Zurzeit schreiben Sie am neuen Klimabericht für den Weltklimarat der Vereinten Nationen mit. Wie kam es dazu?

Rupa Mukerji: Dies ist bereits mein zweiter Einsatz. Für den letzten Bericht hat mich vor acht Jahren mein Heimatland Indien nominiert, um über ein Projekt zu schreiben, welches wichtige Erkenntnisse zum Umgang mit dem Klimawandel liefert. Dieses Mal schlug die Schweiz mich aufgrund meiner Erfahrungen in der internationalen Entwicklungszusammenarbeit als Expertin vor. Mein Auftrag ist es, die wissenschaftliche Literatur, die in den vergangenen Jahren veröffentlicht wurde, zu lesen und zu beurteilen. Der neue Klimabericht soll Politikerinnen und Politikern eine aktualisierte Einschätzung der Lage liefern, damit sie relevante Entscheidungen treffen können.

Welches sind die wichtigsten Probleme, die im Klimabericht thematisiert werden?

Die Diskussion bewegt sich weg von rein technischen Aspekten des Klimawandels, wie etwa des Treibhauseffekts, hin zu den Auswirkungen für die Gesellschaft, was die Arbeit viel politischer macht. Es geht konkret darum, die Klimaziele mit den Zielen der UNO für nachhaltige Entwicklung zu vereinen. Es geht darum, zu schauen, wie ärmere Länder sich entwickeln können, ohne das Klima weiter zu belasten. Auch die Rolle der reichen Staaten wird diskutiert. Die nächsten zwölf Jahre sind kritisch, um die Erderwärmung bei 1,5 Grad halten zu können. Doch ich bin optimistisch.

Mit den Verpflichtungen, welche die Staaten bis jetzt eingegangen sind, würde sich die Erde bis 2050 um rund 3,7 Grad erwärmen. Ist Optimismus da wirklich angebracht?

Für mich ist Optimismus eine Strategie. Denn wenn ich selbst nicht mehr daran glaube, dass wir etwas erreichen können, riskiere ich, zu resignieren. Noch gebe ich die Hoffnung nicht auf: Sollte es uns gelingen, die Hälfte der gesetzten Ziele zu erreichen, werden wir wohl überleben. Und die vergangenen Jahre haben gezeigt, dass Fortschritt durchaus möglich ist.

Noch vor 20 Jahren hat kaum jemand etwas gegen den Klimawandel unternommen. Heute treten Staaten freiwillig in Vereinbarungen wie das Übereinkommen von Paris ein, das eine drastische Reduktion der Emissionen vorsieht.

Trotzdem gehen die Leute auch hierzulande auf die Strasse, weil sie sich von den Politikern nicht ernst genommen fühlen.

Das stimmt, und das ist gut so. Die Klimastreiks, die mit der Schwedin Greta Thunberg ihren Anfang genommen haben, stellen für mich einen Wendepunkt in der Klimadebatte dar. Nicht nur werden Privatpersonen darauf aufmerksam gemacht, wie sie ihr Verhalten ändern können, die Bewegung hat auch einen positiven Einfluss auf die Politik. So bekamen die Grünen in den kantonalen Wahlen endlich die verdiente Anerkennung für all die Arbeit, die sie im Umweltschutz seit Jahren leisten. Zudem fordert der Zürcher Gemeinderat zu Recht, den CO2-Ausstoss bis 2030 auf null zu senken.

Sind diese Forderungen überhaupt realistisch?

Die Zeit für kleine Massnahmen ist abgelaufen. Damit hätte man in den 1980er-Jahren beginnen sollen. Jetzt ist es wichtig, ambitionierte Ziele zu stecken. Es reicht nicht, sich mit Greta Thunberg fotografieren zu lassen. Leider haben Regierungen oftmals Angst, wichtige Massnahmen wie etwa die Besteuerung von Flügen oder Benzin zu treffen, da sie komplexe Diskussionen mit der Wählerschaft befürchten.

