Interview

«Limmi»-Chefarzt Basil Caduff geht in Pension: «Ich bin froh, dass ich keine Krawatte mehr anziehen muss»

Das Ende einer Ära: Basil Caduff prägte das «Limmi» während 30 Jahren.

Das Ende einer Ära: Basil Caduff prägte das «Limmi» während 30 Jahren.

Nach 30 Jahren am Spital Limmattal geht Basil Caduff Ende Juli in Pension. Im Interview erzählt der Chefarzt der medizinischen Klinik von turbulenten Zeiten und wieso er froh ist, dass er bald keine Krawatte mehr trägt.

Basil Caduff sitzt an seinem Schreibtisch und blickt aus dem Fenster auf die Sommerwiese. Sein Kittel hat denselben Weisston wie die Möbel und die Wände in seinem Büro. Einzig die blau-karierte Krawatte sticht hervor. «Ich habe schon ein bisschen ausgemistet. Lange dauert es ja nicht mehr», sagt der Chefarzt der medizinischen Klinik des Spitals Limmattal. Ende Juli heisst es Abschied nehmen. Dann wird der 64-Jährige pensioniert. Über 30 Jahre lang arbeitet Caduff bereits im «Limmi». Zunächst war er zwei Jahre als Oberarzt, danach sechs Jahre als Leitender Arzt und Chefarzt-Stellvertreter in der medizinischen Klinik tätig. Seit 1996 wirkt er als Chefarzt der medizinischen Klinik.

Die Ära Caduff im «Limmi» geht bald zu Ende. Freuen Sie sich auf den neuen Lebensabschnitt?

Basil Caduff: Ich habe gemischte Gefühle. Ich freue mich. Gleichzeitig ist eine so grosse Veränderung im Leben immer mit Anspannung verbunden. Meine Arbeit war über all die Jahre sehr intensiv. Seien es die Betreuung von Patienten, Personalführungsaufgaben oder die Spitalleitung. Ich habe keine 42-Stunden-, sondern 50- bis 70-Stunden-Wochen. Darum gehe ich mit einem lachenden, aber auch mit einem weinenden Auge.

Was werden Sie vermissen?

Mein Team. Die Menschen, mit denen ich täglich Probleme löste und das teilweise seit über 20 Jahren. Fehlen wird mir auch der abwechslungsreiche Tagesablauf. Das Schöne an meinem Beruf ist, dass kein Tag gleich ist wie der andere. Es gibt aber auch Dinge, die ich gar nicht vermissen werde.

Und das wären?

Etwa Personalführungsaufgaben, die zum Teil in so einem komplexen System wie einem Spital schwierig sind. Wenn sich zum Beispiel Ärzte Geräte wünschten und ich entscheiden und argumentieren sollte, ob sich das lohnt und ob es finanziell möglich ist. Das sorgte manchmal für Diskussionen.

Froh bin ich auch, dass ich bald keine Krawatte mehr anziehen muss. Ich war damals ziemlich jung, als ich Chefarzt wurde und man legte mir nahe, eine Krawatte anzuziehen, damit ich älter und seriöser wirke. Wenn ich heute im «Limmi» anfangen würde, würde ich keine Krawatte mehr tragen. Aber weil ich so begonnen habe, will ich das bis zum Schluss durchziehen.

Mit einer speziellen Krawatte machten Sie sogar von sich reden.

Ja, das Schweizer Fernsehen kam einmal vorbei und wollte eine Auskunft. Es ging um die Grippewelle. Ich hatte an diesem Tag eine goldgelbe gerippte Krawatte an. Nachdem das Interview in der Tagesschau ausgestrahlt wurde, meldeten sich zig Personen bei mir und sprachen mich auf die Krawatte an. Niemand erinnerte sich daran, was ich gesagt hatte, alle hatten nur diese blöde Krawatte im Kopf.

Wie werden die Angestellten des Spitals Limmattal Sie wohl in Erinnerung behalten?

Ich hoffe gut. Als jemanden, der Ruhe ins System gebracht hat, auch in hektischen und schwierigen Situationen Gelassenheit an den Tag legte. Zudem habe ich Wert darauf gelegt, dass ich freundlich zu allen bin – ob Direktor oder Reinigungskraft. Ich glaube, das ist mir gelungen.

