Neumatt

Ein Zentrum spaltet das Dorf

Valentin Schmid ist überzeugt vom Projekt. Ganz im Gegensatz zu Marcel Suter, der beim Shoppi wohnt. Bild: Sandra Ardizzone

Valentin Schmid und Marcel Suter

Valentin Schmid ist überzeugt vom Projekt. Ganz im Gegensatz zu Marcel Suter, der beim Shoppi wohnt. Bild: Sandra Ardizzone

Das «Zentrum Neumatt» in Spreitenbach steht vor einer wichtigen Entscheidung – wir haben einen Befürworter und einen Gegner getroffen.

Seit Monaten bewegt ein Thema die Spreitenbacher Bevölkerung: das «Zentrum Neumatt». So sehr, dass rund 700 Stimmberechtigte an der Gemeindeversammlung im November über die Teiländerung der Bau- und Nutzungsordnung (BNO) abstimmen wollten, die aus der bisherigen Einkaufszone beim Shoppi Tivoli eine Wohn- und Einkaufszone machen und damit dem Megaprojekt den Boden ebnen würde. Doch die Turnhalle Boostock war zu klein, die Gemeindeversammlung musste ins neue Jahr verschoben werden. Morgen Dienstag wird sie nun in der Umweltarena nachgeholt. Gemeindepräsident Valentin Schmid (FDP) gehört zu den Befürwortern des Projekts. Marcel Suter (SVP) ist Mitglied der Bau- sowie der Geschäftsprüfungskommission und Kopf des Nein-Komitees. Das Streitgespräch zwischen den beiden fand im Gemeindehaus statt.

Der Ausgang der Abstimmung scheint offen. Wie nehmen Sie die Stimmung im Dorf wahr?
Valentin Schmid: Im Gegensatz zu der abgesagten Gemeindeversammlung ist es nun im Vorfeld erstaunlich ruhig. Ich kann nicht abschätzen, wie die Abstimmung ausgeht. Als Befürworter höre ich vor allem die positiven Stimmen.

Marcel Suter: Ich würde sagen, es steht 50:50. Das Pro-Komitee hat diese Woche noch einmal Flyer in die Haushalte verteilen lassen, wir hingegen nicht.

Sie haben kurz vor der abgesagten Gemeindeversammlung im November den Flyer «Neumatt Nein» gestaltet und in Umlauf gebracht. Was stört Sie so stark am Projekt?


Suter: Wir brauchen es überhaupt nicht. Gerade wurde die Überbauung Tivoli Garten bewilligt, die mehrere hohe Gebäude mit insgesamt 438 Wohnungen umfasst – darunter zwei Hochhäuser, die je 66 Meter hoch sind, unmittelbar gegenüber dem Shoppingcenter. Ich glaube, es war den Leuten bisher gar nicht bewusst, wie nah neben dem geplanten Zentrum Neumatt bereits ein grosser Bau zu stehen kommt. Ich finde, das reicht völlig. Warum will man daneben noch einmal vier Hochhäuser mit rund 100 Metern Höhe aufstellen? Ich verstehe sowieso nicht, warum man bei einem Leerwohnungsbestand von 6000 Wohnungen im ganzen Kanton Aargau noch mehr Wohnungen bauen muss. Für Institutionen wie die Credit Suisse lohnt es sich aber natürlich, in Immobilien zu investieren, auch wenn sie leer stehen.

Schmid: Es ist nun mal so, dass Bund und Kanton im Aargau bis 2040 ein Bevölkerungswachstum von rund 180000 Einwohnern erwarten, darunter alleine etwa 20000 im aargauischen Limmattal. Die muss man ja irgendwo unterbringen. Laut Raumplanungsgesetz müssen wir nach innen verdichten, ausserdem gehört Spreitenbach im Aargauer Richtplan zu den Entwicklungsschwerpunkten. Wir müssen mehr Wohnraum bieten können.

Wie gut sind denn die Wohnungen in den neueren Quartieren aktuell ausgelastet?


