Interview

Kirchenratspräsident Michel Müller: «Ich bin nicht überrascht, dass es unzufriedene Stimmen gibt»

Michel Müller möchte Kirchenratspräsident bleiben.

Michel Müller möchte Kirchenratspräsident bleiben.

Am 1. Oktober wählt das Parlament der Zürcher Reformierten den Kirchenrat und dessen Präsidenten. Amtsinhaber Michel Müller tritt wieder an, muss sich aber gegen zwei Herausforderer durchsetzen.

Sie sind der erste Kirchenratspräsident, dessen Wiederwahl infrage gestellt wird. Hat Sie das gekränkt?

Michel Müller: Es wäre natürlich angenehmer, wenn es keine Gegenkandidatur gäbe. Ich habe mich mit vollem Elan für das Amt engagiert, da tut jede Gegenstimme weh. So haben die Synodalen aber eine Wahl. Das stärkt in der Regel die Person, die gewählt wird. Ich bin nicht überrascht, dass es unzufriedene Stimmen gibt. Wir haben in den letzten acht Jahren einige Reformen angestossen, da musste ich mit Unzufriedenheit rechnen.

Es sind zwei etablierte Synodale, die den Angriff auf Sie lancierten. Herrscht generelles Unbehagen oder sind das einzelne Stimmen?

Einzelne. Mich irritiert das Vorgehen. Beide Synodalen hätten an der letzten Synode im Juli Kritik an meiner Arbeit üben können. Das wäre ihre Pflicht gewesen. Sie haben aber geschwiegen. Diese Hinterzimmeraktion kann ich nicht nachvollziehen.

Sie kritisieren das Vorgehen der Synodalen, kritisieren Sie auch die Gegenkandidaten?

Zu den Kandidaten kann ich nichts sagen. Wenn ich selber für etwas kandidiere, überlege ich mir, wer die Unterstützergruppe ist, welche Motive sie hat und welche Mehrheiten. Habe ich überhaupt eine Chance? Das gehört zur Ernsthaftigkeit dazu, sonst verkommt die Wahl zu einem Spiel.

Finden Sie es anmassend, dass die Kandidaten direkt ins Präsidium einsteigen wollen?

Die Fokussierung auf das Präsidium ist etwas eigenartig. Einerseits wirft man dem Präsidenten vor, er sei zu dominant, und andererseits glaubt man, wenn man ins Präsidium gewählt werde, könne man die Kirche verändern.

Mir war es immer ein Anliegen, Präsident einer Kollegialbehörde zu sein. Alle Entscheide waren Entscheide des Kirchenrats, nicht meine persönlichen Hobbys.

Oft wird kritisiert, Sie seien im Reformprozess Kirchgemeinde plus zu forsch vorgegangen. Ist da etwas dran?

Hinter allem liegen parlamentarische Entscheide. Aber mir war wichtig, innert nützlicher Frist Entscheide zu fällen. Die Revision der Kirchenordnung hätten wir noch um ein Jahr verschieben können. Aber das hätte Auswirkungen gehabt auf die Pfarrstellenzuteilung und eine vierjährige Verzögerung nach sich gezogen. Das hätte der Stadt Zürich eine grosse Unsicherheit verursacht. Einige fühlten sich gestresst, aber die Mehrheit hat das überzeugt.

Manche fühlen sich überfahren. Wäre ein Marschhalt möglich?

Die Synode sagte uns klar, macht weiter. Weil es wenigen zu schnell geht, müssen nicht alle anhalten. Grundsätzlich entscheidet aber jede Gemeinde, wie sie vorgeht. Es gibt keinen Fusionszwang.

Viele Gemeinden fühlen sich aber unter Druck gesetzt.

Der Druck ist der konstante Mitgliederschwund. Manche Gemeinden wurden zu klein, um sich selber zu ernähren. Es gibt Gemeinden, die könnten ihre Pfarrstellen schon lange nicht mehr finanzieren, wenn sie nicht von reicheren Gemeinden unterstützt würden. Dass man etwas unternehmen muss, ist für alle unangenehm. Aber nichts zu tun, wäre Realitätsverdrängung. Ich stelle mich der Realität, rede sie nicht schön. Wenn man den Druck nun dem Kirchenrat anhängt, verwechselt man den Botschafter mit der Botschaft.

Verstehen Sie, dass kleine Kirchgemeinden fürchten, ihre Identität zu verlieren, wenn die Strukturen grösser werden?

Ja, wenn man nur auf das Bisherige schaut und glaubt, im Neuen gebe es keine Möglichkeiten. Aber auch das Bisherige schrumpft. Man überführt das lieber in die neue Situation. Die Gemeinden können verschiedene Zentren bilden. Es muss nicht alles in grösseren Strukturen aufgehen. Durch das Reformationsjubiläum haben viele verstanden, dass es schön und aktuell ist, zur reformierten Kirche zu gehören. Das gibt uns Kraft und Mut, uns der Realität zu stellen.

