Grosser Vergleich
30 Jahre Abstimmungen: So wie Urdorf jeweils abstimmt, so entscheidet fast immer auch die Schweiz

Seit 1990 hat die Gemeinde Urdorf bei eidgenössischen Abstimmungen in 95,4 Prozent aller Urnengänge so abgestimmt, wie am Ende auch das Resultat landesweit ausgefallen ist. Sie weist damit im Limmattal die höchste «Siegquote» aus.

Oliver Graf
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Urnen mit Wahlzetteln werden in einem Schulhaus geleert: Wie eine Auswertung zeigt, weicht das Urdorfer Abstimmungsverhalten seit 1990 nur in Ausnahmefällen vom landesweiten Resultat ab.

Urnen mit Wahlzetteln werden in einem Schulhaus geleert: Wie eine Auswertung zeigt, weicht das Urdorfer Abstimmungsverhalten seit 1990 nur in Ausnahmefällen vom landesweiten Resultat ab.

Themenbild: Keystone

Seit 1990 gab es 283 eidgenössische Abstimmungen. CH Media, zu der die «Limmattaler Zeitung» gehört, hat analysiert, welche Entscheide die 2197 Schweizer Gemeinden in dieser Zeit gefällt haben. Dabei zeigt sich, dass das Limmattal generell «richtig» abstimmt – oder zumindest so, wie auch das landesweite Endergebnis lautet.

Bergdietikon hat 40-mal anders abgestimmt als die Schweiz

In Bergdietikon wird dabei der geringste Wert in der Region erzielt. In 85,9 Prozent aller eidgenössischen Abstimmungen oder bei 243 der 283 Vorlagen stimmte die Bergdietiker Mehrheit wie die Schweizer Mehrheit, 40-mal votierte sie anders.

Auch wenn die Aargauer Gemeinde damit den tiefsten Limmattaler Wert aufweist – sie liegt aber noch immer über dem landesweiten Durchschnitt von 82,6 Prozent.

Urdorf mit dem landesweit dritthöchsten Wert

Am anderen Ende der Skala liegt Urdorf: Die Stimmberechtigten der Gemeinde mit dem Stier im Wappen politisieren fast so, wie es die gesamte Schweiz tut. Nur 13-mal sagte die Gemeinde Ja, als die Schweiz Nein sagte oder umgekehrt. Damit entsprach des Urdorfer Ergebnis in 95,4 Prozent aller Fälle dem nationalen Entscheid.

Dieser Wert ist in der Zeit von 1990 bis September 2020 nur von drei Berner Gemeinden übertroffen worden: Langenthal erreichte einen Wert von 96,1 Prozent, für Urtenen-Schönbühl und Neuenegg werden je 95,8 Prozent ausgewiesen. Mit dem dritthöchsten Wert liegt Urdorf – gemeinsam mit acht weiteren Gemeinden – damit auf Platz 4.

Abgewichen von der Mehrheitsmeinung sind die Urdorfer Stimmberechtigten letztmals im September 2017. Sie hätten damals mit einem Ja-Stimmenanteil von 51,64 Prozent eine Erhöhung der Mehrwertsteuer zur Finanzierung der AHV angenommen. Landesweit wurde diese Vorlage hauchdünn abgelehnt (50,05 Prozent Nein).

Einheitliche Meinungen weitherum

Auch in Dietikon, Birmensdorf, Schlieren, Aesch und Weiningen votierten die Stimmberechtigten höchstens jedes zehnte Mal anders als das Resultat landesweit ausfiel; die Werte liegen hier seit 1990 über 90 Prozent.

In den übrigen Limmattaler Gemeinden ist die «Siegquote» leicht tiefer, bleibt aber über 86 Prozent. Der landesweit tiefste Wert wird übrigens in Campo mit 58,7 Prozent verzeichnet; 117-mal stimmte das Tessiner Dorf anders als die Schweiz aus.

Diese hohen «Siegquoten» in den Gemeinden überraschen nicht: In der Mehrheit werden Abstimmungsvorlagen klar angenommen oder deutlich verworfen. Dass eine einzelne Gemeinde anders entscheidet, als es der landesweite Trend ist, kommt bei derartigen Konstellationen äussert selten vor.

