Dumpf ertönen Klavierklänge. Ansonsten ist der Gang im siebten Stock der Zürcher Hochschule der Künste im Kreis 5 menschenleer. Ob Spitzentanz, Improvisation oder Rendez-vous – es ist Unterrichtszeit an der Tanz Akademie Zürich (TAZ). Seit 2009 werden an der international angesehenen Ballettschule Jugendliche zwischen 11 und 19 Jahren zu Berufstänzern mit Eidgenössischem Fähigkeitszeugnis ausgebildet. 2005 ist die TAZ aus der Schweizerischen Ballettberufsschule hervorgegangen. Das Spezialgebiet der Schule: Klassischer Tanz.

Diesen Tanzstil bevorzugt die 16-jährige Désirée Guler gegenüber dem zeitgenössischen Tanz. «Aber natürlich tanze ich alles gerne», fügt sie schnell an. Mit neun Jahren kam die aus Oberhasli stammende Tänzerin an die Schule. Das Ballett-Fieber aber packte sie bereits im Alter von drei Jahren. «Ich durfte beim Ballettunterricht zweier Freundinnen zuschauen. Da ist der Funke gesprungen», sagt Guler. Das entfachte Feuer loderte dermassen stark, dass sie ihre Mutter schnell davon überzeugen konnte, sie auch für den Unterricht anzumelden. Die Lehrerin aber wollte sie erst ab dem vierten Lebensjahr in den Kurs lassen.

Mit dem Training wuchs auch Gulers Leidenschaft. Sie wurde so gross, dass sie zusammen mit ihrer damaligen Ballettlehrerin ihre Eltern schnell von der Berufslehre zur Bühnentänzerin überzeugen konnte. So besuchte sie ab der sechsten Primarschule parallel die Einführungsklasse an der TAZ. Mittlerweile ist Guler im ersten Lehrjahr zur Bühnentänzerin.

Für die Bretter der Welt

Im dritten Ausbildungsjahr beziehungsweise mitten in den Abschlussprüfungen steckt der 18-jährige Vasco Ventura. Auch er kam früh zum Tanzen. Im Alter von sechs Jahren hat er mit Hip-Hop angefangen. «Ich habe mir, bis ich zum ersten Mal getanzt habe, keine Gedanken darüber gemacht», sagt der gebürtige Spanier. «Aber es gefiel mir so gut, dass ich während der Primarschule dann noch mit Ballett angefangen habe.» Der Tanz und die Bühne wurden Ventura quasi in die Wiege gelegt: Seine Mutter ist Tänzerin und sein Vater Choreograf. Das ist ein Bereich, den er selber noch etwas stärker ausleben möchte in Zukunft: «Die tänzerische Kreation fasziniert mich.»

Bis es so weit ist, wird er nach den Sommerferien seine ersten Berufserfahrungen am Mecklenburgischen Staatstheater im deutschen Schwerin sammeln. «Ich freue mich darauf, Bühnenerfahrung zu sammeln, mein eigenes Geld zu verdienen und einen neuen Ort kennen zu lernen.» So wie Ventura finden eine beachtliche Zahl der Absolventen nach der TAZ ein Engagement bei Tanzkompanien in Zürich, München, Stuttgart, Hamburg oder auch in Amerika oder Kanada.

«Auf der Bühne stehen und tanzen» – so beschreibt auch Guler ihren Lebenstraum. Auf diese Frage antwortet sie prompt. «Das Gefühl dabei ist speziell», sagt sie. Auf ihrem Stundenplan steht an diesem Mittag Spitzentanz. Bereits eine Viertelstunde vor dem Unterricht finden sich die neun Schülerinnen der 1. Lehrjahrs-Klasse im Ballettstudio ein. Zehen werden abgeklebt, Spitzenschuhe gebunden. Klackende Geräusche sind beim Gehen der angehenden Ballerinas zu hören. Die 15- bis 17-jährigen Mädchen tuscheln während des Aufwärmens miteinander. Sie wirken entspannt während sie zusammen die Übung für den Spitzentanzunterricht durchgehen.

Üben, üben, üben

Als Steffi Scherzer, Ballettlehrerin und künstlerische Leiterin der TAZ, den Raum betritt, wird es ruhig. Die Mädchen bringen sich in Position. Der Pianist setzt auf das Zeichen Scherzers an. Beinahe im Sekundentakt gibt sie Inputs, korrigiert Tänzerinnen bei den Pliés, der Ausdrehung ihrer Füsse, den Arm- und Handpositionen. Scherzer selber war während 28 Jahren Primaballerina an der Berliner Staatsoper. Heute noch zählt sie zu den bekanntesten Ballerinas Deutschlands.

Sechs Tage die Woche besuchen die Auszubildenden den Unterricht an der TAZ.

Sechs Tage die Woche besuchen die Auszubildenden den Unterricht an der TAZ.

Wird die Klasse in zwei Gruppen eingeteilt, üben die einen im Hintergrund, während die anderen Scherzer vortanzen. Es gibt keinen Stillstand, was nicht sitzt, wird wiederholt, geübt und nochmals probiert. «Wenn etwas nicht geht, bleibe ich dran, bis ich es kann», sagt Guler. Ehrgeiz ist ihre Stärke. Dass sie sich schnell frustrieren lässt, wenn sie bei einer Kombination oder Drehung nicht weiterkommt, bezeichnet sie als Schwäche. Als sie bei einer Pirouette-Drehung in eine leicht schiefe Haltung gerät, rollt Guler mit den Augen. «Ich will Tänzerin werden, deshalb übe ich es, bis es funktioniert», sagt sie. Ventura wählt ähnliche Worte: «Es ist wie bei jedem anderen Spitzensport.»

Eine Klasse als Familie

In der Mädchenklasse ist Guler die einzige Schweizerin. Ihre Mitschülerinnen stammen aus der ganzen Welt. Wie rund 40 Prozent aller Schülerinnen und Schüler an der TAZ. Die Klasse bezeichnet Guler als eine Art Familie. «Wir sind Freundinnen und helfen einander, wo wir können.» Die Minderjährigen Schülerinnen und Schüler aus dem Ausland sind während ihrer Ausbildung im schuleigenen, vollbetreuten Internat der TAZ untergebracht. Betreuer kümmern sich dort um ihre Wäsche, kochen Essen, machen mit ihnen Hausaufgaben und begleiten sie zum Arzt oder den Behördengängen.

Wenn sie volljährig sind, haben sie die Möglichkeit, in eine Teilzeit betreute Wohngemeinschaft der TAZ zu ziehen. So lernen sie dann, schrittweise ihren eigenen Haushalt zu führen. Weil Guler und Ventura aus der Nähe von Zürich stammen, wohnen sie noch bei ihren Eltern.

«Am Samstagnachmittag bin ich aber oft bei meinen Freundinnen im Internat», sagt sie. Am Sonntag sei dann Ruhetag. «Ich schlafe, bin zu Hause oder schaue auch mal einen Film.» Ventura verbringt seine Freizeit ähnlich: «Ich treffe Freunde, die ich noch von der Primarschule kenne, gehe schwimmen oder schlafe lange – was man halt so macht an einem Sonntag.»