Wie bereiten Sie die Jugendlichen im Massnahmenzentrum Uitikon (MZU) auf die Freiheit vor?

Gregor Tönnissen: Der ideale Verlauf ist, dass der Jugendliche nach dem Eintritt in die geschlossene Abteilung rund zwölf Monate dortbleibt und dann in die offene übertritt. Parallel dazu geht er in die Schule und es wird geprüft, wo seine Potenziale liegen. Währenddessen kann er eine Schnuppertour durch drei Betriebe unternehmen. Dann entscheidet er sich für eine Ausbildung, beispielsweise als Schreiner.

Wird diese mit einem Fähigkeitszeugnis abgeschlossen?

Ja. Wenn die Risikoeinschätzung es zulässt, besuchen manche Klienten sogar die öffentliche Gewerbeschule. Nebst der Begleitung durch die Sozialpädagogen und der Ausbildung ist die Therapie das dritte Standbein. In dieser geht es nicht nur um die Behandlung der diagnostizierten psychischen Störung, sondern auch um die Straftat. Wir wollen, dass die Person auch lernt, draussen mit der eigenen Gewaltstörung, sexueller Paraphilie – einer zwanghaften, von der Norm abweichenden sexuellen Verhaltensweise – oder Ähnlichem umzugehen.

Wie erreichen Sie diese Veränderung in den Jugendlichen?

Mit Verhaltenstherapie. Beispielsweise lernt ein Sexualstraftäter mit Pädophilie, dass er einen Umweg macht und nicht neben dem Kindergarten durchgeht, um zur Bushaltestelle zu kommen. Das Ziel ist, dass er sich immer unter Kontrolle hat. Das Gleiche probieren wir auch mit Sozialpädagogik und der Ausbildung zu erreichen. So soll der Klient, wenn er wieder draussen ist, über ein Risikomanagement verfügen, damit es nicht zu weiteren Delikten kommt.

Welche Regeln braucht es, um dies zu erreichen?

Grundsätzlich ist jede Form von Gewalt verboten. Auch Schaukämpfe, Konsum von Betäubungsmitteln, Alkohol, zu späte Rückkehr nach dem Ausgang oder manche Gegenstände sind nicht erlaubt.

Welche Übertretungen wurden Ihnen zuletzt gemeldet?

Heute hat jemand ein Handy bei sich versteckt, und ein anderer hat Bargeld auf die Wohngruppe geschmuggelt. Natürlich fragen wir uns, was der Klient mit dem Geld wollte, denn mit diesem kann er in der geschlossenen Abteilung eigentlich gar nichts anfangen.

Was geschieht nach einem Verstoss?

Schwerere Verstösse führen zu einem Aufenthalt in der Disziplinarzelle. Bei leichteren werden Geldbussen vom Lohn der Klienten abgezogen. Diese Bussen werden auf ein gemeinsames Freizeitkonto eingezahlt.

Was geschieht mit dem Geld auf diesem Freizeitkonto?

Damit wird beispielsweise die Weihnachtsfeier bezahlt oder die Bespannung des Billardtisches finanziert.

Worin besteht der Unterschied des MZU zu einem Gefängnis?

Auch in normalen Zürcher Gefängnissen finden deliktorientierte Therapien statt. Doch dann gibt es Verurteilte, die unter den Artikel 61 des Strafgesetzbuches fallen. Für diese gibt es Betreuung durch Sozialpädagogen, Therapeuten und Lehrer.

Sässen die Jugendlichen stattdessen im Gefängnis, hätten sie unter Umständen keine Therapie, dann wäre auch das Risiko, dass sie wieder eine Straftat begingen, höher.

Im Bezug auf individuelle Betreuung war der Fall Carlos 2013 ein grosses Thema. Veränderte sein Fall etwas in der Betreuung der Jugendlichen?

Nein, nicht wirklich. Das war ein ganz besonderer Fall. Nicht unseretwegen oder wegen des Gesetzes oder des Anwalts, sondern wegen ihm als Person.

Gibt es viele solche besondere Fälle bei Ihnen im MZU?

Nein. Das Schweizer Recht ist etwas ganz Spezielles in der internationalen Landschaft. Wir sind in diesem Bereich fortschrittlicher als manches andere Land. Es wäre ein fataler Fehler, wenn wir uns von Einzelpersonen ein grundsätzlich gut funktionierendes System über den Haufen werfen liessen.

Erstellen Sie für jeden Klienten ein individuelles Programm?

Durch den Fall Carlos wurden wir noch sensibler auf Besonderheiten, die einzelne Personen haben. Trotz der Notwendigkeit der Gleichheit in der Gruppe wollen wir individualisieren und auf Besonderheiten eingehen.

Wo stossen Sie bei der individuellen Betreuung auf Grenzen?

Wenn zehn Personen an einem Tisch sitzen, braucht es Regeln, die für alle gelten. Sonst kann man sich auch zu Tode individualisieren.

Diese Arbeit braucht viel Personal. Nachdem Sie den Neubau eröffnet hatten, mussten Sie 2016 eine Abteilung aufgrund Personalmangel schliessen. Haben Sie nun wieder mehr Bewerberinnen und Bewerber?

Es wurde besser. Wir haben in den letzten zwölf Monaten eine Entspannung erlebt. Doch es ist immer noch ein spezielles Umfeld, wenn man mit Leuten arbeitet, die anderen schwerste Schäden zufügen. Das ist einfach schwierig. Ich habe schon oft erlebt, dass die Leute zurückschrecken, wenn sie merken, mit welchen Menschen sie hier zusammenarbeiten. Nicht alle können mit dieser Aggressivität und dem Bedrohungspotenzial umgehen.

Sie arbeiten schon viele Jahre hier. Was ist Ihre Motivation, zu bleiben?

Ich mache den Job gerne.

Haben Sie Hoffnung für die Jugendlichen?

Mehr als das: Wenn ich nicht überzeugt wäre, dass wir nicht wenigstens bei einem von zehn etwas bewirken können, wäre ich völlig fehl am Platz.