Urdorf

Brigitta und Bruno Ghilardi übergeben ihre Traditionsbäckerei – das sind ihre Nachfolger

Die Alten und die Neuen: Bruno und Brigitta Ghilardi (von links) machen Platz für Caroline und Aron Lehmann.

Generationenwechsel: Ab Mitte August stehen Caroline und Aron Lehmann für die Urdorfer Kundschaft bereit. Neben Altbewährtem gibt es unter ihrer Leitung auch viel Neues.

Es duftet nach Brot und Schoggi. Torten, Berliner und so manche süsse Versuchung liegen hinter der Vitrine bereit. Brigitta Ghilardi packt ein paar Mandelgipfel in eine Tüte und reicht sie einer Kundin. «Jetzt gilt es ernst», sagt diese zu ihr und Bruno Ghilardi, der neben dem Tresen steht. Die Kundin schüttelt seine Hand. «Alles Gute und danke für alles», sagt die Frau, als sie die Bäckerei verlässt. «In den letzten Wochen sind viele Leute mit Sträussen und Geschenken vorbeigekommen, haben sich bedankt und verabschiedet», sagt Bruno Ghilardi. Der Bäckermeister gibt seinen Betrieb auf. Heute ist der letzte Verkaufstag in der Bäckerei Ghilardi.

Das Traditionsgeschäft, das seit 100 Jahren von der eigenen Familie geführt wird, wird aber nicht verschwinden. Caroline und Aron Lehmann werden es übernehmen und die Bäckerei in Lehmann umtaufen. Nach den Betriebsferien am 13. August geht es für die Lehmanns los. Der gelernte Bäckermeister und die Bankkauffrau treten in grosse Fussstapfen. Die Bäckerei ist ein fester Bestandteil Urdorfs. Brigitta und Bruno Ghilardi waren 33 Jahre lang um das Wohl der Kundschaft und die Qualität der Produkte bemüht. Zusätzlich haben sie 24 Lehrlinge ausgebildet. «Ich habe es sehr gerne gemacht, es war aber auch sehr streng», sagt Ghilardi. Er ist an der Birmensdorferstrasse 137 grossgeworden, hat bereits seinen Eltern als Kind in der Backstube und im Laden über die Schultern geschaut. «Doch irgendwann ist es einfach Zeit, aufzuhören», sagt er. Hauptsächlich aus gesundheitlichen Gründen hat er sich für diesen Schritt entschlossen, aber auch, weil das Pensionsalter kurz bevorsteht. Eine familieninterne Nachfolgelösung ist nicht möglich. «Unsere beiden Kinder arbeiten in völlig anderen Branchen», sagt Ghilardi. Ob er die Arbeit vermissen werde, könne er nicht sagen. «Ich hatte noch gar keine Zeit, mir darüber Gedanken zu machen. Das Geschäft läuft noch und es gibt viel zu organisieren.»

Druck der grossen Backwarenhersteller

Auch wenn der Betrieb nicht mehr in der Familie bleibt, ist Ghilardi froh, dass es weitergeht. «In den letzten Jahren sind sehr viele kleine Dorf-Bäckereien zugegangen. 2007 gab es noch 2297 Berufsverbandsmitglieder mit Geschäft, 2019 nur noch 1436.» Den Druck der grossen Backwarenhersteller spürte Ghilardi nicht nur am eigenen Leib, sondern auch im Schweizerischen Bäcker-Confiseurmeister-Verband. Neben seiner Tätigkeit als Bäcker übernahm er im Berufsverband diverse Ämter. Er war Präsident der Region Limmattal, später der Stadt Zürich. Zwölf Jahre lang war er in der Geschäftsleitung des Verbands in Bern tätig. «Es war eine sehr lehrreiche Zeit, die mir viel Spass bereitet hat», sagt Ghilardi.

Die Vorlieben der Kunden veränderten sich im Laufe der Jahre. «Torten laufen nicht mehr so gut wie früher. Vermutlich, weil die Leute kalorienbewusster einkaufen. Heute bestellt fast niemand mehr eine feisse Buttercremetorte.» Zugenommen habe hingegen das Snack-Angebot. «Sandwiches, Salate und Birchermüesli verkaufen wir viel mehr. Früher hatten wir zum Beispiel gar keinen Salat im Angebot.» Erleichtert ist Ghilardi, dass heute Abend der Stress nachlässt. «Wir haben uns ja nicht nur um die Produktion der Waren und die Kundschaft, sondern auch um die Bestellungen und das Administrative gekümmert.» Er habe all die Jahre auf vieles verzichtet. «Für Hobbys hatte ich keine Zeit.» Das will der 62-Jährige nun nachholen. Auf dem Programm stehen unter anderem das Reisen und das Musikmachen. «Ich habe früher Schlagzeug gespielt und besitze immer noch eins. Dem will ich mich wieder widmen», sagt Ghilardi.

Mehr Snacks und neue Brotsorten

Dem Ehepaar Lehmann steht das bevor, was die Ghilardis bald hinter sich haben. «Wir freuen uns auf die neue Herausforderung», sagt Aron Lehmann. Sie seien froh, dass sie einen Betrieb übernehmen könnten, der Tradition habe und bei dem die Qualität der Produkte stimme. «Das wollen wir weiterpflegen und auf unsere Art neu interpretieren.» Die Kundschaft erwartet dasselbe Sortiment. Ghilardi gibt seine Rezepte weiter. Doch es wird auch Neues zu finden sein. «Das Snack-Angebot werden wir mit einem breiteren Sortiment aufstocken», sagt Lehmann. Zudem soll die eine oder andere Brotsorte hinzukommen. Die Kundschaft habe die Möglichkeit, die neuen Produkte zu degustieren. Das neu auch am Sonntagvormittag. Dann wollen die Lehmanns den Laden nämlich auch öffnen.

Übernehmen werden die Lehmanns auch zehn von zwölf Mitarbeitern. Und wie ihre Vorgänger wird das Ehepaar nicht verkaufte Produkte an den Verein «Aufgetischt statt weggeworfen» abgeben, der die Ware an Armutsbetroffene in Urdorf verteilt.

Caroline und Aron Lehmann führten fünf Jahre lang die Bäckerei Wagner im sankt-gallischen Oberuzwil. «Am Anfang hatten wir es nicht einfach, wir mussten als Zürcher zuerst das Vertrauen der Kundschaft gewinnen», sagt Aron Lehmann, der in Regensdorf aufgewachsen ist. «Doch als wir 2017 aufgehört haben, hatten uns einige Kunden so ins Herzen geschlossen, dass sie sogar weinten», erzählt Caroline Lehmann. Sie stammt ursprünglich aus Simbabwe und hängte ihren Beruf als Bankkauffrau an den Nagel, um mit ihrem Mann die Bäckerei in Oberuzwil zu betreiben. Da es beide wieder näher zur Familie in den Kanton Zürich zog, suchten sie eine Bäckerei in der Region.

Derzeit wohnt das Ehepaar in Glattfelden. «Doch wir können uns gut vorstellen, nach Urdorf zu ziehen», sagt Aron Lehmann. Denn den beiden 56-Jährigen ist klar: «Das wird unsere letzte Station bis zur Pension sein.» Bruno Ghilardi wird derweil auch im Ruhestand bei den Lehmanns vorbeischauen. «Ich werde kontrollieren, ob sie es gut machen», sagt er und lacht. Oder er werde einfach seine Frau nach der Arbeit abholen. Brigitta Ghilardi wird nämlich weiterhin die Kundinnen und Kunden im Laden bedienen.

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Autor

Sibylle Egloff

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