Limmattal

Heiligabend wird zum Arbeitstag: Immer mehr Shops haben auch an Feiertagen geöffnet

Für Kunden ist es angenehm, für Angestellte wohl weniger: Immer mehr Tankstellenshops und Express-Detaillisten haben an Weihnachten geöffnet. (Themenbild)

Für Kunden ist es angenehm, für Angestellte wohl weniger: Immer mehr Tankstellenshops und Express-Detaillisten haben an Weihnachten geöffnet. (Themenbild)

Immer mehr Lebensmittelläden haben auch an den Feiertagen geöffnet. In den Coop-Pronto-Filialen in Dietikon und Geroldswil kann man gar von 6 bis 23 Uhr einkaufen. Das sorgt für Kritik.

Wenn Sie an Heiligabend merken, dass Sie Ihre Dips für das Fondue Chinoise vergessen haben, haben Sie heutzutage kein Problem mehr. Obwohl Heiligabend dieses Jahr auf einen Sonntag fällt, können Sie am nächstgrösseren Bahnhof oder einer Tankstelle in einem sogenannten Convenience-Shop, wie Coop Pronto oder Migrolino, einkaufen.

Doch: Die Sonntagsarbeit ist eigentlich verboten. Nur diverse gesetzliche Ausnahmen ermöglichen es, dass diese Express-Detailhändler überhaupt öffnen dürfen. In den letzten Jahren wurde die Sonn- und Feiertagsarbeit immer mehr liberalisiert. Tankstellenshops und andere Convenience-Läden dürfen ohne Bewilligung 365 Tage im Jahr offen bleiben, wenn sie sich an einer verkehrsreichen Strasse oder direkt bei einem Bahnhof befinden.

Die anderen Detailhändler sind von der Gemeinde abhängig. Sie bestimmt maximal vier Sonntage im Jahr, an denen Geschäfte ohne Bewilligung Waren verkaufen dürfen. Dietikon und Schlieren machten dieses Jahr auch Heiligabend zu einem Tag mit Sonntagsverkauf. Nur: Das Gewerbe nutzt die Freiheit gar nicht, die meisten Läden bleiben geschlossen.

Neun offene Shops

Nicht so die Express-Lebensmittelhändler. Im Bezirk Dietikon gibt es neun solcher Shops, sie alle haben an allen Weihnachtstagen geöffnet. Die beiden Coop Prontos in Dietikon und Geroldswil sogar jeweils von 6 bis 23 Uhr. Für das Personal gibt es unterschiedliche Vergütungen. Die einen bekommen nur Lohnzuschläge im einstelligen Prozentbereich, die anderen erhalten gleich das eineinhalbfache ihres normalen Lohnes.

Die Gewerkschaft Unia registriert eine Zunahme von Express-Shops: «Wir beobachten, dass mehr und mehr Ladenzonen in Bahnhöfen am Sonntag geöffnet haben. Der Trend scheint ungebrochen und es kommen laufend neue dazu», sagt Gewerkschaftssprecherin Leena Schmitter. Ihre Beobachtung wird von den Verlautbarungen von Migrolino und Coop Pronto gedeckt: Beide fahren eine Expansionspolitik und haben jeweils einen «Leiter Expansion» eingesetzt.

Die Coop Mineralöl AG, die die Marke Coop Pronto besitzt, will jährlich zehn neue Geschäfte eröffnen. Dieses Jahr wurde das Ziel mit zwölf neuen Shops sogar übertroffen. Den Trend bestätigen auch Zahlen der SBB: In den letzten fünf Jahren ging die Anzahl solcher Shops, denen die Bundesbahnen Räume vermieten, um über 13 Prozent nach oben.

Wieder einmal das Smartphone

Doch warum steigt überhaupt das Bedürfnis nach Einkaufsmöglichkeiten an Ruhetagen? In einer Studie führt das Gottlieb-Duttweiler-Institut, das Themen zu Wirtschaft und Gesellschaft erforscht, den Anstieg auf die wachsende «Ent-Strukturierung» des Alltags zurück. Die unregelmässigen Tätigkeiten nehmen zu, deshalb wächst auch das Bedürfnis nach Einkaufsmöglichkeiten rund um die Uhr. Ebenfalls treibende Kraft: Das Smartphone. Dadurch müssten Menschen weniger planen und kauften öfter Ad hoc einfach das ein, wonach Ihnen der Sinn steht.

Für die Unia ist die Entwicklung negativ. «Es braucht einen Ruhetag, um familiären und sozialen Verpflichtungen nachzukommen und als Erholung. In den Weihnachtstagen stellen sich speziell Fragen nach der Organisation der Kinderbetreuung, weil Schulferien sind», sagt Sprecherin Schmitter. Claudia Zindel, die den Migrolino-Shop mit Tankstelle an der Bernstrasse in Dietikon führt, sagt dagegen, das Verkaufen an Sonn- und Feiertagen sei wichtig für ihren Betrieb: «Auf jeden Fall solange die anderen Detailhändler nicht auch offen haben dürfen.»

Ob man an Feiertagen arbeitet oder nicht, hängt vor allem von Geschlecht, Ausbildung und Herkunft ab. Das sagt eine Erhebung des Bundesamtes für Statistik. Am wahrscheinlichsten ist es demnach, dass man an Heiligabend von einer Frau im Alter zwischen 15 und 24 Jahren, die nicht mehr als die obligatorische Schule abgeschlossen hat und ausserhalb Europas geboren wurde, bedient wird.

Zumindest die Konstellation, dass Angestellte an Heiligabend und gleichzeitig an einem Sonntag arbeiten müssen, wird es so bald nicht mehr geben. Erst 2023 fällt Heiligabend wieder auf einen Sonntag.

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