Arbeitsunfall

Nach tödlichem Unfall in Dietikon: Wie steht es auf Baustellen um die Sicherheit der Arbeiter?

15-jähriger Lehrling auf Baustelle tödlich verunfallt

15-jähriger Lehrling auf Baustelle tödlich verunfallt

Ein Lehrling ist am Donnerstagmorgen auf einer Baustelle in Dietikon (ZH) tödlich verunfallt. Ein rund zwei Tonnen schweres Betonelement stürzte auf den 15-Jährigen.

Am Donnerstag ereigneten sich im Limmattal zwei Arbeitsunfälle – einer davon endete tödlich. Wie Zahlen der Suva zeigen, hat die Anzahl Unfälle schweizweit zwar abgenommen, doch durchschnittlich 18 Todesfälle pro Jahr sind immer noch zu viel. Ein Videoprojekt soll die Arbeitenden deshalb sensibilisieren.

Auf den ersten Blick wirkt das Bild harmlos. Das satte Rot eines Zelts hebt sich auffällig vom tristen Grau einer Baustelle ab. Doch der Farbfleck ist Zeuge eines tragischen Unglücks: Am Donnerstagmorgen wurde ein 15-jähriger Lehrling auf einer Baustelle am Stadtrand von Dietikon von einem rund zwei Tonnen schweren Betonelement erschlagen – der Jugendliche verstarb noch auf der Unfallstelle.

Wenige Stunden später zog sich ein 29-jähriger Bauarbeiter in Schlieren schwere Kopfverletzungen zu, als sich bei Armierungsarbeiten aus bislang unbekannten Gründen ein Haken löste und aus rund 20 Metern Höhe auf ihn herabfiel.

Zwei schwere Unfälle im Limmattal innerhalb von nur wenigen Stunden. Hat das Risiko auf Baustellen zugenommen? Ein Blick auf die Zahlen der Suva zeigt das Gegenteil. Die Unfallversicherung rechnet mit dem sogenannten Fallrisiko, der Anzahl neu registrierter, anerkannter Fälle pro 1000 Vollbeschäftigte.

In den vergangenen Jahren hat diese Zahl leicht abgenommen, selbst wenn die Anzahl Unfälle gestiegen ist. «Es gibt aber auch mehr Baustellen in der Schweiz, und damit mehr Arbeiter», begründet Mediensprecherin Erika Rogger. Durchschnittlich kommt es im Bauhauptgewerbe aber immer noch zu 18 Todesfällen jährlich.

Videoprojekt rückt Risiken auf dem Bau in Fokus

Um die Zahlen weiter zu senken, unternimmt die Suva diverse Massnahmen. So gibt es etwa die «lebenswichtigen Regeln» für alle Branchen, die die Sicherheit und den Gesundheitsschutz auf der Baustelle erhöhen. «Durch das konsequente Einhalten können 60 Prozent der tödlichen Unfälle auf dem Bau verhindert werden», sagt Rogger. Die Suva kontrolliert deshalb, ob diese Regeln von Betrieben auch eingehalten werden. Am häufigsten verletzen sich Arbeiter übrigens an den Fingern und den Augen.

Zusätzlich startete die Suva das Videoprojekt «Ribi on Tour». Der Zürcher Bauleiter Roman Ribi geht dabei der Frage nach, wieso es auf Schweizer Baustellen trotz den bekannten lebenswichtigen Regeln immer noch so viele Tote und Schwerverletzte gibt. Zusammen mit einem Kameramann besucht er verschiedene Baustellen und spricht mit den Arbeitern vor Ort.

Einige der Kurzvideos sind seit August auf der Suva-Homepage zu sehen, weitere sollen folgen. Denn das Thema brennt: «Sicherheit sorgt seit eh und je für Gesprächsstoff auf dem Bau», sagt Ribi. Eigentlich müsste dieser Aspekt immer an erster Stelle stehen. Doch: «Am wichtigsten ist das Geld. Denn ohne Geld gibt es keine Arbeit.»

Geld, Unwissenheit und Zeitdruck gefährden Sicherheit

Geld und der daraus resultierende Zeitdruck gehören denn laut Ribi auch zu den Hauptgründen, weshalb die lebenswichtigen Regeln auf Baustellen nicht immer eingehalten werden. Unwissen und Unsicherheit sind die anderen. «Man muss sich getrauen, Stopp zu sagen», sagt Ribi.

Das betont er auch in seinen Kurzvideos immer wieder. Stopp sagen, wenn etwas zu schwer wird. Stopp sagen, wenn jemand auf eine Kante zugeht. «Aufgrund der Hierarchien trauen sich das nicht immer alle zu», sagt Ribi. «Dabei ist das die einfachste Art, einen Unfall zu vermeiden.»

Das möchte der Bauleiter in den Videos mitgeben. Für ihn ist wichtig, dass vom Handlanger bis zum Geschäftsführer alle Mitarbeitenden auf einer Baustelle sensibilisiert und richtig geschult werden. «Wenn man die lebenswichtigen Regeln befolgt und achtsam ist, ist man auf der sicheren Seite.» Aber: «Unfälle kann es immer geben», sagt Ribi. «Die Zahl 0 werden wir nie erreichen.» Die Suva versuche jedoch, dieser Zahl so nahe wie möglich zu kommen. «Denn jeder Unfall ist einer zu viel.»

«Man muss wieder aufmerksamer werden»

Er selbst erlebte auch schon Unfälle auf seinen Baustellen. Glücklicherweise aber nie einen, der tödlich ausging. «Wenn jemand stirbt, musst du als Geschäftsleiter an der Tür der Angehörigen klingeln und die schlimme Nachricht überbringen», sagt Ribi. «Das ist der Horror. Das will ich nie machen müssen.» Dank dem Projekt der Suva sei er selbst auch wachsamer geworden, sehe mehr Gefahrenpotenzial als vorher. «Man muss einfach wieder aufmerksamer werden.»

Was sich in Dietikon ereignet hat, ist für den langjährigen Bauleiter sehr tragisch. «Mich interessiert es aber auch, wie es zu diesem Unfall kommen konnte.» Warum konnten diese Platten umstürzen? Wie hätte dies verhindert werden können? Ribi stellt sich dieselben Fragen wie alle. Mutmassungen will er keine anstellen. «Es ist ja auch so schon schlimm genug.»

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