Schmid: Spreitenbach hat einen Leerwohnungsbestand von nicht einmal einem Prozent. Die Mehrfamilienhäuser im Kreuzäcker mit rund 260 Einwohnern sind praktisch vollständig vermietet, und der Limmatspot ist auf Kurs. Da geht das Gerücht herum, dass noch viele Wohnungen leer stehen, aber das stimmt nicht. Er wurde im Frühling 2019 eröffnet und Ende November waren von 195 Wohnungen 148 vermietet. Es stehen noch Wohnungen frei, ja, aber es ist bei einem solch grossen Projekt auch utopisch zu erwarten, dass gleich alle besetzt sind. Ebenso beim Zentrum Neumatt, die geplanten 600 Wohnungen werden nicht auf einen Schlag vermietet sein. Wenn ich mit Gegnern spreche, habe ich manchmal das Gefühl, sie glauben, sobald der Entscheid am Dienstag gefällt ist, werden am nächsten Tag die Bagger aufgefahren. Das ist einfach nicht der Fall.

Dass so stark in Spreitenbach investiert wird, hat auch mit der Limmattalbahn zu tun. Beim Tivoli Garten wird eine Haltestelle realisiert. Eines der Argumente für das Zentrum Neumatt ist, dass der dazugehörige Stadtplatz die Pendler, die dort aussteigen, freundlicher begrüssen würde. Überzeugt Sie der Platz nicht, Herr Suter?


Suter: Die Limmattalbahn fährt in den Bahnhof ein und von dort gelangt man direkt ins Shoppingcenter. Das wird doch auch die Bewegung der meisten Menschen sein, sie kommen entweder nach Hause oder gehen noch kurz etwas einkaufen. Sie steigen sicher nicht dort aus, um über den Stadtplatz ins Shoppi zu gelangen. Und ein Stadtplatz umrahmt von den zwei neuen Hochhäusern des Tivoli Gartens, der Blutwurst (das Hochhaus mit der roten Fassade) und mit der gleich daneben liegenden Verkehrsachse, was soll daran attraktiv sein?


Schmid: Mit dem Stadtplatz können wir eine Zone aufwerten, die heute überhaupt nichts Schönes ist, sondern eine introvertierte Einkaufszone mit Parkplätzen rundherum darstellt. Danach hätten wir ein offenes Zentrum mit besseren und schönen Wegverbindungen, mit vielen Grünflächen, die wir heute nicht haben. Der Stadtplatz ist etwas Gutes für die Menschen im ganzen Dorf, aber auch für das Gewerbe, das sich in der Nähe befindet. Es ist auch kein Platz, auf dem man sich stundenlang aufhält, er soll eine Art Verkehrsdrehscheibe sein, damit Fussgänger von allen vier Himmelsrichtungen auf diesen Platz kommen können, sich vielleicht dort kurz treffen und dann wieder ihres Weges gehen.

Ein weiteres Argument der Befürworter ist, dass die Gemeinde mit den Wohnungen im höheren Preissegment steuerkräftigere Einwohner anzieht, die im Dorf bisher untervertreten sind. Doch viele haben Angst, dass nicht wie gewünscht Gutverdienende den Weg nach Spreitenbach finden, sondern die Anzahl Sozialfälle steigen wird.


Schmid: Wir haben von der Immobilienberatungsfirma Wüest Partner AG eine Studie, basierend auf wissenschaftlichen Fakten, herausarbeiten lassen. Sie
haben alle Hochhausbestände in der ganzen Schweiz untersucht und kamen zum Schluss, dass in Hochhäusern, die nach dem Jahr 2000 gebaut worden sind, bevorzugt berufstätige Menschen leben, vor allem Paare, also Doppelverdiener, mit einem höheren Durchschnittslohn. Aber klar, es gibt keine Garantie.


Suter: Beim neuen Quartier Kreuzäcker wurden ebenfalls gut verdienende Menschen erwartet, die dortigen Wohnungen sind aber nur alle vermietet, weil der Vermarkter die ersten drei Monate die Mietzinse geschenkt hat. Und jetzt, wo die Mieter zahlen müssten, werden sie teilweise zu Sozialfällen.

