Alexandra Keller hat im Oktober die Ausbildung zur Visagistin abgeschlossen. Sie schminkt und frisiert regelmässig Bräute und Models – und manchmal auch Geschäftsmänner. Was man von der 30-Jährigen im lachsfarbenen Blazer aber nicht erwarten würde: Hauptberuflich ist sie Leiterin der Einwohnerkontorolle in Urdorf und hat ein fünfköpfiges Team unter sich. «Man wird teilweise schon abgestempelt und auf einen geringeren Bildungsstand reduziert», sagt Keller. «Wenn ich dann von meinem Werdegang erzähle, und dass ich die Einwohnerkontrolle einer grösseren Gemeinde leite, sind die meisten positiv überrascht.»

Ausserdem sei der Beruf als Visagistin in vielen Bereichen herausfordernd. «Viele denken, Make-up sei bei allen gleich», so die Villmergerin. Dabei müsse die Visagistin beim Schminken auf viele Faktoren Rücksicht nehmen: Form des Gesichts, Hautfarbe oder Ethnie. «Bei Brillenträgern unterscheidet sich das Make-up sogar abhängig davon, ob jemand kurz- oder weitsichtig ist.»

Sie sei oft gefragt worden, was sie in ihrer anderthalbjährigen Ausbildung überhaupt lerne. Die Antwort: viel Theorie. «Man muss das alles intus haben, zum Beispiel, welche Rouge-Betonungen man bei welcher Gesichtsform setzt.» Ausserdem müsse sie immer auf dem neusten Stand bleiben und sich weiterbilden. «Wenn eine Kundin einen speziellen Wunsch hat, kann ich nicht einfach sagen: ‹Das kann ich nicht.›»

Berufe haben viel gemeinsam

Die Entscheidung, sich zur Visagistin auszubilden, habe sie aus einem Bauchgefühl heraus getroffen. «Eigentlich gefällt mir mein Job auf der Einwohnerkontrolle», erzählt Keller. «Aber ich wollte mich selbstständig machen. Ich habe auch schon immer gern gebastelt und war kreativ. Und ich mag die denkerische Herausforderung.»

Alexandra Keller ist nicht nur Leiterin der Einwohnerkontrolle in Urdorf, sondern auch Visagistin.

Alexandra Keller ist nicht nur Leiterin der Einwohnerkontrolle in Urdorf, sondern auch Visagistin.

Obwohl ihre zwei Arbeitsfelder komplett verschieden seien, hätten sie auch viel gemeinsam. «Zu beiden Berufen gehört viel Personenkontakt, man muss offen sein.» Das ist für Keller kein Problem. Selber beschreibt sie sich als aufgestellt, offen und kontaktfreudig. «Gerade, wenn man jemanden im Gesicht berührt, gehört viel Vertrauen und Einfühlungsvermögen dazu», so die 30-Jährige. Dies brauche sie genauso bei ihrer Arbeit auf der Gemeinde, zum Beispiel, wenn sie einen Todesfall betreut.

Aufgeregt sei sie beim Schminken manchmal schon. «Beispielsweise bei einer Braut ist das ein bedeutender Tag und es ist wichtig, dass sie sich wohlfühlt», sagt Keller. «Manchmal weiss man auch nicht, ob man den Geschmack des Kunden treffen wird.» Dafür sei es ein schöner Lohn, wenn dem Kunden ihr Werk gefalle.

Sie will zu den Besten gehören

Auch wenn es noch nicht lange her ist, seit Keller ihre Ausbildung zur Visagistin abgeschlossen hat, kann sie schon einige Erfolge vorweisen. Ein Bild eines ihrer Werke hat es bereits ins «Faces Magazin» geschafft. Zudem wurde Keller mit ihrer Abschlussarbeit für den Newcomer-Förderpreis «Pictures of the year» nominiert, die Verleihung findet im Herbst statt.

Ihre grösste Errungenschaft ist aber der Titel der Vize-Schweizer-Meisterin im Make-up, den sie vor knapp drei Wochen verliehen bekam. Dafür musste sie ein Outfit, eine Frisur und eine Make-up-Idee zum Thema «Ultra Violet» einsenden. Gemeinsam mit vier anderen Bewerberinnen und einem Bewerber qualifizierte sie sich damit für die Meisterschaft.

Innerhalb einer Stunde musste sie den eingesendeten Look nochmals kreieren, währenddessen wurde sie von einer Fachjury beobachtet. «Da ging es vor allem um Technik», erklärt Keller, «ob die Pinselführung richtig ist und die passenden Produkte verwendet werden.» Das sei ein sehr aufregendes Erlebnis gewesen. «Man wusste nicht, was einen erwartet.»

In so einer Situation müsse man von seiner Arbeit überzeugt sein und dürfe sich von den Mitstreiterinnen nicht irritieren lassen. «Ich war angespannt, und der Zeitdruck war gross. Ich bin sehr ehrgeizig und wollte zu den Besten gehören.» Das hat sie erreicht. Nun hat Alexandra Keller schon ihr nächstes Ziel vor Augen: «Beim Bürojob reduzieren und mehr Make-up-Aufträge erhalten.»