Es ist heiss und die Luft drückt. Draussen sind es 26 Grad und im Rettungsfahrzeug ist es noch ein paar Grade heisser. Tierrettungsfahrer Patrick Huber hat Schweissperlen auf der Stirn. Immer wieder wischt er sie sich weg und schaut auf das Tablet. Es zeigt ihm den Weg zum nächsten Einsatz, der von seinem Arbeitsort, der Stiftung Tierrettungsdienst und dem Tierheim Pfötli in Winkel, rund eine Stunde entfernt liegt. Doch dann kriegt der 26-Jährige einen neuen Notfall über sein Headset rein. Er muss wieder zurückfahren, denn die Einsatzzentrale des Tierrettungsdienstes meldet, dass eine Katze des dazugehörigen Tierheims Atemnot hat und sofort in eine Tierklinik gebracht werden muss. «Ich bin mir nicht sicher, wie lange die Katze schon bei uns ist – sie ist ein Findeltier», sagt der Rettungsfahrer.

2018 sind die Rettungskräfte 4000 Mal ausgerückt

«Findeltiere» werden die Tiere genannt, die gerettet werden und keinem Besitzer zugeordnet werden können. Im Tierheim Pfötli leben zirka 200 Tiere. «Wir haben unter anderem Hunde, Katzen, Schildkröten, Kaninchen, Meerschweinchen und neuerdings sogar einen Pfau», sagt Valentina Peter. Sie ist im Kommunikationsteam des Tierrettungsdienstes und des Tierheims Pfötli. Neben Peter und Huber arbeiten rund 45 Personen für die «Stiftung TierRettungsDienst – Leben hat Vortritt», die seit 1993 die Rettung, Haltung und Vermittlung von verletzten und halterlosen Tieren bezweckt. «Wir leben von Spenderinnen und Spendern sowie zahlreichen freiwilligen Helfern, die jeden Tag mitanpacken», sagt Peter. Auch heute wird gehämmert, gebohrt und gebaut. «Eine Gruppe Freiwilliger gestaltet gerade die Katzenterrasse um», erklärt die 24-Jährige.

Während die einen bauen, klingeln im Hintergrund die Telefone fast ununterbrochen. «Die Einsatzzentrale hat viel zu tun, gerade weil Sommer ist», sagt Peter. In der Sommerzeit seien es mehr Anrufe als sonst, am Tag seien es im Durchschnitt 40. «Das liegt daran, dass im Frühling und Sommer zusätzlich Jungtiere auf Hilfe angewiesen sind und dass die Leute sich mehr draussen bewegen und somit mehr auf ihr Umfeld achten», sagt Peter. Die Anrufer melden Notfälle aus dem Kanton Zürich und der Umgebung, zu denen die Rettungsfahrer fahren. Alleine im vergangenen Jahr sind Huber und seine Kollegen 4000 Mal ausgerückt. «Das ist ein Knochenjob – aber er erfüllt mich», sagt Huber. Gelernt habe er eigentlich Schreiner, doch schon früh habe Huber gewusst, dass er «etwas mit Tieren» machen wolle. «Bereits als kleiner Bub habe ich verletzte Tiere aufgepäppelt», sagt er. Neben dem Beruf mache er das heute noch privat. Von Igeln und Leopardengeckos bis zu Patenschaften für Greifvögel – Huber übt seinen Job oftmals auch in seinen vier Wänden aus.

Vom Tierrettungsfahrer zum Tierarzthelfer

Zurück in Winkel springt Huber aus dem Rettungswagen. Schnell, aber akribisch bereitet der 26-Jährige den Einsatzwagen vor und holt die Notfall-Katze aus dem Tierheim. Sie atmet laut und streckt ihre Zunge weit raus. «Das ist kein normales Verhalten bei Katzen», sagt Huber. Was es sein könnte, wisse er aber nicht.

Beim Tierarzt geht es schnell. Sofort wird Huber mit der kranken Katze reingerufen. «Sie muss geröntgt werden», sagt die Tierärztin. Die Katze atmet mittlerweile noch schwerer. «Kannst du mir bitte helfen?», fragt die Tierärztin. Huber nickt und zieht sich Schutzkleidung über. Während dem Röntgen verschlechtert sich der Zustand der Katze, sie hyperventiliert. Mit ihr im Arm, rennt die Tierärztin in den Nebenraum. «Die Katze muss jetzt beatmet werden», sagt Huber.

Zeit um zu schauen, ob ihr Zustand sich bessert, hat der Tierrettungsfahrer nicht. In der Zwischenzeit hat er bereits einen neuen Notfall reinbekommen: Ein Waldkauz soll sich in einem Stacheldrahtzaun verfangen haben. «Das wird eine Herausforderung. Ich weiss noch nicht, wie ich ihn befreien werde», sagt Huber. Dazu kommt es dann nicht, weil der Anrufer den Waldkauz bereits befreit hat. Auf den ersten Blick ist keine Verletzung sichtbar, erst als Huber das verletzte Tier in die Hand nimmt, sieht er, was passiert ist. Er ahnt nichts Gutes: «Der Waldkauz hat schwere Verletzungen am Flügel. Ich glaube nicht, dass er so je wieder fliegen kann.»

Katzenbabys, um den stressigen Alltag zu erleichtern

Auch am Nachmittag wird die Arbeit nicht weniger. Huber wird noch zu drei weiteren Einsätzen gerufen. Ein alter Kater, der taub herumirrt; ein Spatz, der gegen die Scheiben eines Ladens geflogen ist und ein weiterer, der aus einer Ladenfiliale gerettet werden muss. Der Kater trägt nun ein Halsband mit einer Kontaktnummer, da Huber vermutet, dass er jemandem gehört. «Der Kater ist kastriert. Das ist ein Zeichen dafür, dass er ein Zuhause hat. Jetzt hoffen wir, dass der Besitzer uns anruft», sagt Huber. Und die zwei Spatzen werden in einer Pflegestation aufgepäppelt.

Seit drei Jahren fährt Huber bereits quer durch den Kanton um Tiere zu retten, doch leichter würde der Beruf mit der Zeit nicht werden: «Das Positive überwiegt, aber natürlich gibt es auch Einsätze, die mir nahe gehen.» Doch mittlerweile könne er solche Einsätze gut mit sich selbst vereinbaren. «Dass ich helfen kann, macht mich glücklich. Die Tiere geben mir viel zurück.» Dennoch gibt es auch Einsätze, die ihn über den Feierabend hinaus beschäftigen. «Dann muss ich mit Freunden darüber reden, um das zu verarbeiten – das Sprechen hilft mir dabei», sagt er. Auch die Anerkennung der Menschen helfe ihm, mit dem Schlechten klarzukommen: «Einmal bin ich von einem Einsatz gekommen und an der Heckscheibe hing ein Dankeschön-Zettelchen – das berührt einen natürlich.»

Sollte es Huber jedoch mal zu viel werden, kann er ins Tierheim gehen und sich bei den vielen Katzenbabys Trost holen. Momentan sind es rund 20 im Tierheim Pfötli. Bald sind die verschmusten Babys alt genug, um ein Zuhause zu finden. Vielleicht landet eines davon bei Huber oder Peter. Ausschliessen will die 24-Jährige es nicht: «Es wäre nicht das erste Mal, dass ein Mitarbeiter ein Tier mit nach Hause nimmt.»