Alles, was unter den Nägeln brannte, kam zur Sprache: juristische Ausbildungen, vermeintliche Parteizugehörigkeiten, alte Seil- und vermeintliche Bekanntschaften. Am Donnerstagabend fand der Wahlkampf ums Schlieremer Friedensrichteramt seinen Höhepunkt. Im Alten Schulhaus rückten sich die drei Kandidierenden Songül Viridén (GLP), Janine Martí-Matt (parteilos) und Adrian Leimgrübler (parteilos) vor rund 50 Zuschauern ins beste Licht. Gewählt wird in gut einer Woche am 1. September. Beim ersten Wahlgang im Mai erhielt Leimgrübler 777 Stimmen, Viridén 677 und Martí-Matt 646.

Sie habe davon gehört, dass es im Vorfeld Agitationen unter den Kandidierenden gegeben habe, sagte Judith Bühler vom Verein Jass, der den Anlass durchführte. «Daher ist es mir wichtig, dass wir einen respektvollen Umgang miteinander pflegen», betonte sie und zeigte auf den Aufkleber mit dem Wort «Respekt», der auf ihrer Brust prangte. Jass setzt sich für den interkulturellen Austausch und den Abbau von Vorurteilen ein. Mit diesem Anlass wolle man der Bevölkerung das Amt des Friedensrichters näherbringen, betonte Bühler. Daher erklärte Reto Aschwanden, Vizepräsident des kantonalen Verbandes der Friedensrichterinnen und -richter, was das Amt überhaupt beinhaltet.

Die Diskussion über nötige Qualifikation geht weiter

Anschliessend ging das Wort an die Kandidatinnen und den Kandidaten über. Bereits bei der Vorstellungsrunde wurde klar, dass ihnen Transparenz am Herzen liegt. So erklärte die ausgebildete Kauffrau Martí-Matt, dass sie sich durch einen Schicksalsschlag – die Totgeburt ihres Kindes – für eine berufliche Neuausrichtung und somit für das Jura-Studium entschieden habe. Viridén, einzige Nicht-Juristin unter den Bewerbern, deren Qualifikation jüngst von einem Martí-Matt-Unterstützer öffentlich angezweifelt wurde, beschrieb ihren beruflichen Werdegang im Detail. Die Marketing- und Kommunikationswirtin sagte: «Als ich vom Jura- zum Marketing-Studium wechselte, befand ich mich in etwa auf dem Bachelor-Level. Ich habe also weit mehr als eine juristische Grundausbildung vorzuweisen.»

Aschwanden hielt fest: «Eine juristische Ausbildung ist gesetzlich nicht vorgeschrieben. Bei diesem Amt geht es darum, mit gesundem Menschenverstand zu verstehen, was die Streitparteien wollen, und anschliessend zu einer Lösung zu finden.» Hier hakte Martí-Matt ein und verwies darauf, dass mehr und mehr Klienten mit ihrem Anwalt zu Friedensrichter-Verhandlungen erscheinen würden. «Damit man sich mit diesen Anwälten auf Augenhöhe unterhalten kann, ist eine entsprechende Ausbildung zentral.» Noch-Amtsinhaberin Eliane Graf (SVP), die kein Jurastudium absolvierte, relativierte und sagte, dass eine Grundausbildung nicht zwingend, aber sicherlich von Vorteil sei.

Martí-Matt merkte – «im Sinne der Transparenz» – an, dass sich Aschwanden und Viridén bereits kennen würden. Dies sei nicht korrekt, entgegnete dieser: «Songül Viridén erkundigte sich im Vorfeld telefonisch bei mir über das Amt. Das ist alles.»

Als ein GLP-Mitglied aus dem Publikum die beiden parteilosen Kandidierenden fragte, ob sie früher Mitglied einer Partei gewesen seien und warum heute nicht mehr, ergriff Leimgrübler beherzt das Wort. «Bis 2016 war ich Mitglied der FDP, die mich wie eine heisse Kartoffel fallen liess», sagte er. Dies, nachdem er 2015 wegen angeblicher Pflichtverletzungen fristlos als Dietiker Statthalter entlassen wurde. Eine Kündigung, die vom Verwaltungsgericht nachträglich als rechtswidrig beurteilt wurde.

