Bezirksgericht Dietikon

Vergewaltigung kann nicht nachgewiesen werden

Das, was dem Mann vorgeworfen wurde, sei nicht rechtsgenüglich ohne Zweifel nachgewiesen, heisst es vonseiten des Gerichts.

Ein 29-Jähriger wurde vom Bezirksgericht Dietikon freigesprochen. Die Anzeigenerstatterin tauchte vor Gericht nicht auf. Und ihre früheren Aussagen waren zu widersprüchlich.

Keine Klärung, dafür ein Freispruch im Zweifel: Ein 29-jähriger Mann musste sich am Freitag im Bezirksgericht Dietikon dem Vorwurf einer brutalen Vergewaltigung stellen. Das Gericht sowie der Angeklagte waren dazu bereit, doch ausgerechnet die junge Frau, die Anzeige erstattet hatte, tauchte nicht auf.

Der Vorfall ereignete sich im Juni 2018: In der Nacht von einem Sonntag auf Montag lief die junge Frau in Dietikon halbnackt aus der Wohnung des heute 29-jährigen Mannes und stoppte in ihrer Panik einen Autofahrer. Der rief die Polizei. Diese erlebte die Frau ebenfalls als sichtlich verstört, ihre Aussagen seien wirr und konfus gewesen. Je nach Sichtweise war dies Ausdruck ihrer Traumatisierung, oder eher ein Hinweis darauf, dass ein Rechtsstaat ihre Aussage nicht für eine Verurteilung heranziehen darf.

So warf die Frau dem Mann etwa vor, damit gedroht zu haben, ihr mit einem Schraubenzieher die Augen auszustechen, wenn sie ihm nicht gefügig sei. Allerdings sprach sie später auch von einem Messereinsatz oder von Schrauben. Staatsanwalt Matthias Stammbach räumte vor Gericht ein, die Frau habe oft widersprüchlich ausgesagt und etwa auch nicht wahrheitsgemäss über ihren Alkoholkonsum jener Nacht gesprochen. «Sie kann oder will die traumatisierenden Elemente nicht schildern», so Stammbach. Daraus dürfe man aber nicht die falschen Schlüsse ziehen.

Hoher Blutalkoholgehalt

Tatsächlich betrug ihr Blutalkoholgehalt drei Stunden später über 0,8 Promille, obwohl sie zuerst angab, nichts getrunken zu haben. Verteidiger Thomas Heeb betonte, die Aussagen der Frau seien derart widersprüchlich, dass sie keinesfalls für eine Verurteilung ausreichen würden. Auch müsse sich das Gericht direkt von der Glaubhaftigkeit der Aussagen überzeugen können, was nicht möglich sei, wenn die Frau nicht als Zeugin erscheine. Man müsse zugunsten seines Mandanten davon ausgehen, dass sie nur wenig Interesse daran habe, was heute hier verhandelt werde. Allerdings bestätigten Zeugen, dass die Frau in jener Nacht schreiend auf die Strasse stürzte. Auch auf der Aufzeichnung des Notrufes des Autofahrers hört man offenbar die Frau schluchzen. «Dass jemand auf der Strasse herumschreit, erlebt man in der Stadt jeden Tag, ohne dass eine Vergewaltigung vorausgegangen ist», sagte der Verteidiger dazu.

Der Angeklagte sprach von konsensualem Sex in jener Nacht, danach sei er eingeschlafen. Irgendwann später sei die Frau dann weg gewesen. Wie es aber dazu kam, dass er in seiner Wohnung in der Toilette eingeschlossen war und von seinem Mitbewohner befreit werden musste, weil der Schlüssel von aussen steckte, konnte er nicht sagen. Gerichtspräsident Stephan Aeschbacher betonte, das Gericht habe sich die Aufzeichnung der Videoeinvernahme der Frau angesehen und sich so durchaus einen direkten Eindruck machen können. Das, was dem Mann vorgeworfen wurde, sei nicht rechtsgenüglich ohne Zweifel nachgewiesen. Diese Ausgangslage führe zu einem Freispruch. Der Mann erhält 400 Franken Genugtuung für zwei Tage Untersuchungshaft, und auch das noch immer bestehende Kontaktverbot zur Frau hob das Gericht auf. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

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