Feuerwehr

«Etwas Unerwartetes kann immer passieren»

Ein Blick in den Dachstock des Zürcher Grossmünsters: Wie das Notre-Dame-Dach besteht er aus Holz.

Ein Blick in den Dachstock des Zürcher Grossmünsters: Wie das Notre-Dame-Dach besteht er aus Holz.

Aus dem Brandfall der Notre-Dame in Paris zieht ein Profi der Zürcher Berufsfeuerwehr die Lehre, dass bei Bauarbeiten erhöhte Vorsicht geboten ist.

Selbst ein abgebrühter Feuerwehrprofi wie Jan Bauke zeigt sich beeindruckt darüber, wie rasend schnell es gegangen ist, bis der Dachstock der Notre-Dame in Paris im Vollbrand stand. Aus Fällen wie diesen versuche die Feuerwehr jeweils ihre Lehren zu ziehen, sagt der stellvertretende Kommandant Feuerwehr Schutz und Rettung Zürich, der auch für die Ausbildung verantwortlich ist. In diesem Fall sind es zwei Dinge: «Wir lernen daraus, dass das Unerwartete jederzeit eintreffen kann», sagt Bauke. Selbstverständlich könne trotz aller Vorsicht so etwas auch in Zürich passieren.

Die zweite Lehre ist praktischer Natur: Bei Baustellen in Gebäuden sei immer höchste Vorsicht geboten, sagt Bauke. Würden Gebäude ausgehöhlt, wie etwa beim Geschäftsgebäude am HB Zürich, entstünden grosse Räume, in denen sich Feuer rasch ausbreiten könnten. Diesem Punkt will Bauke in der Ausbildung vermehrt Beachtung schenken, sagt er im Gespräch.

Geriete das Zürcher Grossmünster in Brand, wäre die Enge der Altstadt ein grosses Problem. Lösch- und Rettungsfahrzeuge fänden in den Gassen teilweise keinen Platz. Allerdings: «Wegen der vielen Brandmelder glaube ich nicht, dass sich ein so grosses Feuer wie in Paris ausbreiten könnte, bis die Feuerwehr vor Ort ist», sagt Bauke. Aufgrund der räumlichen Nähe dauere es weniger als zehn Minuten bis zum Eintreffen der Einsatzkräfte.

Bei einem Vollbrand des Grossmünsters bestünde die erste Priorität darin, die Ausbreitung der Flammen auf die Altstadt zu verhindern. Der Schutz von Menschen habe gegenüber Sachgütern jederzeit Vorrang – das gelte auch für wertvolle Kunstdenkmäler. Natürlich habe die Feuerwehr an Objekten wie dem Grossmünster auch schon geübt, sagt Bauke. Aber fixfertige Einsatzpläne könne er nicht aus der Schublade ziehen, weil jeder Brandfall wieder anders sei.

Ausrücken wegen Mücken

Würde das Feuer in den 64 Meter hohen Türmen ausbrechen, bestünde eine Schwierigkeit darin, «dass wir eine so grosse Leiter gar nicht haben.» Den Einsatz eines Löschhelikopters könne man vergessen – wegen der Hitze und des Rauchs, wie die Bilder aus Paris deutlich zeigten. Sprinkleranlagen gebe es in Gebäuden wie dem Grossmünster keine. Zum einen wäre der Einbau teuer und schwierig wegen des Denkmalschutzes. Zum andern wäre das Schadenspotenzial durch das Löschwasser gross.

Was wäre Baukes Albtraum beim Grossmünster? «Wenn die Kirche derart in Vollbrand geriete, dass die Statik versagen würde und die Türme samt Glocken zusammenstürzen würden.» Es gebe aber keinen konkreten Grund, vor diesem extremen Szenario Angst zu haben. Das Grossmünster brannte schon zwei Mal, 1572 und 1763, zuletzt, weil der Blitz einschlug.

In den letzten Jahren war die Zürcher Berufsfeuerwehr mindestens zwei Mal beim Grossmünster im Einsatz. Einmal wegen eines Fehlalarms. Anwohner benachrichtigten die Feuerwehr wegen einer angeblichen Rauchschwade über einem der Türme. Im Teleskop der Feuerwehr entpuppte sich der Rauch als harmloser, aber dichter Mückenschwarm. Ausrücken musste die Berufsfeuerwehr auch, als es darum ging, einen Touristen im Turm zu evakuieren. Der Einsatz eines Hubretters mit Bahre, der 53 Meter in die Höhe reichte, erwies sich als zu gefährlich, weil das Gewicht des Fahrzeugs für den durch Katakomben unterhöhlten Boden zu gross gewesen wäre. Am Ende musste die Rega mit einer Rettungswinde ausrücken.

Heikle Einsätze gehören zum Alltag der Feuerwehr. Der Grossbrand bei der Isolierfirma Swisspor in Steinhausen (2007) sei der bisher Spektakulärste, den er erlebt habe, erzählt Bauke. Auch der Brand des Zunfthauses Zimmerleuten (2007) zählt er zu den schlimmen Ereignissen der Zürcher Feuerwehr, weil dort ein Feuerwehrmann ums Leben kam. Als gefährlichstes Ereignis stuft Bauke aber eines ein, bei dem es gar nicht brannte: Der Orkan Lothar Ende 1999. «Die Bäume flogen damals wie Zündhölzer in der Luft herum.»

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