Eine Mutter aus Urdorf ZH stand am Mittwoch vor dem Bezirksgericht Dietikon. Vowurf des Ex-Mannes: Sie habe dem Kind, bis über das Vorschulalter hinaus, die Brust gegeben.

Gerichtsvizepräsident Bruno Amacker sprach die Frau jedoch frei, da zu wenige Beweise vorhanden seien und man sich nur auf die zweifelhafte Aussage des Ex-Mannes und Vater des Kindes stützen könne. 

Trotzdem bleibt die Frage, wie lang man als Mutter seinem Kind die Brust geben soll, und ab wann man die Grenze des Akzeptierbaren überschreitet.

Markus Wopmann ist Chefarzt der Klinik für Kinder und Jugendliche und Leiter der Kinderschutzgruppe des Kantonsspitals Baden. Wopmann ist tagtäglich mit diesem Thema konfrontiert: "In den ersten sechs Monaten sollte eine Mutter ausschliesslich stillen, anschliessend sechs bis zwölf Monate teilweise", erklärt er. Die meisten Mütter hören nach neun Monaten auf zu stillen, und das sei auch gut so.

Mütter sollten laut Markus Wopmann bis zu 12 Monaten stillen. (Symbolbild)

Mütter sollten laut Markus Wopmann bis zu 12 Monaten stillen. (Symbolbild)

Doch: Entstehen gesundheitliche Schäden, wenn man einem Kind länger die Brust gibt? "Negative Auswirkungen hat Stillen, auch über neun Monate hinaus, nicht. Man weiss jedoch, dass Kinder, die viel Muttermilch trinken, einen Eisenmangel entwickeln. Das passiert aber auch nur dann, wenn dem Kind wenig oder keine anderen Nahrungsalternativen geboten werden." 

Distanz ist wichtig

Die Urdorfer Mutter stillte nach zwei Jahren ab. Um ihr Kind langsam der Milch zu entwöhnen, hatte sie es noch länger an der Brust saugen lassen. Laut ihrer Anwältin Karen Schobloch ging es dabei nur um "Wärme und Wohlbefinden", dass Kind sei nie zu Schaden gekommen und läge ausserdem immer auf der bekleideten Brust der Mutter. Der Vorwurf der Pädophilie sei ein Lügenkonstrukt des unzufriedenen Ex-Ehemannes. 

Für Dagmara Burkhart ist langes Stillen nichts Verwerfliches

Für Dagmara Burkhart ist langes Stillen nichts Verwerfliches

Die Aarauer Hebamme empfiehlt den Müttern so lange die Brust zu geben, wie sie wollen.

Aber auch abgesehen von diesem Fall tauchen immer wieder Geschichten von Müttern auf, die ihre Kinder bis zum Alter von vier oder fünf Jahren stillen. Ist das noch normal?

"Ein Kind wird im Laufe seiner Entwicklung autonom und lernt, Distanz zu seinen Eltern zu halten. Stillt eine Mutter über das Alter von zwei Jahren hinaus, ist das ungewöhnlich", so Wopmann.

Er betont jedoch, dass eine Mutter nicht immer eine sexuell stimulierende Absicht damit verfolgt. "Es ist sinnvoll, dem Kind eine gewisse Distanz beizubringen. Die zu grosse Nähe ist ab zwei Jahren nicht mehr altersentsprechend."  Fälle, in denen Mütter ihre Kinder bis ins Kindergartenalter gestillt haben, hat Wopmann nur sehr wenige erlebt. 

Länger Stillen in anderen Kulturen mehr verbreitet

Einen anderen Standpunkt vertritt Dagmara Burkhalter, eine Hebamme aus Aarau, die schon etliche Mütter vor, während und nach der Geburt begleitete. "Den Müttern rate ich, so lange zu stillen, wie es für sie stimmt. Ich rate ihnen aber auch, sich nur dosiert darüber in der Öffentlichkeit zu äussern", sagte sie gegenüber Tele M1.

Die Muttermilch biete dem Kind die bestmögliche Ernährung und laut Burkhalter ist das ein Luxus, der zudem Sicherheit und Geborgenheit bietet. "Ich kenne einige Mütter, die über das zweite oder dritte Jahr hinaus dem Kind die Brust geben. Schaden erleidet keiner der beiden, ganz im Gegenteil."

Burkhalter richte sich grundsätzlich nach den Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation, die eine Stillzeit von zwei Jahren vertreten. Ausserdem, erklärt die Hebamme, ist langes Stillen in anderen Kulturen keine Seltenheit: "Bei meiner Arbeit komme ich immer wieder in Kontakt mit beispielsweise türkischen Grossmüttern, die ihre Kinder auch bis ins 3. Lebensjahr gestillt haben. Dort ist das nichts Aussergewöhnliches. Ich denke, dass auch die Leute in der Schweiz bald soweit sind, langes Stillen als nichts Schlechtes anzusehen."