Gab es Situationen in den 30 Jahren, die Sie besonders gefordert haben?

Ja, die gab es. 2003, 2010 und 2012 waren kritische Jahre fürs Spital. 2003 geriet das «Limmi» finanziell in Schieflage. Wir mussten Korrekturmassnahmen einleiten. Das heisst, es gab Umstrukturierungen und etwa 30 Entlassungen. Eingeweiht waren nur der Verwaltungsratspräsident des Spitalverbands, der Verwaltungsdirektor, die Pflegedirektion und ich. Wir mussten mit einer externen Firma Massnahmen definieren. Es war extrem belastend, dass wir mit niemandem darüber reden durften. Doch die Anstrengungen haben sich gelohnt. Die Umstrukturierung war nachhaltig. Das Spital steht seitdem finanziell gut da.

Was passierte in den anderen kritischen Jahren?

2010 gab es Bestrebungen, das «Limmi» teilweise zu privatisieren. Nicht alle Mitglieder des Zweckverbands Spital Limmattal waren begeistert und die Idee wurde verworfen. Das führte dazu, dass der Verwaltungsratspräsident, der Spitaldirektor und zwei Chefärzte das Spital verliessen. Für uns Zurückgebliebenen war das eine schwierige Zeit, da die Führung auf noch weniger Leute verteilt war. 2012 war ebenso ein schwieriges Jahr, weil der Urdorfer Gemeinderat den Austritt aus dem Spitalverband Limmattal plante. Die Urdorfer Stimmberechtigten sprachen sich glücklicherweise für den Verbleib im Spitalverband aus. Es war ein schönes Gefühl auf der Tribüne in der Zentrumshalle Urdorf zu sitzen und zu sehen, dass aus der Menge von über 650 Personen nur ein paar wenige Hände hochschnellten, als es um die Befürwortung des Austritts ging.

Die Situation nahm also doch noch ein gutes Ende. Welche Erfolgsgeschichten haben Ihre Zeit geprägt?

Dass wir es nach all diesen Tiefs trotzdem wieder nach oben geschafft haben. Eine der grössten Erfolgsgeschichten ist aber sicher der Neubau des Spitals. Es steckt so viel Arbeit dahinter. Vier Jahre waren wir am Planen und Organisieren. Der Umzug ging in drei Wochen über die Bühne. Sehr viele Leute in diesem Haus haben in dieser Zeit extrem viel geleistet.

Wie hat sich das Gesundheitswesen während Ihrer Zeit am Spital verändert?

Die technischen Möglichkeiten haben extrem zugenommen. Neue Behandlungsmethoden erlauben uns, viel schneller zu arbeiten und führen dazu, dass Patienten viel weniger lang im Spital bleiben müssen. Früher blieb ein stationärer Patient in der medizinischen Klinik im Schnitt 20 Tage im Spital, heute sind es nur noch gut 6 Tage. Bei einem Herzinfarkt werden die Herzkranzgefässe heutzutage mit einer Kathetertechnik geöffnet, um so möglichst viel des Herzmuskels zu retten. Früher gab man dem Patienten Blutverdünner und verordnete Bettruhe.

Massenentlassungen, Patientenschicksale und eine legendäre Fernsehsendung: Basil Caduff hatte als Chefarzt der medizinischen Klinik im Spital Limmattal einige Herausforderungen zu bewältigen. Auch die Züglete vom alten Spital (im Bild) in den letzten Jahr eröffneten Neubau verlangte viel von ihm und seinem Team ab.

Massenentlassungen, Patientenschicksale und eine legendäre Fernsehsendung: Basil Caduff hatte als Chefarzt der medizinischen Klinik im Spital Limmattal einige Herausforderungen zu bewältigen. Auch die Züglete vom alten Spital (im Bild) in den letzten Jahr eröffneten Neubau verlangte viel von ihm und seinem Team ab.

