Interview

Hanspeter Müller-Drossaart: «Wir sind eine sprachliche Immigrationsnation»

«Dialekte faszinieren mich», sagt Schauspieler Hanspeter Müller-Drossaart.

«Dialekte faszinieren mich», sagt Schauspieler Hanspeter Müller-Drossaart.

Der Schauspieler und Autor Hanspeter Müller-Drossaart im Gespräch über sein neues Werk «steile flügel», steile Felswände und stetige Veränderungen von Dialekten.

Der Dietiker Hanspeter Müller-Drossaart (65) ist einer der bekanntesten Schweizer Film- und Theaterschauspieler. So wirkte er in «Grounding», «Die Herbstzeitlosen» oder «Sennentuntschi» mit. Sie gehören allesamt zu den erfolgreichsten Schweizer Kinofilmen des 21. Jahrhunderts. Neben der Schauspielerei widmet sich Müller-Drossaart auch dem Schreiben. Bisher veröffentlichte er drei Bücher: «zittrigi fäkke» (2015), «greedi üüfe» (2018) und «steile flügel», das letzten Monat beim Wolfbach Verlag erschienen ist.

Hanspeter Müller-Drossaart, «steile flügel» setzt sich aus je 30 Gedichten im Obwaldner und im Urner Dialekt zusammen. Was hat Sie dazu bewogen, in zwei verschiedenen Schweizer Mundarten zu dichten?

Hanspeter Müller-Drossaart: Ich bin in Obwalden geboren und im Urnerland aufgewachsen. Meine Biografie ist sozusagen die Grundlage von «steile flügel». Im Laufe meiner beruflichen Karriere hatte ich den Wunsch verspürt, zu meinen sprachlichen Wurzeln zurückzukehren. So entstanden 2015 rund hundert Gedichte im Obwaldner Mundart, die ich unter dem Namen «zittrigi fäkke» («Zitterflügel») veröffentlichte. 2018 folgte dann das Urner Pendant, «greedi üüfe» («gerade hinauf»). Insgesamt sechzig dieser Gedichte sind nun nochmals in einem Sammelband erschienen, inklusive schriftdeutscher Übersetzungen. «steile flügel» soll die Fusion der beiden Werke unterstreichen und die beiden Buchtitel zu einem vereinen.

Worin liegen denn die wesentlichen Unterschiede zwischen einem Obwaldner und einem Urner?

Die Obwaldner sind weniger zurückhaltend und wortkarg, weil sie nicht im selben Ausmass von der Natur abhängig oder gar bedroht sind wie die Menschen in Uri. Dort gehen die grossen Felswände ja gleich links und rechts steil hoch. Die Urner sind denn auch ziemlich bei sich selbst, sie sind ruhig, distanziert. Aber nicht schroff. Das würde ja heissen, dass sie unfreundlich wären. Das stimmt nicht. Der Obwaldner ist aber schon der Fröhlichere. Gemeinsam ist beiden, dass sie sicherlich nicht die Gesprächigsten sind.

«Knappheit kennzeichnet alle Gedichte», schreibt auch Christian Haller im Nachwort.

Dieses Stilmittel soll die Mentalität der beiden Dialekte reflektieren und der Leute, die sie sprechen. «steile flügel» ist ein Volksbuch, ich setze mich mit den Obwaldnern und den Urnern auseinander. Ich habe schon in meiner Jugend gemerkt, wie die Sprache das Leben hoch in den Bergen oder in den abgelegenen Tälern widerspiegelt. Wenn ich von Sarnen nach Erstfeld komme und mit Einheimischen rede, dann spüre ich schon, wie ich gleich mal auf Urner Kargheit stosse.

Im Vorwort zitieren Sie Anna Maria Bacher im «Pomattertitsch», einem Walserdialekt aus dem piemontesischen Grenzraum zur Schweiz: «Leichte Gedanken, gemacht aus nichts». Fliegen Ihnen beim Dichten die Gedanken einfach aus dem Nichts zu?

