Urdorf

Coronavirus: Der Hauswart der Herzen über einen ganz besonderen Schulstart

Antonio Giannini richtet die Schulzimmer für den Schulstart am Montag ein.

Antonio Giannini richtet die Schulzimmer für den Schulstart am Montag ein.

Antonio Giannini kümmert sich seit vier Jahren um die Schule Urdorf – dazu gehört für ihn auch das Tanzen auf dem Pausenplatz und natürlich ab jetzt auch Corona-Massnahmen.

Mit einem Akku-Bohrschrauber befestigt Antonio Giannini eine eineinhalb Meter breite Plexiglasscheibe an einem Holzrahmen. «Die Handarbeitslehrerin, die in diesem Zimmer unterrichtet, ist eine Risikopatientin und wünscht sich deshalb diese Schutzmassnahme auf ihrem Pult», sagt Giannini. Insgesamt 16 dieser Plexiglas-Gestelle hat der Chefhauswart der Schule Urdorf mit seinem Team bis zu den Sommerferien angefertigt. Giannini befindet sich im Endspurt vor dem Schulstart am Montag. Noch einiges muss erledigt werden, bevor die über 1000 Schülerinnen und Schüler in Zeiten des Coronavirus sicher die Schulbank drücken können. «Masken und Desinfektionsmittel werden wir noch in allen Schulzimmern und Räumen verteilen», sagt Giannini. Zudem müssten die Möbel abgestaubt, die Lavabos gereinigt und die Wände von Spinnweben befreit werden.

Der Chefhauswart trägt die Verantwortung für sechs Schulhäuser, deren Sport- und Pausenplätze, alle Turnhallen und Musiksäle. Zudem betreut er sieben Mitarbeitende. Dazu gehören fünf Hauswarte, ein Gärtner und ein Lernender. Der 41-Jährige hält aber nicht nur die Schulliegenschaften im Schuss, sondern kümmert sich auch um Bestellungen, das Budget, Administratives, Schulungen und die Organisation der Grundreinigung. Überdies ist er Schutzbeauftragter der Schule Urdorf. «Ich führe regelmässig Evakuierungsübungen durch und bin die erste Person vor Ort im Falle eines Feuers oder Amoklaufs.» Zum Glück sei ausser einem Falschalarm noch nie etwas Derartiges vorgefallen.

Er verhandelte knallhart bei der Maskenbestellung

Seit dem Ausbruch der Pandemie haben Giannini und sein Team noch mehr zu tun als sonst. «Wir haben bereits 300 Stunden zusätzlich zu unserem normalen Aufgabenpensum geleistet.» Viel Zeit kostete Giannini zum Beispiel die Beschaffung von Schutzmaterial. «Die Preise sind dermassen in die Höhe geschossen, dass ich knallhart verhandeln und ganz viele Offerten einholen musste.» Ein Lieferant habe etwa 42 Franken für eine Packung mit 50 Schutzmasken verlangt. «Zum Glück habe ich einen gefunden, der nur 8.90 Franken dafür will», erzählt Giannini. Neu bestellt hat er auch sechs Fünf-Liter-Kanister mit Oberflächen-Desinfektionsmittel. «50 davon haben wir bereits vor den Sommerferien verbraucht», sagt der Chefhauswart. Das Reinigungspersonal auf Abruf hat ebenso viel mehr Aufwand. «Sie müssen die Oberflächen in den Werk- und Handarbeitszimmern nach jedem Klassenwechsel putzen. Das bedeutet, dass sie nun auch am Mittag arbeiten.» Giannini kniet mittlerweile am Boden vor dem Lehrerpult in einem Werkraum im Embri-Schulhaus. Mit gelbem Klebeband kennzeichnet er den Sicherheitsabstand zwischen den Schülerinnen und Schülern und der Lehrperson. «Wir haben diese Markierungen bereits vor der Rückkehr zum Präsenzunterricht angebracht, müssen nun aber einige erneuern.»

Den ganzen Tag im Büro sitzen, ist nichts für ihn

Seit vier Jahren hat der gebürtige Italiener aus Weiach die Stelle als Chefhauswart in Urdorf inne. Für ihn der ideale Beruf. «Es ist ein sehr vielseitiger Job, der mehr als nur Putzen und Glühbirnen wechseln beinhaltet», sagt Giannini. Einzig die administrativen Aufgaben würden ihm manchmal etwas stinken. «Ich kann einfach nicht den ganzen Tag im Büro sitzen. Zum Glück kann ich mir die Arbeit einteilen.»

Hauswart wurde Giannini über Umwege. Der passionierte Koch und seit drei Jahren überzeugte Veganer startete seine berufliche Laufbahn in der Gastronomie. «Meine Mutter kochte für verschiedene Restaurants in meiner Heimat Bari. Als Zwölfjähriger bin ich dann auch da reingerutscht», erzählt Giannini. Er arbeitete für diverse Gaststätten in Italien und Deutschland, bevor es ihn 2002 in die Schweiz verschlug. 2005 hängte er den Kochlöffel an den Nagel. «Die Gastronomie bot mir keine Lebensqualität mehr. Ich arbeitete morgens, abends, an Feiertagen und Geburtstagen. Das hat mich kaputtgemacht.»

Der Hauswart steht auch auf dem Fussballplatz

Giannini entdeckte den Betriebsunterhalt für sich und absolvierte eine zweieinhalbjährige Ausbildung zum Hauswart. Handwerklich begabt sei er schon immer gewesen. In Urdorf fühlt sich Giannini wohl. «Das Schönste an meiner Tätigkeit sind die vielen sozialen Kontakte in der Schule. Vor allem die Begegnungen mit den Kindern bedeuten mir viel.» So kommt es ab und zu vor, dass der Chefhauswart in der grossen Pause mit den Kleinen auf dem Fussballplatz spielt oder einen Streit schlichtet. «Ich habe mit den Kindern auch schon Macarena auf dem Pausenplatz getanzt oder sie auf Schulreisen begleitet», sagt Giannini und lacht.

Gerne erinnert er sich auch an seinen letzten Geburtstag. «Als ich 40 wurde, haben sich alle sechs Primarklassen des Embri-Schulhauses auf dem Pausenplatz versammelt und mir ein Geburtstagsständchen gesungen. Das war eine wunderbare Überraschung.» Die Kinder haben den Chefhauswart ins Herz geschlossen. Das merkt er auch immer, wenn die Schülerinnen und Schüler nach den Ferien zurück in die Schule kommen. «‹Grüezi Herr Giannini›, rufen viele und einige rennen mir sogar entgegen, um mich zu umarmen.» Das wird dieses Mal wegen der Coronapandemie jedoch nicht möglich sein. Giannini ist sich aber sicher: «Wir finden einen anderen Weg.»

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