Zürich
Fast fünf Meldungen wegen Belästigung pro Tag: Wie werden Clubs zu einem sichereren Hafen für alle?

Im Rahmen des Projekts «Zürich schaut hin» der Stadt soll das Personal von Nachtclubs und Bars für das Thema Belästigung und Übergriffe sensibilisiert werden. Damit sei es aber nicht getan, sind sich Vertreterinnen und Vertreter der Club- und Gastroszene bei einer Podiumsdiskussion am Dienstag einig.

Sven Hoti
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«Und was bekommst du, Prinzessin?» Die gleiche Situation kann unterschiedlich wahrgenommen werden, wie die Aufführung des Basler Theatervereins Reactor zeigte.

«Und was bekommst du, Prinzessin?» Die gleiche Situation kann unterschiedlich wahrgenommen werden, wie die Aufführung des Basler Theatervereins Reactor zeigte.

Valentin Hehli

Eine junge Frau steht mit ihrer Freundin an einer Bar. Der Barkeeper kommt an ihren Tisch, nimmt routinemässig die Bestellung der einen auf und fragt dann die andere: «Und was bekommst du, Prinzessin?» Als er weg ist, sagt die die eine zur anderen, die vom Barkeeper angesprochen wurde: «Der Typ hier ist peinlich.» Die Freundin ist sichtlich ausser sich, findet das Verhalten des Barkeepers «sexistisch», ein No-Go. Sie, die «Prinzessin», sieht das viel harmloser: «Er hat ja nur ein bisschen geflirtet.»

War das Verhalten des Barkeepers nur ein harmloser Flirt, wie die junge Frau meinte, oder doch schon Belästigung? Die verschiedenen Meinungen, die bei der Aufführung des Basler Theaternetzwerks Reactor am Dienstagabend im Labor 5 beim Zürcher Schiffbau aus dem Publikum kamen, zeigten, wie unterschiedlich die gleiche Situation wahrgenommen werden kann – auch innerhalb desselben Geschlechts.

Fast fünf Meldungen von erfolgter Belästigung pro Tag

Weniger subjektiv jedoch sind die Zahlen, die bislang aus dem Online-Meldetool «Zürich schaut hin» der Stadt Zürich vorliegen: Rund 700 Meldungen über erfolgte Belästigungen waren zwischen Anfang Mai und Ende September eingegangen – fast fünf Meldungen pro Tag. Die Stadt Zürich hatte das Tool im Rahmen des Projekts «Zürich schaut hin – Gemeinsam gegen Sexismus, Homo- und Transfeindlichkeit» lanciert. Die Ergebnisse werden voraussichtlich im Januar detaillierter ausgewertet. Doch schon jetzt ist klar: Es herrscht Handlungsbedarf.

«Wir haben eine Vision: Alle sollen sich frei und sicher bewegen können, sei es beim Sport, im Park oder im Club»,

sagte Sicherheitsvorsteherin Karin Rykart (Grüne) bei der Eröffnungsrede am Dienstagabend. «Der Grad zwischen Flirt und Belästigung ist schmal, vor allem unter Alkoholeinfluss.» Deshalb brauche es eine «echte Sensibilisierung». Dazu hat die Stadt mit verschiedenen Partnern einen «Werkzeugkoffer» mit Handlungsanleitungen und Merkblättern entwickelt – «damit alle wissen, was Belästigung ist und was zu tun ist», erklärte die Stadträtin. «Ziel ist, dass angemessen darauf reagiert werden kann.»

«Der Grad zwischen Flirt und Belästigung ist schmal», sagte Sicherheitsvorsteherin Karin Rykart (Grüne).

«Der Grad zwischen Flirt und Belästigung ist schmal», sagte Sicherheitsvorsteherin Karin Rykart (Grüne).

Valentin Hehli

Die Podiumsdiskussion mit Fokus auf das Nachtleben bezeichnete sie als «Markstein in der Kampagne ‹Zürich schaut hin – Gemeinsam gegen Sexismus, Homo- und Transfeindlichkeit›», welche die Stadt Zürich im Dezember 2019 im Rahmen des Gleichstellungsplanes 2019-2022 lanciert hatte. Das Projekt beinhaltet nebst dem Meldetool auch Workshops und Weiterbildungskurse für Polizei und Mitarbeitende von Betrieben des Nachtlebens sowie eine Plakatkampagne. Die Aktivitäten und Massnahmen sollen bis Ende 2022 umgesetzt werden.

