Dietikon

Hoher Betreuungsaufwand: Der Stress im Kindergarten nimmt zu

Der Stichtag für die Einschulung wird im Kanton Zürich verlegt – damit sind Kindergärtler beim Eintritt jünger und bedürfen teilweise mehr Betreuung. (Archiv)

Der Stichtag für die Einschulung wird im Kanton Zürich verlegt – damit sind Kindergärtler beim Eintritt jünger und bedürfen teilweise mehr Betreuung. (Archiv)

EVP-Gemeinderätin Manuela Ehmann fordert Massnahmen, um Kindergärtnerinnen zu entlasten. Die Interpellation wurde von sieben weiteren Parlamentariern – mit dabei Leute von der SVP und der SP – unterzeichnet.

Es braucht mehr Ressourcen in den Dietiker Kindergärten. Davon ist Gemeinderätin Manuela Ehmann (EVP) überzeugt: Die Kindergärtnerinnen seien überlastet und bräuchten dringend Verstärkung, schreibt sie in einer Interpellation, die sie kürzlich eingereicht hat. Denn die Kinder, die die Lehrpersonen betreuen, würden immer jünger und benötigten damit mehr Betreuung, begründet sie ihren Vorstoss.

Dass die Kinder jünger werden, ist auf die von den Kantonen vereinbarte Harmonisierung der obligatorischen Schule zurückzuführen. Dabei wird unter anderem der Stichtag, der für die Einschulung der Kinder gilt, vereinheitlicht. Im Kanton Zürich wird dieser Stichtag seit 2014 jährlich um einen halben Monat verschoben. Auf das Schuljahr 2019/20 wird die letzte Verschiebung vorgenommen; es wird der definitive Stichtag 31. Juli erreicht.

«Infolge der Verschiebung des Stichtags sind die jüngsten Kinder beim Kindergarteneintritt rund vier Jahre alt», hielt der Zürcher Regierungsrat im April 2018 fest, als er eine SVP-Anfrage zum «frühen Kindergarten-Eintritt» beantwortete. Er ging damals davon aus, dass die Kinder durchschnittlich «drei Monate jünger sind als die vor 2014 eingeschulten».

Für die Gruppe fehlt die Zeit

Dass dadurch die Kindergärtnerinnen belastet werden, indem die Kleinsten viel Aufmerksamkeit benötigen und keine Zeit für die ganze Gruppe bleibt, hat Ehmann bereits in ihrer Zeit als Schulpflegerin beobachtet. In fast allen Klassen würden Kinder mit kleinkindlichem Verhalten auffallen und häufig weinen, sagt die heutige Gemeinderätin.

In den vergangenen Monaten seien mehrere Lehrpersonen an sie herangetreten und hätten über die Probleme geklagt. «Es muss dringend in den Kindergarten investiert werden», begründet Ehmann ihre Interpellation, die von sieben weiteren Parlamentariern von SVP, EVP, SP und Grünen mitunterzeichnet wurde.

Keinen Handlungsbedarf sahen bislang die kantonalen Gremien: Die Bildungsdirektion und der Bildungsrat hätten die Rahmenbedingungen für die Vorverlegung des Stichdatums für den Kindergarteneintritt umsichtig und umfassend vorbereitet, schrieb der Regierungsrat in der erwähnten Antwort.

Es seien deshalb keine weiteren Massnahmen geplant. Und der Kantonsrat sprach sich Ende 2018 gegen eine Parlamentarische Initiative aus, die gesetzlich verankern wollte, dass die Klassenlehrperson im ersten Kindergartensemester jeden Vormittag durch eine weitere Person unterstützt wird.

Dieser Entscheid verärgerte die Direktbetroffenen: Ein gelungener Start in die Schulkarriere sei für alle Beteiligten – Kinder, Eltern und Schule – von zentraler Bedeutung, hielt der Verband Kindergarten Zürich in einer Stellungnahme fest. «Mit den heutigen Rahmenbedingungen ist dieser jedoch nicht gewährleistet.»

Dass die Belastungen gestiegen sind, hat auch eine Studie der Pädagogischen Hochschule Thurgau ergeben: Entgegen verschiedener Medienberichte seien dabei «Wickelkinder», also Kindergartenschüler, die wegen ihres geringen Alters gar noch Windeln tragen müssen, kein grosses Problem, hiess es in der Ende 2018 veröffentlichten Forschungsarbeit mit dem Titel «mit jungen Kindergartenkindern starten». Im Kanton Thurgau betreffe dies nur 25 Kinder (0,7 Prozent).

Die Klassen sind sehr heterogen

Als Herausforderung haben sich vielmehr die «heute sehr heterogen zusammengesetzten Kindergartenklassen» herauskristallisiert: Seit der Verschiebung des Stichtages, der im Kanton Thurgau bereits im Jahr 2012 erfolgte, werden die Lehrpersonen «zunehmend durch Betreuungsaufgaben beansprucht, während sie für den Aufgabenbereich der Beziehung und Interaktion zu wenig Zeit finden».

Etwas mehr als jeder dritte Thurgauer Kindergärtler (34 Prozent) benötigt dabei laut Studie einen hohen Betreuungsaufwand – unter anderem aufgrund seiner sozialen und emotionalen Reife oder seiner Motorik. Jeder fünfte verfügt beim Eintritt über keine Erfahrungen in einem familienergänzenden Betreuungsangebot und trifft im Kindergarten zum ersten Mal auf eine so grosse Kindergruppe. «Gerade die jungen Kinder sind in grossen Klassen aufgrund ihrer emotionalen Entwicklung überfordert», heisst es in der Studie.

Dem stehen relativ viele Kinder gegenüber, die bereits über vorschulische Kenntnisse verfügen und beispielsweise ein einfaches Buch lesen können (6 Prozent). Dabei handelt es sich gemäss Thurgauer Studie insbesondere um Kinder, deren überwiegend Deutsch sprechenden Eltern sie erst ein Jahr später einschulen liessen. «Diese Schullaufbahnentscheide führen dazu, dass die Heterogenität in Bezug auf Alter und Deutschkenntnisse verschärft wird.»

Folgekosten vermeiden

Für Gemeinderätin Ehmann ist es deshalb angezeigt, dass in Dietikon «über eine Lösung zur Entlastung der Kindergarten-Lehrpersonen nachgedacht» wird. Die Stadt habe viele gute Kindergärtnerinnen, sie müsse alles unternehmen, damit diese auch gehalten werden können.

In ihrem Vorstoss regt sie unter anderem an, dass der Stadtrat ein Gefäss schaffe, das es Kindergärtnerinnen bei Bedarf ermögliche, rasch Unterstützung zu erhalten. Dass dies Kosten verursachen würde, ist Ehmann bewusst. «Ist aber der Einstieg in den Kindergarten schlecht, dann kann sich das auf die gesamte Schulkarriere auswirken.» Die Folgekosten seien horrend; diese liessen sich allenfalls einsparen.

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