Bunte Luftballons schweben bald in der Halle des Schlieremer Gasi-Museums beim Belltree Tower und verweisen auf ein Spektakel, das 1909 die Massen bewegte: Das Gelände des Gaswerks war der vierte Austragungsort des Gordon-Bennett-Ballonflugwettbewerbs. An die 200'000 Zuschauer waren damals vor Ort, um 17 Gasballone starten zu sehen (siehe Box). Ein denkwürdiger Anlass, der dem schweizerisch-jüdischen Schriftsteller Kurt Guggenheim auch als Hintergrund für seinen Roman «Alles in allem» diente.

Nun haben die Theatermacher Peter Brunner und Wolfgang Beuschel das Hauptwerk Guggenheims, das in der Zeit von 1900 bis 1945 in Zürich handelt, in eine Theaterreise transformiert, die nächsten Samstag Premiere feiert, jeweils zwölf Stunden dauert und acht Stationen umfasst.

Die Theaterreise «Alles in allem» dauert zwölf Stunden.

Die Theaterreise «Alles in allem» dauert zwölf Stunden.

Schlieren ist die zweite Etappe dieser Reise und lässt die Zeit des Ballonwettbewerbs wieder aufleben. «Die Luftballons, die während der Aufführung auf der Bühne schweben, erinnern nicht nur an den damaligen Anlass, sondern symbolisieren auch die Aufbruchsstimmung, die zu dieser Zeit herrschte», sagt die Regisseurin Katja Langenbach.

Sie ist eine von vier Regisseurinnen und Regisseuren, welche die verschiedenen Stationen der Geschichte umsetzen. Für die ersten zwei Episoden trägt sie die Verantwortung.

Von Beginn weg war die gefragte Regisseurin von dem Projekt begeistert. «Es hat mich gereizt, ausserhalb eines Theaters zu inszenieren.» Die gebürtige Kölnerin, die heute in St. Gallen lebt, musste Schlieren erst kennenlernen. «Es ist meine erste Begegnung mit dem Limmattal und es ist eine spannende Region.» Sie schwärmt vom Gasi-Museum und dessen Ausstellungsstücken, die so perfekt in ihre Aufführung passen.

Lebendige Vergangenheit

«Der Roman ist ein wichtiges Stück Literatur», sagt Langenbach über Guggenheims Werk. 1950 erschienen und rund 1000 Seiten stark, gilt «Alles in allem» als «literarische Vermessung» der Stadt Zürich, wie die Neue Zürcher Zeitung schrieb. Neben der Geschichte der Limmatstadt erzählt der Autor zudem diejenige der Zürcher Juden. «So stellt sich auch die Frage: Was wurde aus den Juden von damals? Gibt es noch Spuren von deren Leben?», erklärt Langenbach.

Bei der Theaterreise steht jedoch die Entwicklung der Stadt im Mittelpunkt und mit den Romanfiguren liess sich diese lebendig darstellen. Es sind die einzelnen Schicksale, anhand derer das einstige Zürich wieder spürbar wird. Das Projekt funktioniere laut Langenbach auch wie ein Dialog zwischen damals und heute.

Die Villa Patumbah im Seefeld ist die erste Kulisse der Reise. «Der Reichtum eines Geschäftsmannes aus jener Zeit, wie es der Roman verlangt, ist in der Villa sehr gut sichtbar», sagt Langenbach. Tatsächlich wurde die Villa Patumbah einst zwischen 1883 und 1885 für Karl Fürchtegott Grob erbaut, einem der reichsten Zürcher jener Zeit, der sein Vermögen mit einer Tabakplantage auf Sumatra erwarb.

Auch die zweite Etappe im Gasi-Museum bietet den Theatermachern ein perfektes Ambiente. Das Areal des Schlieremer Gaswerks ist Schauplatz, wenn der reiche Fabrikant Meng und seine Entourage auf einem eigens abgesperrten Platz ein edles Picknick veranstalten und den Ballonflugwettbewerb als «ländlichen Scherz» betrachten. In der Schlieremer Episode spielt weiter die Liebesgeschichte der Fabrikantentochter eine Rolle.

Alle Reise-Aufführungen werden als Leseinszenierung dargeboten. So auch in Schlieren, wobei die Protagonisten – dargestellt von Noémi Alexa Fiala, Alexandre Pelichet und Volker Ranisch – dennoch die Bühne szenisch beleben. «In den Proben haben sich theatralische Szenen ergeben, die wir eingebaut haben», sagt Langenbach. «Alles in allem» bringt das Publikum anschliessend an sechs weitere Orte, die den Verlauf des Romans und die entsprechenden Epochen, wie etwa die Kriegsjahre, widerspiegeln: Gespielt wird im Waffen- sowie Holzsaal des Zeughauses der Kaserne Zürich, in der Polithek, im Zehntenhaus Zürich Affoltern, in der Kaverne Seewasserwerk Moos und schliesslich im Kulturmarkt.

Alle Vorstellungen von «Alles in allem» sind ausverkauft.

Alle Vorstellungen von «Alles in allem» sind ausverkauft.

«Einige Orte, die wir bespielen, kennt man meist nur von aussen. Wir öffnen sie und geben dem Publikum die Möglichkeit, eine andere, eine unbekannte Stadt kennenzulernen», sagt der Gesamtleiter Brunner. Wertvoll sei dieser Aspekt besonders, wenn ein Ort wie das Schlieremer Gaswerk im Roman eine wichtige Rolle spielt. «So gibt es eine Wechselwirkung zwischen Geschichte und Gegenwart, was uns sehr wichtig ist.»

Brunner entdeckte den Roman vor fünf Jahren und begann daraufhin eine Leseinszenierung zu planen. Das Werk prägte ihn nachhaltig: «Ich flaniere seither oft mit den Augen Guggenheims durch die Stadt und erlebe dessen ungewöhnliche Stadtansichten. Zürich ist für mich nicht mehr dasselbe Zürich. Zürich ist zu einer neuen Stadt geworden.» Vor drei Jahren stiess Wolfgang Beuschel als künstlerischer Gesamtleiter dazu. Dann begann die konkrete Projektplanung und es entstand der Verein «Alles in allem».

Leicht war das Vorhaben nicht: «Das Vorlesen des ganzen Romans würde 50 Stunden dauern. Wir haben den Stoff auf fünfeinhalb Stunden reduziert», sagt Beuschel. Die Zusammenarbeit mit den Regisseurinnen und Regisseuren sowie den insgesamt 20 Darstellerinnen und Darstellern, darunter auch der Dietiker Schauspieler Hanspeter Müller-Drossaart, begann vor sechs Monaten.

Eine Herausforderung

Die Theaterreise «Alles in allem» ist auch eine logistische Herausforderung. Pro Reise können 78 Zuschauerinnen und Zuschauer teilnehmen, die mit einem Bus die Spielorte besuchen. Eine hektische Abfolge der Aufführungen sei es aber nicht. «Das Publikum soll den Geschichten folgen können. Dazu braucht es auch Erholung. Wir haben deshalb an einzelnen Standorten, zum Beispiel in Schlieren, längere Spielpausen eingeplant», sagt Beuschel. In diesen Pausen hat man auch die Möglichkeit, sich zu verpflegen.

Auf die Frage, ob man dem Publikum einen solchen Theatermarathon zumuten darf, antwortet Brunner entschlossen: «Ja, man darf oder man muss sogar. Dass alle Vorstellungen bereits ausverkauft sind, zeigt, dass viele Menschen sich dieser Herausforderung gerne stellen».