Findeldinger

Sorry, Greta!

Martin von Aesch ist Autor und Musiker. Er lebt in Schlieren.

Denken Sie doch bitte kurz an letzten Sonntag zurück! Vielen von Ihnen kommen wohl gleich drei Ereignisse in den Sinn: das souveräne Spiel von Roger Federer, der dramatische Sieg von Stan Wawrinka und die unerklärliche Niederlage des FC Aarau. Würde man eine Umfrage starten, würde diese wohl ergeben, dass die halbe Schweiz diesen ersten Sommertag vor dem Fernseher verbracht hatte. Doch was tat die andere Hälfte?

Ganz einfach, die stand im Stau. Zum Beispiel am Gotthard. Oder dann auf einer anderen Route, die vom Süden in den Norden führt. Ich gebs zu, auch ich reiste mit zwei Freunden im Auto aus Italien zurück. Und ich schäme mich auch ein bisschen, denn knapp vor Mailand wurde uns klar, dass wir definitiv besser die Eisenbahn gewählt hätten. Auch wenn uns wegen des übermässigen Schaukelns dieser neuen Züge von Bombardier vermutlich schrecklich übel geworden wäre. Auch wenn wir wegen eines kleinen Defekts irgendwo auf offener Strecke steckengeblieben wären. Alles wäre besser gewesen, als vor dem Gotthard während satter vier Stunden gegrillt zu werden.

Guter Rat war teuer, doch er kam. Ohne auch nur einmal in einer Kolonne zu stehen, erreichten wir das Limmattal. Wegen des Umweges verloren wir zwar drei Stunden, konnten uns aber das anstrengende Stop-and-go im Schneckentempo ersparen. Das Dümmste wäre nun aber, unsere Route hier preiszugeben, weil sonst unsere Ausweichmöglichkeit das nächste Mal auch verstopft wäre.

Zu Hause angekommen, hielt sich der Stolz wegen dieses Husarenstückes allerdings in Grenzen. Denn als ich mir auf dem Balkon ein Glas Wein genehmigte und an unsere Fahrt zurückdachte, tauchte vor meinem geistigen Auge immer wieder diese zierliche, junge Frau auf, die nichts sagt, einfach nur dasitzt, hinter einem Plakat, auf dem etwas Schwedisches steht. In diesem Moment wurde mir bewusst, dass ich Teil eines ökologischen Unsinns geworden war. Und ich schämte mich erneut. Schämte mich vor allem auch wegen dieser jungen Frau mit dem alles durchdringenden Blick.

Sorry, Greta! Doch was hättest du an meiner Stelle getan? Du wärst wohl gar nicht erst nach Italien gefahren, nein, du hättest dich gemütlich vor den Fernseher gesetzt und dich während Stunden an tollen sportlichen Leistungen ergötzt.

Meistgesehen

Artboard 1