Ein Gang entlang der Zürcher- und der Brandstrasse in Schlieren dürfte das Herz von Autoliebhabern höherschlagen lassen. An diesen beiden Adressen findet sich nämlich eine Vielzahl von glänzenden Logos bekannter Automarken, die hier eine Niederlassung haben. «Dabei handelt es sich um das erste Branchen-Cluster, über das Schlieren verfügte», sagt der städtische Standortförderer Albert Schweizer auf Anfrage.

Erst Jahrzehnte nachdem die Autos Schlieren für sich entdeckten, seien mit dem Biotechnologie- und dem Start-up-Cluster weitere hinzugekommen. Über zahlreiche Garagen habe die Stadt schon länger verfügt, doch mit der Verlegung des Hauptsitzes der Mercedes Benz Automobil AG aus der Stadt Zürich nach Schlieren in den 1960er-Jahren sei der Grundstein gelegt worden für den Aufstieg Schlierens zur Schweizer Autohauptstadt.

Drei Schweizer Hauptsitze

Heute haben drei namhafte internationale Automarken ihren Schweizer Hauptsitz in Schlieren. Neben der Mercedes Benz Schweiz AG, die erst an der Zürcherstrasse beheimatet war und 2005 an die Bernstrasse umzog, ist auch Fiat Chrysler Automobiles Switzerland und Peugeot Citroën Switzerland (PSA) hier vertreten.

PSA ist im Schlatter-Hochhaus beheimatet. Darüber hinaus eröffnete die AMAG 2012 ein Porschezentrum in einem prestigeträchtigen Neubau aus der Feder von Architektin Tilla Theus – ebenfalls an der Bernstrasse und von Schweizer vermittelt. Unweit davon, an der Goldschlägistrasse, verfügt der US-Elektroauto-Hersteller Tesla über eine Niederlassung. Auch an der Zürcherstrasse ist der Autohandel präsent. Dort sind neben einer Citroën-Niederlassung auch die Emil Frey AG mit Toyota und Lexus, die Th. Willy mit Ford und Seat sowie Auto Züri West mit diversen Marken angesiedelt.

Für Stadtpräsident Toni Brühlmann-Jecklin (SP) ist es erfreulich, dass so viele Auto-Unternehmen in Schlieren präsent sind. «Die Autobranche ist historisch mit Schlieren verbunden. Das ist auch gut so», sagt er. Dass immer wieder neue Automarken nach Schlieren finden, sei Ausdruck dafür, dass sie hier gute Rahmenbedingungen vorfinden. «Auf jeden Fall darf man gespannt sein auf die zukünftige Entwicklung angesichts des Umbruchs, der in der Autobranche ansteht.»

Vermittler und Ermöglicher

Bei über der Hälfte der Neuansiedlungen fungierte Albert Schweizer als Vermittler und Ermöglicher. Neben dem guten Anschluss an die Autobahn, der Nähe zur Stadt Zürich und den grossen Baulandreserven Anfang der Nullerjahre habe er mit sogenannten Soft-Faktoren punkten müssen. «Unternehmen schätzen eine offene, schnelle und direkte Kommunikation. Das können nicht alle Städte bieten», so Schweizer.

Auch ein Vermietungs-Gag, wie er es selber nennt, habe zu einer Ansiedlung geführt. «Ein Bürogebäude an der Zürcherstrasse stand leer und wir boten es der Fiat Chrysler Automobiles Switzerland ‹all inclusive› für zehn Jahre an, ohne Heizkostenabrechnung», so Schweizer. Auch auf die Wünsche der Mercedes Benz AG habe man im Jahr 2005 Rücksicht genommen. «Eine der Bedingungen der Verantwortlichen war, dass der Auto-Occasionshandel beim Bahnhof und in Schlieren West bis zum Bezug verschwunden sein muss», sagt Schweizer. Dies habe man versprochen und auch eingehalten.

Wichtig für die Stadtentwicklung

Mit dem Occasionshandel kam nämlich die dunkle Seite des Autohandels zum Vorschein. Diese Geschäfte wurden auf den stillgelegten Industriearealen – die Fläche umfasste zwischen 50 und 70'000 Quadratmetern – seit den 1980er-Jahren betrieben. Brühlmann erinnert sich, dass dies in der Bevölkerung Verunsicherung hervorrief. «Die grossen Autoverkaufsflächen waren einerseits ästhetisch unerfreulich. Andererseits brachte der Occasionshandel auch unerfreuliche Nebenerscheinungen mit sich wie illegales Geschäften zwischen den Autos», so Brühlmann. Dass die Besitzer der Grundstücke zu einer neuen Nutzung ermutigt wurden, sei wichtig gewesen für die Stadtentwicklung, so Schweizer. Heute stehen hier die Stadtquartiere Schlieren West und «Am Rietpark».

Etwa zeitgleich mit der Absicht, den Occasionshandel zu verbannen, entstanden auch die Pläne einer Automeile in Schlieren. Balz Halter vom Bauunternehmen Halter AG sah vor, entlang der Brandstrasse ein Kompetenzzentrum für Automobile entstehen zu lassen. Als Vorbild diente Düsseldorf. So sollten die namhaftesten Autohersteller einen Standort in Schlieren eröffnen.

Suboptimales Timing kein Nachteil

«Die Idee scheiterte jedoch, weil das Timing für diverse Player nicht stimmte. Kurz zuvor hatten Sie sich für andere Standorte entschieden», so Schweizer. Im Nachhinein war das suboptimale Timing keineswegs ein Nachteil. «Auch wenn Vertreter wie Opel oder BMW heute nicht in Schlieren vertreten sind. Die Idee einer Automeile wurde sicherlich zu 50 Prozent realisiert», sagt Schweizer.

Und wie sieht die Zukunft aus? Platz für den Bau neuer Autozentren gibt es beinahe keinen mehr. Nur auf der Parzelle von Geistlich zwischen Bern-, Brand und Engstringerstrasse kann noch etwas erstellt werden. «Vielleicht haben wir mit diesem Cluster das Maximum erreicht», so Schweizer. Und dieses Maximum ist ein wichtiger Beschäftigungszweig in Schlieren: Das Biotechnologie-Cluster und das Autocluster stellen in der Stadt derzeit in etwa gleich viele Arbeitsplätze zur Verfügung, nämlich rund 2000.