Was ist denn Ihr persönlicher Beitrag zum Klimaschutz?

Es beginnt im Alltag. Zum Beispiel kaufe ich nachhaltig ein und heize so wenig wie möglich. Ich teile mein Wissen mit jungen Forschenden und ermutige sie, innovative Lösungen zu suchen. Eine der wichtigsten Fragen im Zusammenhang mit dem Klimawandel ist die Sicherstellung von sauberem Trinkwasser. Meine Kindheit im indischen Wüstengebiet von Rajastan hat mich den Respekt vor Wasser gelehrt. Es war normal, nicht immer fliessendes Wasser zu haben. Als ich für meine Arbeit für Helvetas in die Schweiz zog, stieg meine Demut sogar noch mehr. Ich zähle jeden Tropfen Wasser, den ich verbrauche. Ich verstehe nicht, wozu man einen Pool braucht, obwohl der Zürichsee nur wenige Meter entfernt ist.

Sagen Sie das Ihren Nachbarn in Oberrieden?

Meine Freunde haben wohl schon die Nase voll von mir, weil ich sie immer wieder zur Verbesserung ihres Verhaltens dränge. Da ich kein Auto habe, halten viele mich wohl für arm. Aber der öffentliche Verkehr ist in der Schweiz so komfortabel. Ich sage Besuchenden immer, dass sie unbedingt mit dem Zug reisen sollen. Es ist wichtig, als Individuum Verantwortung zu übernehmen.

Gerade reiche Länder kompensieren ihre CO2-Emissionen aber lieber im Ausland, als selbst etwas zu unternehmen.

Was aus finanzieller Sicht auch Sinn macht, da mit denselben Mitteln im Ausland mehr Nutzen erzielt werden kann als in der Schweiz. Dies aber nur, solange die Projekte genau überprüft werden. Moralisch gesehen sind Kompensationszahlungen im Ausland jedoch schwierig, weil man sich da ein gutes Gewissen kauft, indem man Dinge weit weg von zu Hause ändert. Dabei wäre es wichtig, echte Solidarität zu zeigen. Denn je wärmer es wird, desto mehr Leute landen in der Armut. Während die Reichen die Mittel haben, sich dem Klimawandel anzupassen – etwa durch den Kauf einer Klimaanlage oder den Bau eines Staudammes –, sind die Armen klimabedingten Katastrophen schonungslos ausgesetzt. In Bangladesch verloren Tausende Menschen ihre Existenzgrundlage, weil der Meeresspiegel anstieg und ehemals fruchtbare Reisfelder durch Salzwasser zerstört wurden.

Wasser wird auch in Ihrer Heimat Indien heiss diskutiert. Die Millionenstadt Chennai hat bald alle Wasserreserven aufgebraucht.

Die grösste Klimakatastrophe in Indien wird sich ums Wasser drehen. Bis jetzt haben wir versagt, das viele Wasser, das in der Zeit des Monsuns fliesst, für die Dürreperioden zu speichern. Bezüglich Ressourcenmanagement könnte Indien viel von der Schweiz lernen, sowohl bei der Wiederverwendung wie auch bei der Katastrophenprävention. Es besteht die Gefahr, dass bald schwerwiegende Konflikte rund um das Wasser ausbrechen, auch weil Ungerechtigkeiten durch den Klimawandel ansteigen.

Inwiefern?

Die Wasserkrise trifft die Armen der Region besonders hart: Wohlhabende Bewohner können die Prämien für Wasser von privaten Anbietern bezahlen oder teures Wasser in Plastikflaschen kaufen, was sich arme Menschen nicht leisten können. Die Ungerechtigkeit bezieht sich aber auch auf Generationen. So werden unsere Kinder viel mehr unter dem Klimawandel zu leiden haben als wir. Deshalb ist es wichtig, dass die Jungen auf die Strasse gehen und der Gesellschaft aufzeigen, was ihr Verhalten anrichtet.