Entscheidungsmüde

Zu viel Auswahl treibt uns in den Wahnsinn – darauf reagiert nun sogar Netflix

Die Qual der Wahl: Zu viele Möglichkeiten machen uns unglücklich.

Die Qual der Wahl: Zu viele Möglichkeiten machen uns unglücklich.

Der Streaming-Gigant Netflix macht jetzt lineares Fernsehen. Weil wir uns mit der unendlichen Auswahl an Serien und Filmen so schwer tun. Entscheidungsmüde sind wir aber nicht nur vor dem Fernseher.

Früher schaute ich einmal die Woche die Fortsetzung einer mittelmässigen Serie, freute mich schon auf die nächste und ging dann schlafen und fertig. Doch dann kam Netflix. Plötzlich waren da Hunderte Filme, Tausende Stunden Serienstoff, das Beste, was das Internet zu bieten hat, immer was ich will, wann ich will, so oft ich will.

Was schön anfing, hat sich in der Zwischenzeit als Vorort der Hölle entpuppt. Ich klicke und zögere und suche mich halb wahnsinnig, breche irgendwann innerlich zusammen und klappe den Laptop wieder zu.

Auf diesen Umstand reagiert Netflix nun. Die neue Funktion «Netflix Direct» liefert lineares Fernsehen via Browser, alles schön nacheinander. Getestet wird seit Anfang November in Frankreich.

Netflix schreibt in seiner Medienmitteilung einfühlsam:

«Vielleicht sind Sie nicht in der Stimmung, sich zu entscheiden, oder Sie sind neu und müssen sich erst zurechtfinden oder Sie möchten von etwas Neuem und Anderem überrascht werden.»

Wie wahr.

Das, was uns da nämlich anerzogen wurde, dieses Durchforsten eines nie enden wollenden Waldes an Unterhaltung, an Klicks, an Möglichkeiten, an Konsum, das halten wir psychologisch gar nicht aus.

«Decision fatigue» nennen es die Expertinnen, wenn wir vor lauter Entscheidungen, die da überall lauern, in uns zusammenbrechen. Entscheidungsmüdigkeit. Zu viel Auswahl macht den Menschen verrückt, müde und matt. Statt die grosse Befreiung verspüren wir Lähmung. Werden geflutet mit Information, und tun am Ende: gar nichts.

Der US-amerikanische Psychologe Berry Schwartz kommt zum Schluss: Wir sind heutzutage mit so vielen Entscheidungsmöglichkeiten in allen Bereichen unseres Lebens konfrontiert, dass selbst Entscheidungen in den banalsten Momenten unseres Lebens sich gross, relevant und furchteinflössend anfühlen.

Einen Film aussuchen wird zur schier unüberwindbaren Aufgabe, die uns nicht nur viel Energie und Willenskraft kostet, sondern uns auch unzufrieden zurücklässt. Denn je mehr Auswahl uns gegeben wird, desto grösser wird unsere Angst, die falsche Wahl zu treffen.

Ist die Auswahl zu gross, führt das zwangsläufig zu Enttäuschung

Und schaffen wir es dann doch, fühlt sich die Entscheidung weniger gut an als erhofft. «Wenn die Auswahl sehr gross ist, steigt auch meine Erwartung», sagt Claude Messner, Professor für Konsumentenverhalten an der Universität Bern. «Ist der Film dann nicht so toll wie erhofft, bin ich schneller enttäuscht.» Haben wir mehr Auswahl, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass etwas Passendes dabei ist. Gleichsam aber wird es schwieriger, in dieser grösseren Auswahl auch das Richtige zu finden.

Dann tanzen wir in unserer Individualisierungskultur durch Galaxus’ Suchfunktion mit ihren gefühlt 3456 Saftpressen und wischen uns auf Tinder durch die Profile von 130 Männern, die man in der Nähe auf ein Bier treffen könnte, wenn Corona nicht grad wär’, und wundern uns, dass wir am Ende des Tages kaum mehr Energie haben und uns unglücklich fühlen.

Denn: Glaubt man dem Ressourcenmodell der Selbstkontrolle, ist diese eine beschränkte Ressource. Habe ich zu viel Auswahl und muss mich ständig in Kontrolle üben, beispielsweise, wenn ich mich aktiv zusammenreisse, nicht schon wieder auf Social Media rumzuklicken oder die nächste Folge auf Netflix zu schauen Das hat negative Auswirkungen auf meine Willenskraft.

Irgendwann werde ich geistig schwach - und habe dann auch in anderen Bereichen vorübergehend weniger Kraft, mich aufzuraffen. Das menschliche System macht keinen Unterschied, wofür die Willenskraft aufgewendet wird: Für den Frühlingsputz, der Auswahl einer Serie oder für die Impulskontrolle, bevor man im Tram jemanden anschreit, der einem auf die Füsse tritt. Der Speicher ist leer.

Warum Steve Jobs immer den gleichen Pullover trug

Auch deshalb setzen gerade erfolgreiche Menschen auf automatisierte Entscheidungsprozesse. Weil der Arbeitsspeicher im Gehirn dann für anderes frei bleibt. Und so joggen sie jeden Morgen die gleiche Route, ziehen sich wie Steve Jobs den immergleichen Rollkragenpullover über oder essen jeden Mittag Brokkoli mit Reis.

Die Frage nach dem Zuviel ist nicht neu. Studien arbeiten mit einer Zahl von rund fünf bis sieben Informationshappen, die wir uns kurzzeitig merken können. Das ist so viel wie eine Telefonnummer. Bei den vierzig Pastasorten im Regal und den Dutzenden Glacé- und Joghurtaromen ist die Grenze unseres Informationsfassungsvermögens also schon lange übertreten. Und die Opportunitätskosten steigen: Die negativen Effekte, die eintreten, weil man sich mit jeder Wahl für etwas auch gleichzeitig gegen etwas Anderes entscheidet.

Bei 40 verschiedenen Pastasorten verliert man rasch den Überblick.

Bei 40 verschiedenen Pastasorten verliert man rasch den Überblick.

Und: Haben wir uns daran gewöhnt, die grosse Auswahl zu haben und fällt diese dann plötzlich weg, erleben wir das sehr negativ. «Auch wenn es Optionen waren, die uns gar nicht wichtig sind», sagt Psychologe Messner. Die Wahrscheinlichkeit, dass Netflix nun also seine Serienflut eindämmt, ist relativ klein. Viel eher würden sich Angebote etablieren, die der Nutzerin dabei helfen, besser zu selektieren, so Messner.

Rituale und Bekanntes vermitteln Geborgenheit

Denn wir sehnen uns nicht danach, weniger Auswahl zu haben, sondern auch, Entscheidungen abgeben zu können. Das ist nicht dasselbe. Oder wir kehren, erschöpft ob all der Auswahl, dazu zurück, das zu tun, was wir schon kennen. Weil Rituale und Bekanntes auch Geborgenheit und Sicherheit vermitteln. Und damit ein Stückchen Glück.

So resümierte «Migusto», die Kochzeitung der Migros, vor ein paar Tagen, sie hätten über 200 Guezli-Rezepte in ihrer digitalen Kartei. Am Ende würden dann aber doch erstaunlicherweise alle die Mailänderli googeln.

Netflix verkauft uns derweil altes Fernsehen als neuen Heilsbringer. Und wenn das nichts hilft: Ende Oktober ist die erste Ausgabe des Schweizer «Streaming»-Magazins erschienen. Das gute, alte, TV-Heftli ist zurück, gedruckt auf Papier.

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