Könnte die Verunsicherung in den Gemeinden daran liegen, dass sich der Kirchenrat stark auf die Strukturen fokussiert hat?

Das haben wir nie getan. Schon 2012 haben wir die Möglichkeiten aufgezeigt, aber die Leute hören nur, was sie direkt betrifft. Ich glaube auch, dass man mit strukturellen Veränderungen Konkretes bewirken kann. Es braucht beides, den Wunsch nach etwas Neuem und die Strukturen, die etwas ermöglichen.

Wie sehen Sie die Zukunft von halbgeglückten Fusionen wie in der Stadt Zürich, wo zwei Kirchgemeinden alleine bleiben?

Wir haben dort eine Vergleichsmöglichkeit, um zu beobachten, wie sich zwei Kleine und ein Grossgebiet entwickeln. Im Moment sind die Kleinen voraus. Wie nachhaltig das ist, wird sich zeigen. Es gibt Gebiete, die sich zusammenschliessen, andere nicht. Das kann parallel weiterlaufen. Das Einzige, was nicht geht, sind dauernde Quersubventionen. Wir müssen Ehrlichkeit einfordern. Das tut da und dort weh. Die Gemeinden müssen jetzt beweisen, dass sie so stark sind, wie sie behaupten.

Gibt es im Nachhinein etwas, das Sie im Prozess anders gemacht hätten?

Wir hätten einen klareren Auftrag der Synode abholen sollen. Doch wir entschieden als Rat, Ideen zu lancieren, statt zu warten, bis die Not noch grösser wird. Was uns von Anfang an gefehlt hat, ist eine handfeste Krise. In St. Gallen gab es etwa einen massiven Einbruch der Finanzen. Der Mitgliederschwund ist bei uns konstant, aber keine Krise. Wir wollten auch lieber etwas Positives als Anstoss nehmen wie das Reformationsjubiläum.

Gibt es konkrete Ergebnisse von Kirchgemeinde plus?

Die sind erst im Ansatz erkennbar. Die Synode hat ein Forschungsprojekt bewilligt. Der Prozess wird also wissenschaftlich begleitet.

Ist für Sie der Mitgliederrückgang gottgegeben? Sie könnten ja versuchen, ihn zu stoppen.

Das wäre aussichtslos. Es befreit, wenn man das akzeptiert hat als gesellschaftlichen Megatrend. So kriegen wir auch Freiraum, Neues zu machen und unser Profil zu halten. Wir werden nie eine Freikirche sein, ein Club derjenigen, die sich engagieren und gläubig sind. Wir sind immer eine Mischung aus Engagierten und passiveren Mitgliedern. Es ist unser Profil, das auszuhalten.

Verwalten Sie nicht einfach den Schrumpfungsprozess?

Nein, das kann man gestalten. Wir fahren die Kirche nicht auf das Kerngeschäft zurück, sondern setzen Energie in Neues. Das Jubiläum war Inspiration, rauszugehen mit Musicals, Konzerten, Ausstellungen. Kirchgemeinden wagen etwas, dann erhalten wir uns die Freude trotz Mitgliederrückgang. Keine Staatskirche mehr zu sein, entlastet uns davon, für alles zuständig zu sein. Wir können uns profilieren. Wir sind die einzige Kirche, in der Frauen gleichberechtigt sind, wir stehen ein für die Ehe für alle und müssen nicht nur alte Traditionen mitschleppen.

Wie sehen Sie die reformierte Landeskirche in zehn Jahren? Sind Kirchen dann Hotels?

Das ist eine der grössten Herausforderungen. Eine kleiner werdende reformierte Kirche kann nicht für die ganze Gesellschaft die Denkmäler erhalten. Wenn die Gesellschaft will, dass die Kirchen so museal bleiben, wie sie sind, muss sie es bezahlen. Sonst muss man die Kirchen beleben. Das wird aber schwierig, wenn der Raum schlecht isoliert ist, denkmalgeschützte Fenster nicht verändert und Heizungen nicht ausgewechselt werden dürfen. Der Staat muss mehr Freiraum geben.

Könnte sich muslimische Gemeinden einmieten?

Nein, das wäre ein falsches Zeichen. Aber wir haben viele Christen, die einwandern, die haben keine Kirchen. Man kann die Räume auch säkular würdig nutzen, etwa als Musikschule.

Warum sind Sie der Richtige, die Kirche in die Zukunft zu führen?

Ich habe in den letzten acht Jahren im Kanton viele Beziehungen aufgebaut zur kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Welt. Ich habe auch viele Kontakte in der Schweizer und internationalen Kirchenlandschaft. Mit dem Rat habe ich viele Reformen angepackt, die ich jetzt konsolidieren möchte. Ich stehe auch für all jene, die Veränderungen wollten. Ich könnte es nicht verantworten, sie im Stich zu lassen.

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