Leserbeitrag
Geschichten von Bozen, Teufeln und Zwergen

Marcel Siegrist
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Andreas Weissen aus Brig entführte das Kul’tour -Publikum in Gipf-Oberfrick mit seiner Erzählkunst in die Walliser Geister- und Bergwelt Die Bestattungsfirma Biaggi AG stellte ihre Räumlichkeiten zur Verfügung.

Normalerweise kommen die Leute nur zum Bestatter, wenn sie müssen, jetzt sind sehr viele freiwillig gekommen! freute sich Rico Biaggi bei der Begrüssung des 50-köpfigen Publikums. Die Firma Biaggi AG steht seit 1989 in zweiter Generation im Dienste der Öffentlichkeit. „Den Tod der Familie zurückgeben“ ist ein zentrales Anliegen der Firma mit sieben Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Die Betroffenen sollen den Abschied von Angehörigen nach ihren Wünschen gestalten können.

Vor der Erfindung des Elektrischen trafen sich die Leute im Oberwallis zum „Abusitz“, wo sie einander „Bozugschichten“ (Geistergeschichten) erzählten und „Lugine“, wie die Erzählungen heissen, bei denen man nicht sicher ist, was davon wahr sind und was nicht. Mit den Geistergeschichten wurde er im Wallis erzogen, erzählte Rico Biaggi. Es war eine Erziehung mit der Angst – Angst vor dem Dunkeln, vor Tod und Teufel und den Armen Seelen. Ein wenig Angst und leichtes Grauen, vermischt mit Spannung, wurde tatsächlich fühlbar im dunklen, kerzenbeschienenen Raum, als Andreas Weissen mit seiner „Zellute“ (Erzählung) begann. Weissen ist einer der bekanntesten Oberwalliser Geschichtenerzähler. Der Briger führt ein eigenes Büro für Projekte im Bereich Natur und Kultur und arbeitet für den Landschaftspark Binntal. Er ist seit 15 Jahren regelmässig unterwegs in verschiedenen Kulturlokalen und Restaurants mit rund 100 Sagen im Gepäck, die er frei erzählt, variiert und erweitert, je nach Stimmung.

Wort – und stimmgewaltig schaffte Weissen eine Atmosphäre, die einen vergessen liess, dass man sich in der Garage der Bestattungsfirma Biaggi befand. Mit kurzen Improvisationen auf der Blockflöte leitete er von einer Sage zur nächsten über. Der urchige Dialekt konnte dank Andreas Weissens dynamischer Erzählweise und ausgeprägter Mimik und Gestik mit seiner Kraft und seinem Reichtum erlebt werden. Mancher Begriff war für die Ohren der Zuhörenden unbekannt, doch man brauchte nicht jedes einzelne Wort zu verstehen, um dem Erzählstrang folgen zu können. Einige Sagen berichteten von der Begegnung mit Geistern, wie der unheimlichenTanzgesellschaft, die ein Bauer auf dem Heimweg in einer verlassenen Hütte entdeckte. Andere Geschichten handelten von den Zwergen, die Gogwärgjini, Helfer der Menschen, die mit einem Sieb eine gehäufte Wasserportion bringen können oder von denen ein Bauer Käse und Brot erhielt, die selber nachwuchsen, wenn man nicht mehr als die Hälfte davon ass. Virtuos spielte Andreas Weissen zuweilen die verschiedenen Rollen der Sagenfiguren und erweckte so die Gestalten zum Leben.

In einer weiteren Geschichte konnte der Teufel überlistet werden von einem Sennen, der die Matten vom Leibhaftigen pflügen liess und diesen dann dank einem „Botiji Gwäss“, einem sauren Walliser Wein, in die Flucht schlug, bevor er seine Seele holen konnte. Zwei weitere Sagen handelten davon, wie Arme Seelen erlöst werden konnten von Wallisern, die es schafften, die Geister anzusprechen und ihnen halfen, ihre Aufgabe zu erledigen.

Der Geschichtenerzähler gab dem Publikum zum Schluss noch Tipps im Umgang mit Geistern und Armen Seelen: So können böse Geister abgewendet werden, indem man das Kreuzzeichen mit der Zunge am Gaumen zeichnet. Und im Gespräch mit den Geistern sei es wichtig, Bedingungen zu stellen, nachdem man ihnen „den Atem gibt“, damit sie sprechen können, erklärte Weissen. „Das erste und letzte Wort ist mein!“ Mit diesem Satz kontrolliere man die Kommunikation mit den Geistern. Vier Stunden beträgt der Erzählrekord von Andreas Weissen. So lange dauerte der „Abusitz“ nicht, doch man hätte Weissen gerne noch länger zugehört, wie der warme und lange Applaus des Publikums zeigte.