Ja und nein. Es gibt eine Arbeitszeit, ja, da schreibt man. Aber man kann das Schreiben nicht planen. Sprache sucht einen heim, nicht umgekehrt. Sei es ein Spruch, ein Gedanke – ich versuche, beim Dichten ein Fenster aufzumachen. Ich möchte in einen Sprachraum eintauchen. Und das, was dabei rauskommt, muss man dann gestalten. Aber die Grundidee kommt von aussen, zum Beispiel durch Erinnerungen. Gerade heute habe ich ein Vorwort für das neue Obwaldner Wörterbuch geschrieben. Es ist unglaublich, wie viele Begriffe existieren, die die jüngere Generation wahrscheinlich nicht
kennen würde. Aber bei den älteren lösen sie eine Erinnerung aus.

Apropos jüngere Generation: Diese kommuniziert ja fast nur noch über WhatsApp. Schreiben Sie Ihre Nachrichten auch im Obwaldner oder Urner Mundart?

Wenn mir ein Urner Freund schreibt, dass er verspätet zum Treffen kommt, dann antworte ich gerne mal: «Das werden wir dann schon noch gschweiggä». «Gschweiggä» bedeutet in etwa «schweigen». Ein Kleinkind, das heult und schreit, will man ja zum Schweigen bringen, dann ist das Problem erledigt. Ich meine also: «Wir finden schon noch eine Lösung.» Das funktioniert, weil das Wort beladen ist mit Konnotationen. Man vermittelt damit etwas. Das ist immer auch etwas Persönliches. Mit der Sprache wird das immer so sein, daran werden auch Anglizismen nichts ändern.

Sie machen sich also keine Sorgen, dass unsere Dialekte in ihren reinen Formen verschwinden werden?

Ich mag den Begriff reine Form nicht. Ein Dialekt verändert sich doch ständig. Dietikon ist ein gutes Beispiel: Secondos verwenden unsere Sprache ganz neu; mit neuen Facetten, mit besonderen Klängen versuchen sie, sich uns anzunähern. Das gibt der Sprache eine neue Richtung, sie wird so viel vitaler. Ein Dialekt wird seit jeher von anderen beeinflusst. Das ist normal. Wir sind eine sprachliche Immigrationsnation. Wir machen uns viele Einflüsse von aussen zu eigen, zum Beispiel von den Franzosen oder den Italienern. Das ist sehr spannend. Wir sollten versuchen, diese Lebendigkeit, dieses Unreine zu schätzen.

Es gibt also kein richtiges oder falsches Verwenden eines Dialekts?

Was richtig oder falsch ist, könnte man schon messen. Aber das muss uns nicht kümmern. Ich finde es wichtiger, zu sehen, wie die Sprache nie stehen bleibt. Wir dürfen nicht vergessen: Unsere alemannischen Dialekte im deutschsprachigen Raum sind etwa 200 Jahre alt. Das ist nichts! Sich drauf zu versteifen, was korrekt ist, ist doch überheblich. So alt werden wir auch nicht (lacht).

Sie wohnen hier in Dietikon. Hat das Züritüütsch nie abgefärbt?

Doch, klar. Ich weiss aber auch, dass ich ein guter sprachlicher Spiegel meines Gegenübers sein kann. Wenn ich mit einem Walliser rede, dann kann es sein, dass man das auch bei mir hört. Das ist nun mal meine Faszination. Dialekte faszinieren mich.

Nun zu Ihrer anderen Faszination, der Schauspielerei: Wann sieht man Sie wieder im Fernsehen oder auf der Leinwand?

Momentan bin ich am Filmdreh zur 13. Folge der Krimiserie «Bozen-Krimi» im Südtirol. Diese wird von der ARD produziert. Ich spiele einen Polizisten. Die Serie besticht durch die wiederkehrenden Figuren und die schönen Landschaften. Das deutsche Publikum sieht das gerne, die Bilder regen zum Hinreisen an.

Wenn Sie selbst nicht künstlerisch aktiv sind – was schauen Sie sich gerne an?

Netflix hat vieles zu bieten. Die grossartigen Serien wie etwa «Breaking Bad» muss man geschaut haben, wenn man in meinem Metier tätig ist. Da fasziniert nicht bloss die Sprache, sondern die Gesamtgestaltung, die Produktion. Klar, die Budgets sind auch um ein Vielfaches grösser als hierzulande. Das ist nun mal die Krux der kleinen Schweiz, eine Mundart-Produktion wird niemals wirklich viele Zuschauer erreichen können. Nicht, weil die Produktionen nicht gut wären, im Gegenteil. Es gibt hier einen grossen Pool an Filmschaffenden. Über die Vielfalt möchte ich mich in keiner Weise beklagen.

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