Tierarztrechnungen belaufen sich auf rund 4000 Franken im Monat – ohne Spenden wäre das für die Stiftung untragbar.

Katzenhalter drohen am Telefon

Claudia Hitz ist seit drei Jahren Stiftungspräsidentin. Ausserdem kümmert sie sich um das Beratungstelefon. Die 40-Jährige ist so oft in Sternenberg, wie sie nur kann. «Meistens bin ich aber im Stiftungssekretariat», sagt sie. Dort habe sie alle Hände voll zu tun: «Es rufen viele Katzenhalter an und fragen nach einem Platz für ihre Katzen, weil sie sie nicht mehr wollen.» Der Gnadenhof könne sie aber nicht aufnehmen, da nur 68 Katzen auf dem Hof sein dürfen – das besagt die amtliche Auflage. «Meistens versuche ich, ihnen davon abzuraten ihre Schnurris in einem Katzenheim abzugeben. Ich probiere, andere Lösungen zu finden.» Manche Leute seien verständnisvoll, andere weniger. Der eine oder andere habe ihr gar gedroht. Dinge wie: «Ich überlasse die Katzen ihrem Schicksal» oder «Dann bringe ich sie halt um» habe die Tierpflegerin öfter gehört.

Egal, wo man im Hof hinschaut, überall starren interessierte Augen zurück. Manche Katzen verstecken sich so gut, dass man sie kaum erkennen kann. Ab und zu durchdringt ein lautes Fauchen die Katzen-Welt. Es ist Gigi, ein schwarz-weisser Langhaarkater. Er entspricht dem Klischee: Katzen sind Divas. Gigi möchte nicht gestreichelt werden. Er duldet auch keine Nähe. «Meistens reagiert er angriffslustig. Ausser du kommst mit Essen», sagt Hitz und lacht.

An Wochenenden ist es im Katzengnadenhof voller. Dann kommen Familien, um einen Rundgang auf dem Hof zu machen. «Man muss sich aber vorher anmelden, damit es den Katzen nicht zu viel wird», sagt die Stiftungspräsidentin. Zu den Besuchszeiten kommen auch viele der Katzen-Paten. Man kann für jede der 65 im Hof lebenden Katzen eine Patenschaft übernehmen. Die Stiftung schlägt einen jährlichen Betrag in Höhe von 300 Franken vor – um die Kosten der jeweiligen Katze mitzutragen. «So können auch Leute, die keine eigene Katze halten können, einen Schmusetiger haben», sagt Hitz.

Egal ob Filou, Chico, Pepper oder Gigi: Die Stiftung Katzenheim Schnurrli verpflichtet sich, «ihnen ein Paradies auf Erden zu bieten und damit etwas von dem Leid und Unrecht, das ihnen in der Vergangenheit angetan wurde, wieder gutzumachen.»

Informationen zu Patenschaften finden Sie unter: www.schnurrli.ch