Dietikon/Winterthur

Sie ist bei der Pneu-Partei zuvorderst mit dabei – aber was für eine Partei ist das?

Europa ja, EU nein: Regula Heinzelmann und Gero Greb (links im Hintergrund) auf Unterschriftenjagd.

Europa ja, EU nein: Regula Heinzelmann und Gero Greb (links im Hintergrund) auf Unterschriftenjagd.

Am Winterthurer Hauptbahnhof sammelt die Partei Neues Europa (Pneu) Unterschriften, um für den Nationalrat kandidieren zu können.

Mittwochmittag um zwölf vor dem Winterthurer Stadttor: Regula Heinzelmann hat nach der ersten Stunde acht Unterschriften beisammen. Nummer neun will nicht anbeissen: «Sind Sie so etwas wie die SVP?», fragt die Passantin. «Nein», sagt Heinzelmann. «Die SVP hat keinen Plan für Europa. Wir haben einen.»

400 Unterschriften braucht eine neu gegründete Partei, um bei den Nationalratswahlen eine Liste einreichen zu können. Frau Heinzelmann kommt zwar aus Dietikon, doch im Limmattaler Bezirkshauptort lohne sich das Sammeln nicht. «In Dietikon steigen vor allem Aargauer ein und aus. Wir brauchen aber Unterschriften von Zürchern.» Darum steht sie nun am Winterthurer Hauptbahnhof. Sie hat sich ein T-Shirt mit ihrem Parteilogo drucken lassen. Es erinnert an einen griechischen Tempel: «Partei Neues Europa» steht auf dem Querbalken, auf den Säulen steht «Europa ja» und «EU nein».

Neue Europa-Organisation mit den Briten zusammen?

«Die EU erpresst uns», sagt Heinzelmann mit Blick auf das Rahmenabkommen. Durch die Schiedsgerichte führe sie auch die direkte Demokratie ad absurdum. Undemokratisch sei die EU sowieso, wie die Nomination Ursula von der Leyens zur Kommissionspräsidentin zeige. Was also tun? «Die Schweiz soll mit gutem Beispiel vorangehen und eine neue Organisation gründen», sagt Heinzelmann. Mit den Briten. Oder bald mit den Italienern, wenn diese weiterhin von der EU schikaniert würden. «Viele Länder haben die Nase voll, aber trauen sich nicht auszutreten.»

Auf ihrer Website fasst sie das «Konzept für Europa» so zusammen: «Eine Reform der EU wäre viel zu kompliziert und zu kostspielig. Viel rationeller wäre es, sie aufzulösen und eine neue Organisation für die Zusammenarbeit souveräner Staaten zu gründen, die für Wohlstand und Sicherheit sorgt.» Dezentral. Mit Volksentscheiden. Schon in den 1980er-Jahren, vor dem Fall der Mauer, habe sie ein solches Konzept verfasst, sagt Heinzelmann.

Wer ist die Frau, die von der Schweiz aus Europa neu erfinden will? Regula Heinzelmann, 63 Jahre alt, rote Brille, ist Juristin und schreibt als Wirtschaftsjournalistin Artikel für das «KMU-Magazin» mit Sitz im thurgauischen Horn und den «Organisator – das Magazin für KMU». Sie ist Autorin von Büchern wie «Wie versichere ich mein KMU?», «Erbschleicherei: Altes Drama – neues Unrecht» und «Die neuen Paare – Anleitung zur Polygamie». Auch zur Klimabewegung hat sie etwas zu sagen: In «Die Ökotyrannen: Angstmacher und Besserwisser» prangert sie «Klimahysterie» und Regulierungsflut an.

Verstärkung am Stand erhält sie von Gero Greb. Der 74-jährige Deutsche mit dem weissen Bart ist pensionierter EDV-Fachmann und Besitzer einer alten Mühle im deutschen Baltersweil, einen Steinwurf von Rafz im Bezirk Bülach entfernt. In der 68er-Bewegung demonstrierte er gegen Banken und für Gratis-ÖV, später war er jahrzehntelang bei den Grünen. 2013 trat er der Alternative für Deutschland (AfD) bei. Bei der Partei seiner Partnerin ist er Mitglied, auch wenn er sie nicht wählen darf. Neben dem Interesse für Europapolitik teilt das Paar die Liebe zur Malerei und die Skepsis gegenüber Religionen. «Der Mensch hat ein Grosshirn, damit er denken kann und nicht glauben muss», sagt Heinzelmann.

«Auf diesem Pneu rollen wir in die Zukunft»

Dass die Partei Neues Europa als «Pneu» abgekürzt wird, sei Absicht, sagt Heinzelmann – das sei schön eingängig. «Auf diesem Pneu rollen wir in eine neue Zukunft.» Wenn es mit der Nationalratsliste nicht klappe, werde man ausserparlamentarisch aktiv werden, etwa mit Petitionen. Noch ist aber nicht einmal klar, ob es mit den 400 Unterschriften klappt. Die Sammlung in Winterthur gestaltet sich zäh, kaum jemand bleibt stehen. Das Tagesziel, 100 Unterschriften, scheint fern, die Sonne brennt. «Wenigstens werden wir braun», scherzt Heinzelmann.

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