Interview

Rita Geistlich: «Das Schlierefäscht war mein Eintritt in die Politik»

Die ehemalige Schlieremer Stadtpräsidentin Rita Geistlich (FDP) denkt gern an das erste Schlierefäscht zurück. Das Aufeinandertreffen von Menschen macht für sie den Wert eines solchen Stadtfestes aus.

Mehrmals in ihrem Leben war Rita Geistlich die Erste. Schlieren wählte sie 1994 zum ersten weiblichen Stadtoberhaupt des Kantons und beim ersten Schlierefäscht 1969 sass die damals junge Mutter im OK. Im Gespräch erinnert sie sich an den Grossanlass vor 50 Jahren.

Vor 50 Jahren fand die erste Ausgabe des Schlierefäschts statt. Welches ist Ihre lebhafteste Erinnerung daran?

Rita Geistlich: Da muss ich sofort an das Bähnli denken, das zwischen dem Freibad Im Moos und dem Festgelände auf dem Vorplatz des Schulhauses Hofacker verkehrte. Das ganze Organisationskomitee (OK) fuhr mit. Bei der Fahrt hatte ich meinen damals zweijährigen Sohn Lukas auf dem Schoss. Auch das Motto werde ich nie vergessen. Es lautete: «Schlierefäscht, nöd is Näscht.»

Wie kamen Sie als junge Mutter ins OK?

Damals lebte ich erst seit wenigen Jahren in der Gemeinde. Unser Wohnhaus an der Engstringerstrasse lag leicht isoliert weg vom Zentrum. Im Limmattaler Tagblatt sah ich eine Annonce von Fritz Blocher. Er war zu dieser Zeit Sozialvorstand und suchte Freiwillige für die Organisation eines Festes. Weil ich praktisch niemanden kannte und ich Lust hatte, etwas auf die Beine zu stellen, meldete ich mich. Via Postkarte bekundete ich Interesse an einer Mitarbeit.

Wurden Sie als erste Frau im Gremium mit offenen Armen empfangen?

Ja, sehr. Bei meiner ersten Sitzung stand bereits fest, dass Otto Scherer das Präsidium übernimmt und Pfarrer Kurt Scheitlin als Vize waltet. Zudem brauchte ich Alice Ritter, die Präsidentin des Frauenvereins, und Marguerite Plancherel ins Gremium mit. Ich blieb also ganz und gar nicht lange die einzige Frau.

Worin bestand Ihre Aufgabe im Vorstand?

Die wichtigen Bereiche wie die Finanzen waren schon vergeben, als ich dazustiess. Willy Neuenschwander, der in Schlieren eine Eisenwarenhandlung hatte, war für den Verkauf zuständig und froh um jede Unterstützung. Also griff ich ihm unter die Arme.

Wie?

Ein Teil des Festes war der Basar, an dem zahlreiche Essens- und Verkaufsstände sowie eine Sportartikel-Börse geplant waren. Für Letztere war ich verantwortlich. Es handelte sich aber nicht um Occasion-Ware, sondern um neuwertige Artikel. Ich fragte verschiedene Geschäfte wie etwa den Ski-Hersteller Streuli an. Ich erinnere mich, dass dieses Geschäft sehr grosszügig war und uns Skistöcke und Schlittschuhe überliess. Aber auch viele Fussbällen und andere Sportartikel konnten wir anbieten.

Was reizte Sie daran?

Obwohl ich Zuhause vier kleine Kinder hatte, wollte ich auch auswärts etwas gestalten. Dafür war die Arbeit im Schlierefäscht-OK perfekt. Da es nichts gab, worauf wir hätten zurückgreifen können wie Protokolle oder ein finanzielles Polster, war der Spielraum gross. Alles wurde frisch aus dem Boden gestampft, was uns viel Freiheiten liess.

Was hatte das damalige Schlierefäscht, was es heute nicht mehr gibt?

Besonders erfreulich war die aus dem Fest entstandene Dynamik unter den Einwohnern. Das Zusammengehörigkeitsgefühl wurde gestärkt und das Engagement stand im Vordergrund. Die Freiwilligen-Arbeit wurde zwar schon immer geleistet, doch nach dem Schlierefäscht wurde sie ein Stück weit institutionalisiert. Natürlich wird auch heute viel Freiwilligenarbeit geleistet, doch damals verspürte ich eine Aufbruchstimmung.