«Es ist ein gesellschaftliches Problem»

Handlungsspielraum gibt es unter anderem im Nachtleben; dem Ort, wo sich Jugendliche und junge Erwachsene ausleben möchten und Hemmschwellen fallen. Vertreterinnen und Vertreter der Zürcher Club- und Gastroszene waren sich am Dienstagabend bei der abschliessenden Podiumsdiskussion unter der Leitung der Reactor-Co-Geschäftsleiterin Nina Halpern ihrer Verantwortung durchaus bewusst, betonten jedoch, dass Massnahmen innerhalb des Nachtlebens alleine das Problem nicht lösen würden.

«Es ist ein gesellschaftliches Problem», sagte Alexander Bücheli von der Bar & Club Kommission Zürich. «Wir können das als Clubs ernst nehmen, sind in unserem Handlungsspielraum aber limitiert.» Er wünscht sich aber, dass die Leute generell mehr Vertrauen in das Clubpersonal haben und wissen, an wen sie sich im Notfall wenden können.

Auch sei es nicht immer einfach, die jeweiligen Situationen korrekt einzuschätzen, so der Konsens.

«Nicht alle nehmen bestimmte Situationen gleich wahr. Zudem sind die Leute ab Mitternacht hemmungsloser»,

sagte Alain Mehmann, Teilhaber der Clubs Klaus und Heaven. «Wir probieren offen zu sein, müssen am Eingang aber trotzdem selektionieren.»

Es sei wichtig, dass bei mutmasslichen Übergriffen nicht weggeschaut werde, sagte Sofia Valderrama vom Gastra Kollektiv Zürich, das sich für die Interessen von Frauen, Inter-, Non-Binary- und Transpersonen in der Gastronomie einsetzt. Sie führte aus:

«Mit Plakateaufhängen und pro forma Kursen ist es nicht getan. Es muss ein gedanklicher Shift passieren in der Gesellschaft.»

Sie wünscht sich mehr finanzielle Mittel für Betroffene, zusätzliche Beratungsstellen und Schulungen in Gastrobetrieben.

Jungunternehmerin Elif Oskan, Awareness Trainerin Mira Rojzman, Alexander Bücheli, Geschäftsführer der Bar & Club Kommission Zürich, Alain Mehmann, Teilhaber Klaus und Haeven Club, Sofia Valderrama vom Gastra Kollektiv Zürich und Moderatorin Nina Halpern vom Basler Theaternetzwerk Reactor.

Jungunternehmerin Elif Oskan, Awareness Trainerin Mira Rojzman, Alexander Bücheli, Geschäftsführer der Bar & Club Kommission Zürich, Alain Mehmann, Teilhaber Klaus und Haeven Club, Sofia Valderrama vom Gastra Kollektiv Zürich und Moderatorin Nina Halpern vom Basler Theaternetzwerk Reactor.

Valentin Hehli

Die Zürcher Gastroszene vertrat an diesem Abend Jungunternehmerin Elif Oskan. Sie besitzt zwei Restaurants in Zürich und sitzt im Vorstand von Gastro Zürich-City. Im Gegensatz zu Büchelis Bar & Club Kommission zwinge sie ihre Mitarbeitenden, Schulungen zu diesen Themen zu absolvieren. Sie sagte: «Ich will, dass meine Kunden gerne kommen und sich sicher fühlen. Dafür ist auch etwas Zwang nötig.» Sie gestand jedoch ein, dass das Thema die Restaurants wohl weniger stark betreffe als die Bars und Clubs.

«Ein Club darf nicht der einzige Ort sein, wo diese Themen gelehrt werden»

Die Kunst- und Kulturschaffende Mira Rojzman arbeitet als Awareness Trainerin an der Kampagne der Stadt Zürich mit. Sie führte aus, worum es beim Werkzeugkoffer für die Betriebe eigentlich geht. So steht die Frage im Vordergrund, was Menschen überhaupt brauchen, um sich sicherer zu fühlen. Die Massnahmen setzen unter anderem an der Türpolitik und Ausgestaltung der Räume an, mit Fokus auf den Bedürfnissen der Betroffenen.

Wie ihre Vorrednerinnen und Vorredner sieht Rojzman die Verantwortung allerdings nicht bei den Clubs alleine. «Ein Club ist genauso ein sozialer Raum wie jeder andere. Er darf nicht der einzige Ort sein, wo diese Themen gelehrt werden.»