Es ist kurz vor 22 Uhr, als das Spitex-Auto in Oberengstringen um die Kurve biegt. «Manche meinen, dass man in der Nacht schneller ist. Doch es gibt viel mehr Baustellen als tagsüber und die Parkplätze der blauen Zone sind alle besetzt», sagt Davor Stajic. Er ist einer von rund hundert Pflegefachpersonen der Regiospitex Limmattal. Seit Februar arbeitet er im Pilotprojekt Nachtspitex. Dieses deckt das ganze Limmattal ab.

Unterdessen hat er einen Platz direkt neben dem Haus des Patienten gefunden. Beim Aussteigen aus dem weissen Auto fallen ihm bereits die ersten Regentropfen ins Gesicht. Stajic packt den Korb mit den Verbandsmaterialien in die eine und die Taschenlampe in die andere Hand. Dann stapft er Richtung Wohnhaus. Bald ist auch seine dunkle Jacke und die blaue Jeans nass. «Ich bitte meine Arbeitskollegen immer, dass sie mir die Standorte der Klienten während meiner Freizeit per E-Mail senden. Sonst habe ich keine Ahnung, wo ich parkieren soll und wie das Haus aussieht», sagt er. Doch nach ein paar Besuchen kenne man jede Katze und jeden Hund im Quartier. Wenn Stajic von seinem Job bei der Nachtspitex redet, beschreibt er ihn mit Sätzen wie: «Es ist nicht pure Theorie, sondern es sind Erlebnisse. Es wird nie zur Routine.» Oder: «Man muss viel improvisieren.» Und: «In der Nacht sieht man den Menschen anders, die Leute vertrauen einem viel mehr.»

Beim Haus angekommen wird Stajic sogleich von der Ehefrau des Patienten eingelassen. Sie begrüssen sich wie Bekannte und fangen an zu scherzen. «Ihr habt Grund zum Champagner trinken, nachdem ihr gestern im Fussball gewonnen habt», sagt Stajic und tritt ein. Die Frau mit den dunklen Locken lacht und begleitet ihn in die Stube. Dort sitzt der Patient bereits am Tisch. Er hat das schwarze T-Shirt hochgekrempelt. An seinem Oberarm ist ein kleiner Verband angebracht, unter diesem befindet sich ein Venenkatheter, der bis zum Herz reicht. Über diesen hat er in den letzten zehn Tagen Antibiotika erhalten. Damit wollen die Ärzte die Entzündung, die seine Schulter befallen hat, bekämpfen. Denn diese lässt ihm seit seinem Unfall auf dem Bau vor zwei Jahren keine Ruhe.

Im Schnitt betreut er etwa acht Patienten pro Schicht

Stajic beginnt mit der Arbeit. Für jede Tätigkeit ist ein Zeitrahmen vorgegeben, den er einhalten muss. Mehr als diese zahlt die Krankenkasse nicht, «der Weg mit dem Auto ist ebenfalls nicht einberechnet», sagt er. Pro Einsatz werden minimal zehn Minuten in Rechnung gestellt, danach rechnet die Spitex in Einheiten von fünf Minuten ab. Nebst dem Kostendruck ist die Nacht auch durch die vielen Patienten eng getaktet. Im Schnitt betreut Stajic acht Patienten pro Schicht. Die genaue Anzahl schwankt jedoch. «Besonders an Feiertagen werden die Patienten schneller entlassen.»

Der Patient vor ihm ist bereits seit über einer Woche zu Hause. Einerseits ist er froh, nicht mehr im Spital sein zu müssen, doch andererseits belasten ihn die Schmerzen in der Schulter weiter. «Die Infusion hat bisher nichts gebracht», sagt er und lässt die Schultern hängen. «Er muss immer Morphin nehmen», sagt seine Frau. Ein wenig resigniert rollt der Patient den weissen Verband hoch und reicht dem Pfleger das Schläuchlein. Die vergangenen Monate und Jahre scheinen seine Motivation und Geduld strapaziert zu haben. «Wir wollten sogar einen Hund kaufen, damit mein Mann immer wieder ein wenig raus muss», sagt die Frau. Doch ein Hund hätte 2000 Franken gekostet. «2000 Franken, wie sollen wir uns das leisten?» Besonders jetzt, wo die Unfallversicherung Suva aufgehört habe, für die Krankheitskosten des Mannes aufzukommen. «Dabei war er nur zwei Monate von der Festanstellung entfernt, genau dann passierte der Unfall», sagt die Frau. Der Mann schaut auf den Tisch. Währenddessen spült der Krankenpfleger die Infusion. Die leere Spritze versorgt er in einem schwarzen Plastiksack. Er mischt das Antibiotika mit der Kochsalzlösung und hängt die Infusion an den Ständer.