Auffällig ist auch, dass wir immer mehr ältere Patienten haben, die an verschiedenen Krankheiten leiden. Die Leute werden zwar älter, aber nicht gesünder. Zugenommen hat in den letzten 20 bis 30 Jahren auch die Spezialisierung in der Medizin. Als ich im «Limmi» als Oberarzt startete, bestand das Team der inneren Medizin aus vier Kaderärzten und zehn Assistenzärzten. Heute zählen wir über 30 Kaderärzte und 26 Assistenzärzte.

Auf was haben Sie sich spezialisiert?

Mein Spezialgebiet ist die Breite. Ich bin kein Spezialist im eigentlichen Sinne, konnte mir aber vor allem in den ersten 15 Jahren am «Limmi» sehr viel Spezialwissen und Interventionen aneignen. Doch in der heutigen Zeit ist es schwierig, ein breites Wissen zu erwerben, weil die Ausbildung stark auf Spezialisierung ausgerichtet ist.

Sie haben tausende Patienten behandelt. Bleiben Ihnen welche in Erinnerung?

Natürlich. Es gibt Einzelschicksale, die einen speziell berühren oder besondere Krankheitsverläufe, die man nicht vergisst. Ein besonders erfreulicher Verlauf bei einer über 80-jährigen Patientin vergesse ich zum Beispiel nicht. Sie kam vor fünf Jahren mit einer schweren Herzerkrankung zu uns. Man ging davon aus, dass sie jederzeit sterben könnte. Wir schafften es dann aber, sie nach einem Herzkreislauf-Stillstand erfolgreich zu reanimieren. Heute, fünf Jahre später, kommt die Frau noch immer zu mir in die Sprechstunde.

Die meisten Ihrer Patienten sind schwer krank. Wie gehen Sie mit dem Thema Tod um?

Das hat viel mit der Einstellung zum Leben zu tun. Der Mensch ist nicht für die Ewigkeit gemacht. Mit dieser Erkenntnis ist es einfacher, damit umzugehen. Die Aufgabe eines Arztes ist es auch nicht immer, ein möglichst langes, sondern ein möglichst gutes Leben zu ermöglichen.

Alain Rudiger, zurzeit stellvertretender Leiter der Intensivstation für Herz- und Gefässchirurgie am Universitätsspital Zürich, wird Ihre Nachfolge antreten. Sind Sie zufrieden mit der Wahl?

Ich habe ein gutes Gefühl. Alain Rudiger ist schon länger in viele Geschäfte involviert. Wir haben vereinbart, dass wir uns zur Übergabe treffen. Effektiv zusammenarbeiten werden wir aber keinen einzigen Tag. Ich hatte zu Beginn Bedenken, dass die Nachfolgeregelung schwierig wird. Solche Posten sind nicht mehr so begehrt. Die Work-Life-Balance sieht heute anders aus. Kadermitarbeiter arbeiten immer mehr Teilzeit.

Das war bei Ihnen nicht der Fall. Im Ruhestand haben Sie plötzlich ganz viel freie Zeit. Was haben Sie vor?

So ganz aufhören kann ich nicht. Ich werde in einem 20-Prozent-Pensum meine Sprechstunden in einem Ärztezentrum in Dietikon weiterführen. Meine Liebe zur Kultur ist all die Jahre zu kurz gekommen. Ich möchte im Ruhestand mehr lesen, mehr Museen, Opern und Theater besuchen. Zudem wandere ich gerne. Ein Vorhaben ist zum Beispiel von Wien nach Nizza den Alpen entlang zu wandern.

Was wünschen Sie dem «Limmi»?

Dass es seinen erfolgreichen Weg weitergeht. Das «Limmi» ist, was die Selbstfinanzierung angeht, gut aufgestellt. Nichtsdestotrotz werden die finanziellen Ressourcen die Spitalleitung weiterhin beschäftigen. Alles Medizinische wird teurer, das System wird komplexer, es braucht mehr Fachkräfte. Gleichzeitig sind die Ansprüche der Patienten hoch. Sie zahlen viel und wollen aber auch viel. Mit den gleichen Ressourcen besser zu arbeiten, ist schwierig. Man muss schauen, dass man dem Druck von aussen standhält und ganz wichtig, dass man Acht auf die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gibt.

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Autor

Sibylle Egloff

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