Es sei ein ziemlich spezieller Moment gewesen, als sie den Vertrag unterzeichnen sollte, sagt Liv Rusert. Die 16-Jährige hat vor kurzem bei Yellow Winterthur für ein Jahr unterschrieben. Damit steht sie vor ihrer ersten Saison in der höchsten Liga der Schweiz. «Als ich las, dass der Vertrag aufgelöst werden kann, wenn ich etwa das Krafttraining nicht absolviere, wurde mir noch stärker bewusst, dass Handball mehr als ein Hobby für mich ist.»

Ihre Handballkarriere startete die Neeracherin im Limmattal. Beim HC Dietikon-Urdorf kam sie zum ersten Mal mit dem Sport in Berührung. Ihr Vater war damals Trainer einer Juniorenmannschaft bei dem Verein. «Meine beiden Brüder spielten in seiner Mannschaft, deshalb nahm er mich gleich auch in die Trainings mit», sagt Rusert. So machte sie ihre ersten Handballversuche bei den Jungs, bevor sie mit zehn Jahren zu den U15-Juniorinnen wechselte.

Dass sie für die Mannschaften, in denen sie spielte, eigentlich zu jung war, zieht sich durch ihre bisherige Laufbahn wie ein roter Faden. Ob bei der U16-Juniorinnenmannschaft, die eine Spielgemeinschaft von Dietikon-Urdorf und Wasserschloss war, oder bei der U18- und der 1.-Liga-Mannschaft von GC, Rusert gehörte immer zu den Jüngsten im Team. Das liege sicherlich auch an dem ausgeprägten taktischen Verständnis, das ihr zugesprochen wird. «Auf meiner Position als Rückraummitte braucht man eine gute Übersicht auf dem Platz und muss in kurzer Zeit viele Entscheidungen treffen», sagt sie. «Es ist die Schnelligkeit und das Taktische, verbunden mit der Härte, was mich an Handball so fasziniert.»

«Es sind lange Tage»

Trotz der Härte des Sports habe sich Rusert beim Handballspielen bisher nur selten verletzt. «Ich brach mir einmal den Arm bei einer unglücklichen Landung. Aber das ist schon länger her. Vielmehr verletzte ich mich bei Sachen, die nichts mit Handball zu tun haben.» So hat sie sich beim Eislaufen den Finger mehrfach gebrochen und musste vier Stunden operiert werden. Doch will sie nicht auf das Ausüben anderer Sportarten verzichten, da es ihr eine willkommene Abwechslung bietet. «Beim Tennis- oder Badmintonspielen treffe ich auch Kolleginnen ausserhalb des Handballs. Es ist wichtig, dass ich mir diese Zeit dazu nehme», sagt sie.

Das gestaltet sich für die Neeracherin aber nicht immer ganz einfach. Sie hat sich gegen eine Sportschule entschieden und besucht in Oerlikon die Kantonsschule. «Es sind jeweils schon lange Tage und diese sind gut durchgeplant, aber es geht zeitlich auf und die schulischen Leistungen stimmen auch.» Hausaufgaben und das Lernen erledigt sie im Zug, mit welchem sie zu den Trainings und wieder nach Hause fährt. «Meine Eltern liessen mich schon früh alleine Zug fahren, deshalb bin ich mir es gewohnt und ich kann mich dabei auch gut auf die schulischen Pflichten konzentrieren», sagt sie.

Nach dem Gymnasium will Rusert ein Studium beginnen. Natürlich wäre sie nicht abgeneigt, alleine von Handball leben zu können. Doch sehe sie es auch realistisch. «Bei einem grossen und finanziell starken Verein wäre es vielleicht für ein paar Jahre möglich. Da Handball den Körper aber extrem belastet, ist das Spielen auf höchstem Niveau nur für eine begrenzte Zeit möglich.» Deshalb sei es wichtig, eine Ausbildung oder einen guten Abschluss zu besitzen. Sie könne sich gut vorstellen, das Studium im Ausland zu absolvieren und es mit Handball zu verbinden. «Es wäre sicher eine tolle Erfahrung, in einer ausländischen Liga zu spielen. Aber ich bin keine Person, die weit vorausplant. Ich konzentriere mich lieber auf die momentane Situation.»

Mit Zuversicht in die Saison

Zurzeit befindet sich Rusert mit Yellow Winterthur in der intensiven Vorbereitung auf die neue Saison, die Ende August beginnt. Den Ball sehen die Spielerinnen im Training derzeit noch nicht so oft. «Wir machen viel Kraft- und Konditionsübungen. Es ist zwar streng, aber man weiss am nächsten Tag, was man im Training geleistet hat», sagt sie und lacht. Ihrer ersten Saison in der höchsten Liga blickt Rusert gespannt, aber auch zuversichtlich entgegen. «Eine gleichaltrige Kollegin hat letztes Jahr den gleichen Schritt wie ich gewagt und bei ihr funktionierte es gut. Ich hoffe sehr, dass ich mich schnell an das Niveau gewöhne.»

Ob sie dann noch immer ihre gewohnte Position in der Rückraummitte spielen kann, weiss sie noch nicht. «Vermutlich sind die Spielerinnen dort um einiges stärker. Da ich nicht gerade die Kräftigste bin, muss ich vielleicht auch mal auf eine Aussenposition ausweichen», sagt sie. Das müsse dann ihr neuer Trainer entscheiden. Dieser sei auch einer der Gründe gewesen, warum sie zu den Winterthurerinnen gewechselt hat. «Mir ist es sehr wichtig, eine gute Beziehung zum Trainer zu haben. Bei Yellow konnte ich vor dem Wechsel schon unter ihm trainieren und habe gemerkt, dass er eine tolle Person ist und ich viel von ihm lernen kann.»

Für ihre erste Saison setzt sich Rusert zum Ziel, sich in der obersten Spielklasse durchzusetzen und auf 20 Minuten Einsatzzeit pro Spiel zu kommen. Ein längerfristiges Ziel will sie sich hingegen nicht setzen. «Ich lasse das Ganze erst mal auf mich zukommen.»