Crowdfunding

Wenn das Geld aus dem Netz kommt

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Auf Crowdfunding-Plattformen kann Geld für unterschiedliche Projekte gesammelt werden. Vom Musikalbum über Konzerte bis hin zu Buchprojekten. Zwei von drei eingereichten Projekten schaffen es sogar bis zur Realisierung.

Im Schlieremer Bandraum staunt die Band Asleep noch immer ein wenig. Wo erhält man sonst schon so viel Geld in so kurzer Zeit?

5000 Franken hat die Band im Internet innert zehn Tagen für ihr neues Album Igloo gesammelt. Gut einen Monat später waren gegen 8000 Franken zusammengekommen.

Crowdfunding, oder zu deutsch Schwarmfinanzierung, heisst eine neue Art der Geldbeschaffung, bei der viele Personen mit Kleinspenden ein Projekt finanzieren. Möglich machen es spezialisierte Internetseiten wie wemakeit.ch oder 100-days.net, die die Projekte vorstellen. Das Publikum bezahlt die Künstler, die sie überzeugen. Als Gegenleistung gibt es meist ein kleines Geschenk wie eine CD oder ein Konzertticket. «Wenn du das erste Mal mitmachst, hast du keine Ahnung, ob es klappt», sagt Bandmitglied Nicolas Sciarrone.

Rea Eggli ist Mitbegründerin von wemakeit.ch. Seit Februar 2012 gibt es die Plattform, deren Erfolg sich sehen lässt: «Über 66 Prozent der Projekte sind erfolgreich», sagt Eggli. Ihre Erfahrung zeigt: Die ersten und letzten Tage sind besonders wichtig.

Zwischen 45 und 60 Tagen sind die meisten Projekte auf der Homepage. Besonders zu Beginn müssen die Initianten ihr Umfeld beackern: Meist stammen die ersten 30 Prozent der Unterstützer aus dem eigenen Netzwerk.

Erst wenn diese Schwelle erreicht ist, findet das Projekt über das eigene Umfeld hinaus Beachtung. Im Maximalfall ist ein Projekt 90 Tage auf der Homepage ausgeschrieben. Bei jedem Projekt geben die Initianten an, wie viel Geld sie holen möchten. Nur wenn sie das Ziel schaffen, erhalten sie das Geld ausbezahlt. Sonst geht es an die Spender zurück.

«Alles oder nichts» ist die Devise. Start-ups und rein kommerzielle Projekte werden auf der Plattform abgelehnt. Sechs Prozent des Betrages erfolgreicher Projekte behält wemakeit.ch. Selbsttragend ist die Plattform trotzdem nicht. Derzeit wird sie auch vom Kanton Zürich unterstützt.

Im Schlieremer Bandraum zeichnet Musiker Patrik Schmid den Spendenverlauf: In den ersten Tagen kam viel Geld hinein, dann war einige Wochen Ruhe. Erst gegen Ende nahm die Spendenfreudigkeit nochmals zu.

A und O eines Erfolgs ist die Werbekampagne: Geschafft hat es die Band nur dank intensiver Präsenz auf allen Social-Media-Kanälen; Freunde und Bekannte wurden beackert.

«Ohne die Nächsten geht es nicht. Dort fängst du an», sagt Band-Mitglied Sascha Jösler. Irgendwann verselbstständigte sich der Spendenaufruf. Es ging immer weiter, Freunde von Freunden spendeten auch.

Zwar stammen viele der 73 Spender aus dem Familien- und Freundeskreis, aber nicht alle Spender kennt die Band. Rea Egglis Erfahrung zeigt: In der Regel stammt rund die Hälfte der Beiträge aus dem Umfeld der Initianten.

Crowdfunding verändert den Projektablauf. Die klassische Aufteilung Planung – Finanzierung – Kommunikation gilt nicht mehr. «Bereits in der Finanzierungsphase muss kommuniziert werden», sagt Rea Eggli.

«Man sagt den Leuten viel früher, dass man ein neues Album macht», erklärt Jösler. Positiver Nebeneffekt: Die Band hat durch wemakeit die Adressen aller Interessierten. Durch Newsletter werden diese ständig informiert. «Das stärkt die Basis und die direkte Beziehung», sagt Jösler.

Ob ein Projekt klappt oder nicht: Darauf haben auch die Belohnungen Einfluss, die vergeben werden. Auf wemakeit.ch erhält jeder Spender zum Dank ein kleines Präsent. Je nach Betrag reichte dies bei Asleep von der CD bis zum Privatkonzert. «Die Gegenleistung muss stimmen», sagt Eggli. «Persönliche Dankeschöns sind sehr beliebt.» Diese Erfahrung machte auch Asleep.

«Die Leute wussten genau, was wir anbieten», sagt Patrik Schmid. «Wenn du ein interessantes Goodie bieten kannst, gewinnst du viel.»

Bewusst hat die Band mit den Preisen für die «Goodies» allerdings darauf geachtet, dass wemakeit.ch nicht einfach zu einer Vorverkaufsplattform wurde, sondern auch der Spendengedanke berücksichtigt wurde. «Fundraising ist Scheissarbeit. Du musst betteln. Aber hier gibst du etwas zurück. Die Leute werden Teil des Projekts», ist das Fazit der Band, die wieder mitmachen würde.

Nicht jedes Projekt ist allerdings erfolgreich: Glücklich gescheitert ist Christian Müller. Mit fünf Kollegen, die er bei der Dietiker Gartenkooperative Ortoloco kennen gelernt hatte, suchte er Geld, um in der Hardturm-Stadionbrache einen Garten mit mobilen Holzkisten aufzubauen. 11 000 Franken wollten die Initianten, nur gerade 825 Franken kamen zusammen.

Das Projekt wurde trotzdem realisiert. Und geholfen hat dabei auch die Präsenz auf der Crowdfunding-Plattform. Denn das Projekt wurde dadurch bekannt.

Man habe wenig Werbung gemacht, erklärt Müller einen wesentlichen Faktor für das geringe Spendenaufkommen. Dieselbe Erfahrung machte der Chor Vocalino Wettingen.

Letzten Winter wollten die Sänger Geld sammeln für ihre Weihnachtskonzerte in Spreitenbach und Wettingen. Sie hätten das Crowdfunding-Projekt vorzeitig abgebrochen, weil sich das Projekt aus anderen Quellen finanzieren liess, erklärt der damalige Initiant Daniel Perez.

Seine Erfahrung: «Man muss extrem viel Werbung machen. Von alleine läuft es auch im Internet nicht.»

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