Weihnachten

Seit 30 Jahren verzaubert und begeistert ihr «Häxehüsli» die Menschen

Esther und Karl Villiger schmücken ihr Haus in der Fahrweid seit 30 Jahren für die Weihnachtszeit. Die Freude anderer ist ihre Motivation.

Die Gestirne beginnen zu glitzern, während der Himmel allmählich eine blau-violette Farbe annimmt. An der Fahrweidstrasse rauschen die Autos auf der von Bauarbeiten zerfressenen Strecke vorbei. Hinter der rot-weissen Baustellenabschrankung leuchtet das Haus von Esther und Karl Villiger.

Der Gartenzaun, der Vorgarten, das Dach, der Wintergarten, die Fassade sowie die Fensterläden und -simse ihres Chalets sind mit Weihnachtsdekoration geschmückt.

«Wir hatten Glück, dass das Trottoir vor unserem Haus von den Bauarbeitern rechtzeitig wieder freigegeben wurde, sonst hätten wir den Zaun nicht dekorieren können. Das wäre viel zu gefährlich gewesen, weil der Verkehr direkt an unserem Haus vorbeiging», sagt Karl Villiger.

Am Freitag vor einer Woche haben sie die lang ersehnte Nachricht erhalten. Das Trottoir wurde im Rahmen der Arbeiten für die Entwässerung in der Fahrweid als Fahrstreifen benutzt. «Letzten Samstag haben wir alles anbringen und die Weihnachtsbeleuchtung traditionsgemäss einen Tag vor dem ersten Adventssonntag anstellen können», sagt der 73-Jährige und strahlt dabei so heiter wie die vielen Lämpchen an seinem Haus.

Das Heim des Ehepaars in der Weininger Fahrweid ist seit vielen Jahren ein Blickfang in der Weihnachtszeit. Über die Gemeindegrenzen hinaus ist es als «Häxehüsli» bekannt. «Das liegt wohl an den Fensterläden», erklärt Esther Villiger. Seitdem ihr Mann diese wie Lebkuchen verziert habe, würden viele Leute es so nennen. «Es hängen übrigens echte Willisauer Ringli und Mandeln daran», sagt die 70-Jährige. Die kämen aber nicht jedes Jahr frisch auf die Läden, ergänzt ihr Mann und lacht.

Im Dachstock hat es keinen Platz mehr

Seit 35 Jahren wohnen die beiden in ihrem Holzhaus. Karl Villiger wuchs sogar darin auf. «Das ist mein Elternhaus. Nach elf Jahren in Dietikon zog ich mit meiner Frau zurück in die Fahrweid», sagt er. Wie lange die Villigers ihr Zuhause bereits so dekorieren, wissen sie nicht mehr.

«Bestimmt schon seit 30 Jahren», sagt Esther Villiger. Sie seien die ersten im Quartier gewesen, die damit begonnen hätten. Nach den Lebkuchen-Läden kamen nach und nach weitere Beleuchtungen und Dekorationen hinzu. «Mehr können wir auch gar nicht mehr anbringen. Unser Dachstock, wo wir das ganze Material lagern, ist prall gefüllt. Da passt nichts mehr rein», sagt Esther Villiger.

Neben dem geschmückten Haus, zählt die Krippe mit Maria und Josef, dem Jesus-Kind, den drei Königen und den Tieren zum Höhepunkt des Weihnachtsschmucks. Während Schaufensterpuppen die Eltern des Christkinds und die Könige mimen, sind der Esel, der Stier und die zwei Schafe im Stall aus Holz gefertigt. Sie sind Karl Villigers Werk. Dem pensionierten Schreiner fiel die Arbeit leicht.

Auch das Kamel, das neben den drei Königen am Haus angelehnt ist, hat Villiger selbst entworfen, gesägt und angemalt. «Ich bin extra nach Ägypten gereist, um die Kamele zu studieren, damit ich sie lebensecht abbilden kann», sagt Karl Villiger.

Seine Frau verdreht die Augen. «Das stimmt doch nicht. Du warst schon in Ägypten, aber nicht deswegen», sagt sie und lässt den Scherz ihres Mannes auffliegen. Ihre Lieblingsstücke sind die hüfthohen Kerzen aus Birkenstämmen, die den Weg zum Hauseingang säumen.

«Es sind aber keine echten Kerzen, die brennen. Ich habe viel zu grossen Respekt vor Feuer, auch weil wir in einem Holzhaus leben», sagt Esther Villiger. Aus dem Haus stürmt plötzlich ihre vierjährige Golden-Retriever-Hündin Joya, die glatt als gross gewachsenes Schaf in der Weihnachtskrippe durchgehen könnte.

Beleuchtung auf dem Dach führte fast zur Scheidung

Letztes Jahr verzichteten die Villigers darauf, das Dach zu beleuchten. Doch dieses Mal konnte Karl Villiger es nicht lassen und stieg wieder auf die Leiter. Ganz zum Leidwesen seiner Frau. «Das hat fast zur Scheidung geführt», sagt sie. Er sei schliesslich nicht mehr der Jüngste, das sei viel zu gefährlich. «Das war auch das letzte Mal», verspricht Karl Villiger.

