Hauptbahnhof Zürich

Vom Laden ohne Verkäufer bis zum Geschichtenautomaten

Das Projekt «My Smart Station Zürich HB» ist abgeschlossen.

24 Pilotprojekte haben die SBB in den letzten 24 Monaten im Hauptbahnhof Zürich umgesetzt, um ihn smarter zu machen. Nun ist das Projekt «My Smart Station Zürich HB» abgeschlossen, und der HB dürfe sich als digitalster und persönlichster Bahnhof der Welt betrachten, verkündeten die SBB dieser Tage in einer Medienmitteilung. Also auf in die smarte neue Bahnhofswelt – mal sehen, wie smart sie wirklich ist.

Vor der Avec Box in der Bahnhofshalle kümmert sich eine junge Frau am Infostand um Passanten und Kunden. Der rote Container ist eine Premiere für die Schweiz: Die Kiosk- und Automatenfirma Valora testet hier den Laden ohne Verkäufer. Zugang durch die elektrische Schiebetüre hat man nur mit der entsprechenden Handy-App, über die man die Produkte auch einscannt und bezahlt. Gegen Diebstahl soll die Videoüberwachung helfen.

Eine Passantin beschwert sich, der Zugang habe trotz heruntergeladener App nicht funktioniert. «Schreiben sie eine Mail», rät die Frau am Infostand. «Wahrscheinlich hat sich das Handy aufgehängt.» Das sollte ein Smartphone nicht tun.

Die Box steht noch bis Ostermontag im Hauptbahnhof. Am Wochenende ist sie rund um die Uhr geöffnet. Wer also am Ostersonntag noch Eier braucht, kann sie hier finden. Danach reist die Box an einen anderen Standort weiter. Was im Hauptbahnhof bleibt, ist der stärker auf Reiseproviant ausgerichtete Avec X zwei Stockwerke tiefer, ebenfalls ohne Verkaufspersonal und nur mit App zugänglich. Hier kann man sich unter anderem an zwei Automaten seinen ganz persönlichen Salat oder sein ganz persönliches Müsli mixen.

«Smart Emma» wird verlängert

Auch den auf eine Stunde limitierten Gratis-WLAN-Zugang im Hauptbahnhof Zürich haben die SBB vereinfacht. Entsprechend häufig sieht man an den Tischen vor den Imbissständen Leute mit Laptops. Es fällt schon fast auf, wenn man allein ohne so ein Gerät an einem der Tische zwischen «Nordsee»-Imbiss und «Smart Emma» sitzt. «Smart Emma» ist ebenfalls eines der Pilotprojekte der «Smart Station Zürich HB». Per Online-Abstimmung konnte das Volk entscheiden, welche lokalen Anbieter den Pop-up-Store jeweils für eine kurze Zeit haben dürfen – für die SBB eine Chance, dem Ladenmix im Hauptbahnhof etwas mehr Lokalkolorit zu verleihen.

Aktuell sind Kleider und Biberli im Angebot von «Smart Emma». Bis vor wenigen Tagen waren es noch Blumen, erzählt eine der Verkäuferinnen. Kürzlich sei ein Kunde da gewesen, der noch Blumen kaufen wollte. Sie musste ihn vertrösten. Die SBB haben das Projekt «Smart Emma» wegen der grossen Nachfrage um zwei Monate bis Ende Mai verlängert, wie sie auf ihrer Website schreiben.

Ein SBB-Sprecher bezeichnet den Smart-Emma-Laden auf Anfrage als eines jener Projekte im Rahmen von «My Smart Station Zürich HB», die am besten ankommen. Rege genutzt werde auch das Angebot «SBB Fast Lane» in der Mein-Bahnhof-App, um Wartezeiten bei den Take-away-Ständen zu vermeiden. Mit der App lässt sich Essen und Trinken via Handy vorbestellen, bezahlen – und dann ohne Wartezeit direkt im Geschäft abholen.

Selbstverständlich ist auch das gute alte Schliessfach smarter geworden: Es nimmt jetzt nicht nur Münzen, sondern auch Kreditkarten. Und wer Lust hat, kann seine Bahnhofs-Fotos auf die «Social Wall» genannten Bildschirme im Reisezentrum des Hauptbahnhofs hochladen, über die sie dann jeweils für ein paar Sekunden flimmern. Zu sehen sind Fotos von Gleisperrons, einem Salatteller, Reisenden – und der Hauptbahnhof in vielen Variationen.

Auch für Menschen, die nicht ständig einen Bildschirm vor Augen haben wollen, ist smart gesorgt: Im Warteraum im HB-Zwischendeck gegenüber den Schliessfächern befindet sich ein Kurzgeschichtenautomat. Auf Knopfdruck druckt er eine Geschichte auf einen Papierstreifen, wahlweise auf Deutsch, Englisch oder Französisch. Trotzdem hängen beim Testbesuch fast alle Wartenden am Handy, Tablet oder Laptop. Die SBB wollen die Social Media Screens und den Kurzgeschichtenautomaten nun auch an kleineren Bahnhöfen anbieten, wie ihr Sprecher Raffael Hirt auf Anfrage mitteilt.

Nicht nur der Füllstand zählt

Ich marschiere noch raus auf die Perrons 16/17, bis in den Sektor D, wo sie enden. Hier sollen sich die smarten Abfallkübel des smarten Hauptbahnhofs befinden, bei denen Messgeräte den Füllstand melden. Der Ausflug ins Freie bietet Aussicht auf die Büroklötze der Europaallee. Die Abfall-Recycling-Stationen mit Gebinden für Abfall, Pet, Alu und Papier heben sich mit ihren Spitzdächern architektonisch von den Büroklötzen ab.

Doch es besteht gemäss Hirt noch Verbesserungsbedarf: «Die Füllstand-Messsensoren funktionieren gut. Aber es hat sich gezeigt, dass für ein effizientes Waste Management weniger der Füllstand von Bedeutung ist, sondern der Inhalt.» Wenn in einem Kübel etwa Flüssigkeit drin sei, müsse man ihn schnell leeren – und zwar bevor er voll ist. Auch eine smarte Erkenntnis.

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