Bei hart umkämpften Vorlagen sind hingegen eher verschiedene Abstimmungsresultate zu erwarten. Dies zeigt auch das Beispiel Urdorf; bei der erwähnten Mehrwertsteuervorlage gaben landesweit lediglich 2361 Stimmen den Ausschlag für das Nein, in Urdorf wurden 99 Ja-Stimmen mehr als Nein-Stimmen verzeichnet. Bei so engen Resultaten hätten sowohl der landesweite als auch der kommunale Entscheid durchaus auch anders herauskommen können.

Die BDP erzielt mit ihren Parolen die höchste Trefferquote

Die BDP hatte gemäss ihren Parolen bei den Abstimmungen in den 2010er-Jahren den Wind in der Nase. In allen Limmattaler Gemeinden gab es zwischen den jeweiligen Abstimmungsresultaten und den verschiedenen Parteiempfehlungen die grösste Übereinstimmung bei der BDP.

Für die 2000er-Jahre, bevor die BDP auf die Politbühne trat, werden in den Gemeinden der Region für die CVP und die FDP die höchsten Übereinstimmungen ausgewiesen. In den 1990er-Jahren war auch die SVP zumindest in Bergdietikon, Geroldswil, Oetwil und Unterengstringen vorne mit dabei.

Dass die bei den Wahlen nicht auf der Siegerstrasse mitlaufende und nun in der Mitte aufgehende BDP mit ihren Parolen die Mehrheitsmeinung traf, dürfte unter anderem auf ihre Positionierung in der politischen Mitte zurückzuführen sein. Der Grossteil der Stimmbürger hat zwar wie die BDP abgestimmt haben – aber nicht wegen deren Parole. Die Meinung war einfach mehrheitsfähig.

Die SVP verliert im Limmattal häufiger als früher

Wie die Daten zeigen, gelingt es der SVP seit 1990 zusehends weniger, sich mit ihren Parolen in den Limmattaler Gemeinden durchzusetzen. In den 1990er-Jahren entsprachen deren Parolen beispielsweise in Unterengstringen in 86,9 Prozent aller Urnengänge auch dem Unterengstringer Ergebnis. In den 2000er-Jahren war es 77,2 Prozent, in den 2010er-Jahren 65,5 Prozent der Fälle.

In Uitikon sanken die Werte von 84,8 zunächst auf 70,7 und schliesslich auf 61,9 Prozent. In Schlieren, wo die SVP in den 1990er- und 2000er-Jahren noch 77,8 und 71,7 Prozent erreichte, sank der Übereinstimmungswert auf 54,8 Prozent ab.

Auch die Parolen der FDP entsprechen in den Limmattaler Gemeinden ab 2010 weniger oft den kommunalen Ergebnissen bei den eidgenössischen Abstimmungen als noch in den 1990er- und 2000er-Jahren. In Aesch werden die Übereinstimmungen beispielsweise im Verlauf der Zeit mit 88,9, 88,0 und 81,4 Prozent angegeben.

Die SP verliert nicht häufiger als früher – aber seit jeher mehr als andere

Im Vergleich zu den 1990er-Jahren hat die SP in den 2010er-Jahren mit ihren Parolen nicht merklich weniger oft die kommunalen Ergebnisse getroffen. Die Partei liegt aber seit jeher auf einem tieferen Niveau als die SVP und FDP.

In Oetwil beispielsweise stimmten die SP-Parolen in den 1990er-Jahren in 48,4 Prozent aller eidgenössischen Abstimmungen mit dem kommunalen Resultat überein. In den 2010er-Jahren war dies bei 48,3 Prozent der Urnengänge der Fall.

Die Daten zu den Abstimmungsresultaten stammen vom Bundesamt für Statistik, jene zu den Parolen von Swissvotes. In der Analyse wurden insgesamt 283 Abstimmungen der Jahre 1990 bis 2020 ausgewertet. Einzig der Urnengang vom vergangenen November floss nicht in die Daten mit ein.