Martí-Matt antwortete, dass sie weder Mitglied noch Sympathisantin einer Partei sei, da sie aus unterschiedlichen Parteien unterschiedliche Haltungen gut finde. Eine Zuschauerin fragte Martí-Matt anschliessend, ob sie eine Parteizugehörigkeit als nachteilig empfinde. «Ganz und gar nicht», antwortete sie. Die Fragestellerin sagte anschliessend, dass sich Martí-Matt zu einem früheren Zeitpunkt als CVP-Sympathisantin ausgegeben und sämtliche Mitglieder persönlich angeschrieben habe. «Dies ist ein Missverständnis. Zwar habe ich Kontakt zu Parteimitgliedern und bin seit etwa einem halben Jahr auf dem Mail-Verteiler der Ortspartei, als Sympathisantin gab ich mich aber zu keinem Zeitpunkt aus», so Martí-Matt. Weil sie davon ausgegangen sei, dass auch Viridén und Leimgrübler bei den Ortsparteien vorstellig geworden seien, habe sie diese angeschrieben, um an mögliche Wähler zu gelangen.

Ein Zuschauer wollte wissen, was geschehe, wenn der Friedensrichter befangen sei und daher seinem Amt nicht neutral nachgehen könne. Hierbei wurde zum Thema, dass Janine Martí-Matt Restaurants in ihrem Unterstützungskomitee hat. Was, wenn nun einer dieser Restaurantbetreiber wegen Zechprellerei an den Friedensrichter gelangen würde? «Die Chancen sind tatsächlich gross, dass dieser früher oder später ans Friedensrichteramt gelangt, weil jemand die Zeche geprellt hat. Ist eine Friedensrichterin dort zum Beispiel Stammgast, sollte sie sich natürlich als befangen betrachten und in den Ausstand treten», sagte Leimgrübler. Er selber habe ganz bewusst kein Unterstützungskomitee, denn Unabhängigkeit sei ihm sehr wichtig.

Eine Sängerin und eine Saxofonistin

Einerseits um eine mögliche Befangenheit zu eruieren und andererseits um zu erfahren, ob sich die Kandidierenden persönlich engagieren, wollte die Urdorfer GLP-Kantonsrätin Sonja Gehrig – auch sie sass im Publikum – wissen, welchen ehrenamtlichen oder Vereinsaktivitäten sie nachgehen. Bei Parteikollegin Viridén kam einiges zusammen. Neben ihrem Mandat als Gemeinderätin singt sie im Frauenchor, gründete den Verein Visit Schlieren sowie einen Kinder-Basketball-Klub und trat vor einem Jahr dem Gewerbeverein bei. Die gebürtige Schlieremerin Martí-Matt war über Jahre in der Mädchen- und später der Damen-Riege gewesen und hat in der Harmonie Schlieren Saxofon gespielt. «Irgendwann reichte die Zeit für eine solche Tätigkeit aber nicht mehr. Der Tag hat leider nur 24 Stunden.» In den sechs Jahren, in denen Leimgrübler in Schlieren wohnt, war er bislang in keinem Verein tätig.

Auf die Frage, aus welchen Gründen die Kandidierenden gewählt werden wollen, antwortete Martí-Matt: «Ich bin vertrauenswürdig, fachlich kompetent und empathisch.» Auch Leimgrübler verwies auf seinen Erfahrungsschatz auf beruflicher und persönlicher Ebene. Für Lacher sorgte er mit der Bemerkung: «Letztlich ist es mir aber egal, aus welchen Gründen Sie mich wählen. Solange Sie mich wählen.» Viridén hatte schon zu hören bekommen, dass man sie aufgrund ihres exotischen Namens auf den Wahlzettel geschrieben habe. «Mir ist aber lieber, wenn man mich wegen meiner strukturierten Denkweise und meiner Empathie wählt.»