Dietikon/Urdorf

Er sieht die Jäger als aktive Naturschützer – und nimmt uns mit auf die Pirsch

Jagdaufseher Christian Ebnöther geht in Urdorf und Dietikon auf die Pirsch mit seinem Hund Amy. Im neuen Jagdgesetz fehlt ihm der Tierschutz.

Eicheln fallen auf den Waldboden, die Jagdhündin Amy schnuppert in die Luft und ein Schwarzspecht gibt klagende Laute von sich. «Ruhig jetzt. Dieses Zwitschern verwechselt man leicht mit den Schreien der Rehkitze», flüstert Christian Ebnöther und schaut mit der Wärmebildkamera auf die stille Lichtung in der Nähe der Lorenzhütte. Er ist Jagdaufseher von Dietikon und Urdorf. Seine Hündin begleitet ihn jeweils auf der Pirsch, sie wittert die Tiere im Dickicht, längst bevor sie sichtbar sind. «Hat sie eine Fährte aufgeschnappt, habe ich genau zwei Sekunden Zeit, sie zu stoppen», sagt Ebnöther.

Nun sieht er einen auffällig hellen Punkt durch die Wärmebildkamera. Was es genau ist, kann Ebnöther erst durch den Feldstecher ausmachen. «Dem zerzausten Fell nach könnte es ein Rehkitz sein. Doch es ist noch zu weit weg.» Für den Abschuss wäre ein Kitz ideal, denn laut kantonaler Abschussplanung muss er noch einige Jungtiere schiessen. Es ist die unangenehme Pflicht der Jäger, dass ein Viertel des Abschusses Kitze sein müssen. «Wer das gerne macht, dem fehlt etwas. Das ist nichts Schönes», sagt Ebnöther.

Da es keine Grossraubtiere gibt, regulieren die Jäger den Tierbestand im Wald. Pro Jahr müssen in Urdorf und Dietikon insgesamt 43 Rehe geschossen werden. Diese Zahl wird jährlich angepasst und der Abschuss vom Kanton überprüft. «Erreichen wir die Vorgabe nicht, erhalten wir ein Schreiben. Verbessert man sich nicht, kann einem gar das Jagdrevier weggenommen werden», so Ebnöther.

Zusammenspiel von Jagd-, Forst- und Landwirtschaft

Das Bild der Jäger wandelte sich in den letzten Jahren vom Schützen mit roter Nase hin zum aktiven Tierschützer: «Wer heute Jäger werden will, um Tiere abzuknallen, hat auf der Jagd nichts zu suchen», sagt Ebnöther. Der Naturschutz sei ein Zusammenspiel von Jagd-, Forst- und Landwirtschaft. Es ist ein fragiles Gleichgewicht: Leben zu viele Tiere im Wald, fressen sie die Jungbäume an und der Wald kann sich nicht erneuern. Gehen die Waldtiere auf die Äcker, werden sie womöglich überfahren oder richten Ernteschäden an. «Wir sprechen uns ständig ab», so Ebnöther.

Das Rehkitz auf der Waldlichtung bückt sich zum Fressen und ist kurz darauf verschwunden. Ein anderes Reh schaut hinter einem Baum hervor. Doch die Waffe bleibt in der Ecke des Hochstandes stehen: Die Tiere sind zu weit entfernt. Eine Jagd ohne Abschuss ist für Ebnöther keine Seltenheit. Das sei auch nicht das Ziel, er jage grundsätzlich, weil er so ehrliches Fleisch konsumieren könne. Das Fleisch ist der einzige Lohn, den die Jäger erhalten. Die Motivation muss also eine andere sein. «Ich bin gerne in der Natur, lerne von ihr und nehme auch einmal etwas heraus», sagt er. Überdies könne man sich dank der Stille entspannen und den Therapeuten sparen.

Jagdgesetz: «Mir fehlt der Schutz von Hasen und anderen Wildtierarten»

Jäger überwachen auch die Gesundheit der Tiere: Wird ein Tier angefahren, suchen sie es. Das sei leider keine Seltenheit. Im letzten Jahr kamen in Ebnöthers Revieren 16 Rehe unters Auto. Währenddem er nun im Geländewagen über die Bernstrasse fährt, zeigt er eine gefährliche Kurve für Wildtiere. Hier könne man zum Schutz der Tiere eine Unterführung bauen. Immer wieder fällt das Wort «Schutz»: Wegen diesem Thema ist Ebnöther auch gegen das neue Jagdgesetz. «Mir fehlt der Schutz von Hasen und anderen Wildtierarten», sagt er.

Das Jagdgesetz entstand, weil in der Schweiz nie mehr ein Tier durch Jagd ausgerottet werden sollte. Durch das neue Gesetz sollen Wölfe nun schon, bevor sie einen Schaden anrichten, abgeschossen werden können. Diese Logik missfällt Ebnöther: «Den Wolf hat es immer gegeben, er gehört hierher. Wir können einfach nicht mit ihm umgehen», sagt er. Statt ihn abzuschiessen, könne man ihn, wenn er gefährlich werde, beispielsweise mit Gummischrott vergrämen. So könne man Mensch und Tier schützen.

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