Hätten Sie sich erträumen lassen, dass aus dem Dorffest mal ein Zehn-Tage-Stadtfest wird?

Eine solche Entwicklung lässt sich nicht absehen. Früher hatten wir viele Hilfsmittel nicht. Ich denke spontan an die Verstärker für Konzerte. Damals spielte die Dorfkapelle ohne elektronische Hilfe.

Die stillgelegte Kantonsstrasse und beinahe das ganze Stadtzentrum bilden heute die Bühne für den Anlass. Damals hatten wir lediglich ein Festzelt.

Bildete Ihr Einsatz am Schlierefäscht 1969 Ihren Einstieg in die Politik?

Wegen meiner Kinderschar Zuhause konnte ich noch nicht Vollgas geben, doch lernte ich am Schlierefäscht viele Einwohner kennen und konnte ein Netzwerk bilden. Das Fest war ganz klar mein Eintritt in die Politik. Kurz danach gründete ich mit anderen Frauen das Frauenpodium. Dort wurde Frauen vermittelt, wie Demokratie gelebt wird. Viele wussten davon nichts, da das Frauenstimmrecht erst 1971 kam.

Wann wurden Sie definitiv politisch und traten der FDP bei?

Sobald wir Frauen zugelassen waren. Mein Mann war bereits zuvor Parteimitglied.

1994 wurden Sie die erste Stadtpräsidentin im Kanton Zürich. Warum schafft das Schlierefäscht nicht, was die Politik schon lange vorzeigt? Nämlich das Präsidium mit einer Frau zu besetzen? Bislang kamen nur Männer in
die Kränze.

Ich glaube, das ist reiner Zufall. Mir kommt spontan keine Frau in den Sinn, die für dieses Amt prädestiniert gewesen wäre. Was nicht heisst, dass es eine Frau nicht sehr gut ausführen würde. Man sieht aber an der Arbeit, die Rolf Wild heute leistet, dass das Präsidium ein grosser Aufwand ist.

Beim Schlierefäscht 1997 waren Sie Stadtpräsidentin. Die Stimmung in der Stadt war damals nicht gut. Die finanzielle Lage war schlecht, die Arbeitslosigkeit hoch. Kam da beim Volk überhaupt Feierlaune auf?

Das war in der Tat eine schwierige Zeit für Schlieren. An das Fest habe ich jedoch schöne Erinnerungen. Ich bin der Ansicht, dass auch Menschen, denen es nicht gut geht, ab und zu ein Fest feiern sollten. Auch hier geht es um Gemeinschaft. Den Menschen tut es gut, spontan auf andere Menschen zu treffen und einen Austausch zu kultivieren.

Bei seiner ersten Ausführung 1969 verfolgte das Fest ein gemeinnütziges Ziel. Den Bewohnern des damals neuen Hauses für Betagte Sandbühl sollte das Leben verschönert werden.

Genau. Der Schlierefäscht-Fonds sollte die Gemeinschaft der Senioren fördern. Die Bewohner konnten gemeinsam über die Nutzung des Geldes befinden. Es kamen 180'000 Franken zusammen (Anmerkung der Redaktion: Heute entspricht dies 750'000 Franken). So wurden Ausflüge organisiert und später schaffte man den Bus an, sodass ein flexibler Transport möglich war. Weil zahlreiche Trauerfamilien in diesen Fonds einzahlten, bestand er noch mehrere Jahre.

Einen solchen gemeinnützigen Zweck hat das Fest heute nicht mehr. Vermissen Sie dies?

Zwar haben sich die Zeiten geändert, doch ist die Gemeinnützigkeit nicht ganz verloren gegangen. So profitieren heute die Vereine mit ihren Aktivitäten und Beizen vom Grossanlass. Die finanziellen Einkünfte aus dem Fest erlauben es ihnen, wiederum etwas für die Gemeinschaft zu tun, indem Sport- oder Kultur-Angebote geschaffen werden.

Welches sind Ihre Highlights für das anstehende Schlierefäscht?

Das Angebot ist sehr reichhaltig. Ich freue mich auf die zahlreichen Gratiskonzerte im Stadtzentrum, den Herbstmarkt und auf den Austausch mit Schlieremern in den verschiedenen Wirtschaften.

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