Schmid: Das ist ein Gerücht, dem ich ebenfalls immer wieder begegne, aber das stimmt nicht. Wir müssen uns an die Richtlinien in der Sozialhilfe halten. Die Wohnungen im Kreuzäcker sind in einem höheren Preissegment, ein Sozialhilfeempfänger bekäme erstens gar nicht so eine Wohnung und zweitens auch nicht genug Geld dafür, um sie zu halten.

Suter: Trotzdem, dass bessere Steuerzahler kommen würden, hat man uns auch bei den anderen Neubauten versprochen. Doch wenn man die Jahresrechnung der Gemeinde von 2018 und 2017 vergleicht, hat sich nicht viel verändert. Und das, obwohl inzwischen viele neue Wohnungen, darunter auch im Sternenfeld oder Limmatspot, entstanden sind. Bisher hat das keine Mehreinnahmen generiert.

Schmid: Der Gesamtsteuerertrag pro Kopf ist nicht gestiegen, das stimmt. Es spielen verschiedene Faktoren mit, warum das so ist. Ich gehe aber so weit zu behaupten, dass dank der neuen Überbauungen der Steuerertrag nicht gesunken ist, sondern genau deshalb gehalten werden konnte. Zudem, der Limmatspot wurde gerade erst eröffnet, von den dortigen Mietern haben wir noch gar keine definitiven Steuerveranlagungen. Während sich dort vor allem Neuzuzüger eingemietet haben, sind viele Spreitenbacher ins Kreuzäcker gezogen. Sie wohnten bisher in alten Blöcken und wollten sich verändern. Und so sind einige alte Wohnungen mit nicht mehr ganz so zeitgemässen Grundrissen frei geworden. Da können wir nicht davon ausgehen, dass dort bessere Steuerzahler einziehen.

Suter: Ich behaupte, dass auch mit den 1000 Wohnungen mehr, die Tivoli Garten und Zentrum Neumatt zusammenbringen würden, der Steuerertrag nicht steigen wird.


Wenn die Teiländerung nun aber trotzdem angenommen wird, Herr Suter, werden Sie das Referendum ergreifen?


Suter: Über ein Referendum diskutiere ich noch nicht. Erst einmal warten wir die Abstimmung ab und wie deutlich sie ausfällt.

Schmid: In Spreitenbach sind die Hürden für ein Referendum sowieso höher als in anderen Gemeinden. Es braucht hier mindestens 20 Prozent Unterschriften der 4683 stimmberechtigten Einwohner. Das würde sehr schwierig werden, aber ausgeschlossen ist es nicht.

Hätte ein deutliches Ja Konsequenzen für Sie, Herr Suter?


Suter: Ich könnte mir vorstellen, dann hier wegzuziehen. Meine Lebensqualität wäre sehr beeinträchtigt, da ich ganz in der Nähe des Shoppingcenters lebe. Ich fände es mit diesen Schatten-
würfen, welche die 100-Meter-Türme verursachen würden, nicht mehr attraktiv genug. Schatten werfen die Türme ja bis zur Umweltarena. Das ist
verrückt.

Und was wäre der Plan B, wenn die Gemeindeversammlung die Teiländerung ablehnt, Herr Schmid?


Schmid: Wenn man ein Projekt in dieser Grössenordnung entwickelt, dann kann man keinen Plan B haben. Es würde fürs Erste keine Weiterentwicklung geben. Bald steht aber die Revision der Bau- und Nutzungsordnung an, und je nachdem wie deutlich die Abstimmung ausgeht und welche Beweggründe hinter einer allfälligen Ablehnung stecken, wird das Einfluss auf die Revision haben. Das finde ich auch so schön an Gemeindeversammlungen, da spürt man den Puls der Bevölkerung. Und deshalb hat mir dieses Geschäft bisher vor allem auch viel Freude bereitet: In Spreitenbach ist für einmal eine richtig intensive politische Diskussion im Gang. Das gab es meines Wissens in der Vergangenheit bisher so nicht.

Suter: Wir Gegner sind daran nicht unschuldig. Ich bin mir sicher, durch unser Engagement und dem Flyer «Neumatt Nein» wurden viele Spreitenbacher überhaupt erst wachgerüttelt.

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