«Einen Kaffee?», fragt die Frau. Stajic scheint nicht abgeneigt, die jüngere Tochter verschwindet in der Küche und kommt mit zwei Kaffees zurück. Der Pfleger sitzt am Tisch neben dem Patienten, hört dem Gespräch zu und schaut immer wieder auf die tropfende Infusion. An seinem weissen Kittel sind drei Taschen aufgenäht. Genau so viele Geräte hat er dabei, um die verschiedenen Einsätze zu planen: ein Smartphone, ein Nottelefon und ein Tablet. «Da wir vier verschiedene Spitex-Organisationen im Limmattal haben, benutzen wir auch unterschiedliche Betriebsprogramme», sagt Stajic. Er hat sich bereits auf allen Systemen eingeloggt, um schnell reagieren zu können.

Die Nachtspitex wird generell nur aufgrund ärztlicher Verordnung aufgeboten. Das sei beispielsweise der Fall, wenn Patienten früh aus dem Spital entlassen werden, sagt Stajic. So wie sein heutiger Patient, bei dem Stajic nun die Antibiotikainfusion entfernt. «Ich blieb einige Tage im Spital», sagt dieser. Er sei froh um den Besuch der Spitex, auch wenn die Schmerzen immer noch gleich seien. Bei der Beurteilung der Situation hält sich Stajic jedoch zurück. Auch nachdem ihn die Ehefrau fragt, was er denn nun von der Sache halte, sagt er nur: «Ja, das sollte schon anders sein, da müssen die Ärzte nun eingreifen.» Er rät dem Mann, er solle sich unbedingt an einen Schmerztherapeuten wenden.

Nach sechs Nächten am Stück ruft die Freizeit

Stajic verknotet den schwarzen Abfallsack und räumt seine Utensilien auf dem Tisch zusammen. «Ich habe nun nach sechs Nächten zwei Tage frei», sagt er und begibt sich zum Ausgang. Ob er seinen Patienten nochmals sieht, ist nicht klar. Die nächsten Nächte übernimmt sein Kollege. Er verspricht aber, auf alle Fälle noch die Nummer für den Schmerzspezialisten zu senden. Dann zieht sich Stajic wieder die Kapuze über die schwarzen Haare und tritt in die Nacht.

Stajic hat viele Anekdoten zu seinen nächtlichen Besuchen auf Lager. Beispielsweise zur allnächtlichen Lagerung der gelähmten Patientin: «Bei ihr muss ich immer wieder den Hund streicheln, damit er sich nicht zwischen mich und die Patientin stellt.» Weiter besucht er in der Nacht auch häufig ältere Leute: «Diese reden immer gerne ein wenig mit mir, da sie nicht schlafen können.» Während der Nacht erlebt Stajic aber nicht nur Heiteres. «In meinen ersten Wochen starben gleich zwei Patienten in der Nacht.» Das habe ihn einerseits sehr getroffen, doch er wisse auch, dass dies zu seinem Beruf gehöre. Gegen den Morgen stehen Verbandswechsel bei jüngeren Patienten an, «dort gehe ich jeweils gegen fünf Uhr vorbei, damit sie nachher für die Arbeit oder Berufsschule bereit sind».

Zwischen den Besuchen kann öfters mal das Telefon klingeln. Am Draht sind Alterszentren oder Wohngruppen, die eine Anfrage haben. «Wenn ich gerade Zeit habe, helfe ich. Doch wenn etwas Dringendes vorgefallen ist, wie etwa ein Sturz, muss ich abschätzen, ob nicht besser gleich die Sanität vorbeikommt», sagt Stajic. Denn er könne nicht einfach von seinen Patienten wegrennen. «Ich bin kein Notfalldienst.»

Um trotz fortgeschrittener Uhrzeit wach zu bleiben, hat Stajic einige Strategien entwickelt: Er isst so wenig wie möglich: «Denn wenn ich eine Pizza esse, bin ich danach richtig müde.» Zudem sorgt er dafür, dass die Nacht gut mit Terminen ausgelastet ist. Künftig möchte er von Zeit zu Zeit mit dem E-Bike herumfahren. Das wäre einerseits klimaschonender und würde ihm andererseits noch ein wenig mehr Bewegung verschaffen. Doch bei dem Regen, der im Moment auf die Autoscheibe prasselt, sind Stajics Gedanken eher Träume für die Zukunft.