Die Lämpchen sind in einen transparenten Gummischlauch eingearbeitet. «Wir lassen sie auf dem Dach, die sollten sich vom Sonnenlicht nicht zersetzen lassen wie die alte Beleuchtung.» Wild zusammengewürfelt ist die Dekoration der Villigers nicht. «Unser Motto ist ganz einfach Weihnachten. Es soll stilvoll sein, deshalb haben wir auch keine blinkenden oder farbigen Lämpchen. Das gefällt mir gar nicht, das erinnert mich zu fest an Amerika», sagt Esther Villiger und verwirft die Hände.

Früher, als das Paar noch arbeitete, stellte es mithilfe von Freunden und Verwandten die Dekoration in einem Tag auf. «Abends gab es dann immer ein traditionelles ‹Liechtli›-Essen mit Raclette», erzählt Esther Villiger. Seit sie beide im Ruhestand seien, hätten sie mehr Zeit. «Jetzt beginnen wir zwei Wochen vorher und können je nach Wetter Tag um Tag ein bisschen aufstellen und müssen nicht hetzen.»

Die Helfer brauchen sie deshalb nicht mehr. Einzig ein Neffe und eine Nichte kämen am Samstag vor dem ersten Advent immer vorbei. «Unser Neffe ist Elektriker und schliesst die ganze Beleuchtung an den Strom an», erzählt Karl Villiger. «Und unsere Nichte zieht der Maria, dem Josef und den Königen die Kleider an», ergänzt Esther Villiger.

Es sei immer ein freudiger Moment, wenn sie die ganze Ware aus dem Dachstock holen könnten. Und so geht es nicht nur den Villigers selbst. «Es gibt Leute, die uns schon im Sommer fragen, ob wir wieder eine Weihnachtsbeleuchtung aufstellen», sagt Esther Villiger und schmunzelt. «Wir können gar nicht damit aufhören, dann gäbe es ja beinahe eine Staatstrauer.» Die Freude der Anwohner, Passanten und Kinder ist für das Paar die grösste Motivation, jedes Jahr den Aufwand zu betreiben.

«Immer wieder blitzt es, wenn wir in der Stube sitzen. Die Leute schiessen ständig Fotos von unserem Haus», sagt Karl Villiger. Es habe sogar schon mal einen Auffahrunfall gegeben, weil ein Autofahrer durch die Beleuchtung abgelenkt gewesen sei, sagt er. Das sei natürlich nicht ihre Absicht.

Nachbarn bringen Schokolade und Wein

Die Reaktionen auf das «Häxehüsli» sind sehr positiv. «Manchmal kommen Nachbarn, aber auch Leute aus den umliegenden Gemeinden vorbei, die wir gar nicht kennen, um sich bei uns dafür zu bedanken. Das ist sehr schön», sagt Esther Villiger.

Schokolade und auch schon Wein hätten sie geschenkt bekommen. Dankesschreiben und Kärtchen würden regelmässig im Briefkasten liegen. Beim Einkaufen werden die Villigers auch oft auf ihr «Häxehüsli» angesprochen. «Das Grösste für uns ist natürlich, wenn wir den Kindern eine Freude bereiten können.»

Die Villigers sind Mitglieder im Quartierverein Fahrweid und organisieren das Kerzenziehen im Pavillon im Föhrewäldli. «Die Kinder dort sagen immer, wir wissen, wo Sie wohnen. Das ist so herzig», sagt Esther Villiger. Es gebe aber auch Leute, denen ihr Weihnachtsschmuck gar nicht zusage.

«Ich sass auch schon im Bus und fuhr an unserem Haus vorbei, als Fahrgäste, die mich nicht kannten, sagten: Die spinnen ja», sagt Esther Villiger. Sie zuckt mit den Achseln. «Man kann es halt nicht jedem recht machen. Wir tun es für die Menschen, die Freude daran haben.»

Ob ihre Stromrechnung im Dezember höher ist als im restlichen Jahr, wissen die beiden nicht. «Das ist uns aber auch egal», sagt Karl Villiger. Die Beleuchtung gehöre einfach zu ihnen. «Es würde uns etwas fehlen an Weihnachten, wenn wir das nicht hätten», findet er. Das Fest verbringen sie mit Verwandten und Freunden in ihrem «Häxehüsli».

«Wir geniessen diese Zeit sehr. Schon als Kind habe ich schöne Weihnachten im Chalet gefeiert. Damals ging es jedoch mehr um das Zusammensein als um die Geschenke», erinnert sich Karl Villiger.

Zeit zur Weihnacht anders überbrücken

Bis am 6. Januar können alle Anwohner und Passanten den Weihnachtsschmuck noch geniessen. Dann verschwindet die Beleuchtung wieder für ein Jahr im Dachstock. Damit die Villigers nicht so lange mit dem Dekorieren warten müssen, haben sie begonnen, auch an Fasnacht, Ostern und Halloween ihr Haus und den Garten passend zu schmücken.

Dann tauschen Krippe, Könige und Kamel den Platz mit Meister Lampe, Osterbäumchen, Holzhühnern, Kürbissen, Geistern, Piraten und Clowns. «So überbrücken wir die Zeit bis zur nächsten Weihnacht», sagt Karl Villiger und seine Frau ergänzt: «Und obendrein machen wir den Leuten eine Freude.»

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Autor

Sibylle Egloff

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