Geroldswil
Ehepaar Britschgi wandert über 7000 Kilometer durch Europa

Seit 2006 sind Charly und Hanspeter Britschgi auf über 7000 Kilometern durch Europa gewandert. «Nur wo du zu Fuss warst, warst du richtig», so Britschgi. Bei ihrer nächsten Wanderung will das Paar ganz Österreich durchqueren - wie immer am Stück.

Pablo Rohner
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Das Ehepaar Britschgi aus Geroldswil sind über 7000 Kilometer durch Europa gewandert
13 Bilder
Manchmal scheinen die Wege bis zum Horizont zu führen
Die trockene Extremadura in Südwestspanien bietet unberührte Landschaften
Jeden Abend wird die getragene Wäsche gereinigt
Klimatische Kontraste fahren in die Glieder
Momentaufnahme vor beeindruckender Naturkulisse
Hanspeter Britschgi schraubt am Gepäckwagen Max
Eine Kulisse aus Natur und antiken Stätten
Bekanntschaften machen am Wegrand
Durch die Ackerbaugebiete Westspaniens
Gepäckwagen Max ist auch ein Offroader
Wie sehen die Dörfer wohl heute aus
Das endlose Wandern in der Natur hat etwas meditatives

Das Ehepaar Britschgi aus Geroldswil sind über 7000 Kilometer durch Europa gewandert

Zur Verfügung gestellt

Die Unvorhersehbarkeit der Tage, darauf freut sich Charly Britschgi jeweils am meisten. Darauf, sich beim Aufwachen fragen zu können: «Wie sehen die Dörfer, wo wir heute durchkommen, wohl aus?». Oder: «Welche Bekanntschaften knüpfen wir?» Wenn das Ehepaar Britschgi die Wanderschuhe schnürt, bedeutet das immer einen Aufbruch ins Ungewisse. Auch in die Untiefen des Selbst.

«Max», der Karren

Manchmal würden auf ihren Wanderungen Tage vergehen, an denen das Ehepaar kaum ein Wort wechselt, sagt Charly Britschgi: «Es hat etwas Meditatives, ja.» Ehemann Hanspeter betont ergänzend den asketischen Aspekt des Pilgerns: «Nach wochenlangem Wandern merkt man, dass man vieles gar nicht braucht.» Neben Erkenntnissen auf der Metaebene sehen sich Britschgis auf ihren Wanderungen aber auch mit ganz profanen Problemen konfrontiert - zum Beispiel mit Fragen der Logistik.

Um übermässiger Rückenbelastung vorzubeugen, bauten sie einen Veloanhänger zum Gepäckwagen um. «Max», wie sie den mechanischen Lastesel liebevoll nennen, hat ebenfalls schon mehr als 7000 Kilometer und viele Platten überstanden. Allein auf ihrer ersten Pilgerfahrt von Geroldswil nach Santiago de Compostela erlitt er insgesamt neun davon. «Bisher hatten wir immer genug Ersatzschläuche dabei», sagt Hanspeter Britschgi und lacht. Manchmal sei der Karren wie der dritte Wanderer im Bunde. Mit ihm teilte Charly Britschgi im Schlafwagen auch schon das Bett.

Anspruchsvolle Wanderungen

Das war 2009, auf dem Weg ins südspanische Sevilla, dem Ausgangspunkt für die damals dritte Fernwanderung des pensionierten Paars. Die «Via de la Plata» war, wenn auch mit 1000 Kilometern nicht die längste, bisher eine ihrer anspruchsvollsten Wanderungen. Die schon in der Antike benutzte Route führt vom heissen Andalusien durch das Trockengebiet der Extremadura ins nordwestliche Galizien. Die klimatischen Kontraste zwischen heiss-trockenem Steppengebiet und rauem Atlantikklima fahren in die Glieder.

Mit fortlaufender Dauer der Wanderung verbessere sich aber auch die körperliche Belastbarkeit, sagt Hanspeter Britschgi: «Nach zwei Wochen verschwindet das Fett allmählich aus der Haut und die Muskulatur wird kräftiger.» Bereite eine Tagesstrecke von 20 Kilometern zu Beginn noch Mühe, seien gegen Ende bis zu 45 Kilometer pro Tag möglich. Tage, an denen sich die Strapazen immer wiederholen. Jeden Morgen schmiert das Paar deshalb die Füsse mit Hirschtalg ein. Das hält den Fuss geschmeidig, verhindert die gefürchteten Blasen.

Verschiedene Unterkünfte

Wichtig sei auch, stets literweise Wasser, aber auch Süssgetränke dabei zu haben. Im Schwarzwald habe er einmal versehentlich ein künstlich gesüsstes Getränk gekauft, erzählt Hanspeter Britschgi. Weil just an diesem Tag auch die Festnahrung ausging, sei er danach unterzuckert und völlig entkräftet am Etappenziel angekommen.

Spätestens um 22 Uhr legen sich die Pilger jeweils schlafen. Schliesslich klingelt der Wecker an jedem Morgen zu unchristlicher Zeit. In der Schweiz übernachtet das Ehepaar meist in Hotels oder bei Bauern im Stroh. Wegen der hohen Hotelpreise würden aber gerade ausländische Fernwanderer oft einen Bogen um die Schweiz machen, sagt Charly Britschgi. Entlang der französischen Jakobswege bieten private Mitglieder der Jakobsgesellschaften günstig Bett und Verpflegung an - eine Art Couch-Surfing für Pilger. Gemeinschaftlicher und zu brüderlichen Preisen schläft der Wallfahrer in Spanien. Mit Pilgerpass kostet ein Bett im Massenschlag nur wenige Euro. Und in diesen Pilgerhäusern trifft man am Abend auch Weggefährten wieder, die im Verlauf des Tages nicht mehr Schritt halten konnten.

Nächstes Projekt: Österreich

Ihre bisher längste Wanderung führte die Geroldswiler von ihrer Haustür auf dem Jakobsweg durch Frankreich bis nach Santiago de Compostela - 2200 Kilometer, zurückgelegt in 86 Tagen. 2013 will das wanderlustige Paar von der slowakischen Grenze aus Österreich durchqueren. Wie immer an einem Stück, das sei wichtig für die Qualität der Erfahrung, sagt Hanspeter Britschgi. Entlang der Andreaskreuze auf den europäischen Fernwanderwegen genauso wie auf den Spuren des Sankt Jakob. «Nur wo du zu Fuss warst, bist du wirklich gewesen», sagt seine Frau. Sie hat Goethes Sinnspruch überprüft.

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